Sex-Arzt: Revision, Revision

Bedauern ohne Unrechtsbewusstsein: Sex-Arzt Heinz W. vor dem Bamberger Landgericht.

BAMBERG. Nach Feststellung des Landgerichts Bamberg ist Heinz W., ehemaliger Chefarzt der Abteilung für Gefäßchirurgie am Klinikum Bamberg, der schweren Vergewaltigung in sechs Fällen, der sexuellen Nötigung und gefährlichen Körperverletzung in weiteren sechs Fällen und des Missbrauchs Widerstandsunfähiger schuldig. Die Kammer verurteilte ihn zu sieben Jahren und neun Monaten Freiheitsstrafe, zudem sprach sie  ein fünfjähriges Berufsverbot aus. Der Mediziner geht in Revision, auch die Staatsanwaltschaft hat Rechtsmittel gegen das Urteil eingelegt.

Nun geht es um die Frage, ob das Eindringen mit Gegenständen („Sexspielzeugen“ aus dem Erotikhandel) in Genitalien bzw. Anus von zuvor betäubten Frauen als schwere Vergewaltigung, oder „nur“ als sexuelle Nötigung  oder womöglich gar als medizinisch sinnvolle Maßnahme anzusehen waren. Der ehemalige Chefarzt bleibt erst einmal in Haft. Bis zu einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs können zwei Jahre vergehen. Prozessbeobachter indes bezweifeln, dass der BGH schwere Verfahrensfehler feststellen wird. (BR24, 17.10.2016).

Der Prozess im Rückblick: Bis auf den Missbrauch der 18-jährigen Patentochter seiner Ehefrau, die er nahezu unbekleidet im Hotelzimmer filmte, nachdem er sie vorher betrunken gemacht hatte, wurden die Taten im Zeitraum von 2008 bis 2014 außerhalb der normalen Dienstzeiten am Arbeitsplatz des Angeklagten im Klinikum begangen.

Die betroffenen Frauen im Alter von siebzehn bis achtundzwanzig Jahren, zum einen Patientinnen, zum anderen Klinikmitarbeiterinnen, haben ganz überwiegend an die Taten keine Erinnerung. Nach Überzeugung des Gerichts hatte sie der Angeklagte unter dem Vorwand einer wissenschaftlichen Studie, die es jedoch nie gab, mit dem kurz wirksamen Narkosemittel Midazolam betäubt, das zudem – vergleichbar mit sogenannten K.O.-Tropfen – die Erinnerung an das Geschehene mindestens erheblich beeinträchtigt oder sogar aufhebt. Dann habe er ihnen im Erotikhandel beschafftes „Sexspielzeug“ in die Scheide oder anal eingeführt und davon insgesamt achtzehn Fotos und einen dreizehnminütigenVideoclip angefertigt, allerdings auch Tausende anderer Fotos, nach seinen Angaben alles „zu rein medizinischen Zwecken".

Der ehemalige Chefarzt, der seit August 2014 in Untersuchungshaft sitzt, bestreitet nach wie vor jegliche sexuelle Motivation. Die Verteidigung hält das Urteil für viel zu hoch und geht in Revision. Die Staatsanwaltschaft überlegt dies ihrerseits ebenfalls. Sie hatte fünfzehn Jahre und ein lebenslanges Berufsverbot gefordert. Die betroffenen Frauen hatten vom Klinikum vorab schon im März 2015 eine außergerichtliche Entschädigung in Höhe von 15.000 Euro bekommen. Der Mammutprozess dauerte insgesamt einundsiebzig Verhandlungstage.

Nachdem   Heinz W. ein überraschendes Teilgeständnis abgelegt und in einem der dreizehn Fälle „die Tatsachen“ eingeräumt hatte, wie sie in der Anklage stehen, haben nun  Mitarbeiterinnen des Bamberger Klinikums gegen ihn ausgesagt. Die beiden Assistenzärztinnen und eine medizinische Fachangestellte erklärten, dass die vorhandenen Ultraschallgeräte gar nicht für Untersuchungen mit Kontrastmittel geeignet seien. Das hatte der ehemalige Chefarzt aber behauptet. Die Verteidigung argumentierte hingegen, dass die „Außenseitermethoden“ des Angeklagten nicht jedem Mitarbeiter bekannt gewesen seien.

Der von einem Kollegen als „überaus geltungsbedürftig und ein Mann mit zwei Gesichtern" beschriebene Mediziner, der sich seit August 2014 in U-Haft befindet, leugnete bisher sexuelle Motive. Vielmehr habe er eine neue Methode zur Untersuchung von Gerinnseln in den Beckenvenen entwickeln wollen. Dazu sei es notwendig, den Schambereich zu untersuchen, weil sich bei dieser Erkrankung dort Stauungen der venösen Blutgefäße nachweisen ließen. Sein Rechtsanwalt Dieter Widmann erklärte, bei seinem Mandanten handele es sich um eine "Koryphäe" auf diesem Fachgebiet (siehe Focus-Ärzte  2014, 3 Top-Mediziner). Er habe einigen der Nebenklägerinnen mit Operationen das Leben gerettet. Die große Anzahl von Bildern in der Klinik und bei ihm zu Hause, die von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt wurden, sei auf eine falsche Kameraeinstellung beim Drehen des Films zurückzuführen. Die Hauptbelastungszeugin, eine Medizinstudentin (27), berichtete unter Tränen, dass sie vor der angeblichen Untersuchung von dem Arzt nicht über den Einsatz eines „Sexspielzeugs“ aufgeklärt worden sei. Erst Stunden später habe sie ihr volles Gedächtnis wiedererlangt. In der Blutprobe wurde später das Betäubungsmittel Midazolam gefunden. Dem ehemaligen Chefarzt drohen bis zu 15 Jahre Haft.  DIe Verteidigung bezweifelt die Glaubwürdigkeit der Zeuginnen.

Eingeräumt hatte Heinz W., die Patentochter (18) seiner Ehefrau an einer Hotelbar mit dem Party-Getränk Klopfer-Likör betrunken gemacht zu haben. Später überreichte er ihr im Zimmer ein Kistchen mit Dildos. Damit streichelte er die junge Frau im Halbschlaf am ganzen Körper, was er mit einer versteckten Kamera filmte. Den Vorwurf des Missbrauchs der Frauen mit einem Sex-Spielzeug leugnet er noch immer – aber er wird durch ein selbstgedrehtes Video schwer belastet, in dem er „Anal-Stöpsel" zur sexuellen Stimulation einsetzt!

Eine überraschende Wende kündigt sich für die Verteidigung mit der Vernehmung desToxikologen der Universität Erlangen in der Verhandlung am 12. Januar 2016 an. Entgegen dem Willen der Nebenklage sagte er öffentlich aus, dass er neben dem K.o.-Mittel Midazolam auch die Ersatzdroge Methadon in Konzentrationen in der nächtlichen Blutprobe der Hauptzeugin gefunden habe. Davon war bisher nie die Rede gewesen. Wenn die Frau das Methadon selbst eingenommen hätte, wären ihre Symptome wie Gedächtnisausfall und Beeinträchtigung des Fahrvermögens möglicherweise auch darauf zurückzuführen.

So schnell kann sich alles ändern: doch keine überraschende Wende im Sex-Arzt-Prozess. Während die Verteidigung das Gutachten des Toxikologen der Universität Erlangen als Beweis für einen Drogenmissbrauch der Hauptzeugin mit Methadon umdeutete, stellte der Gutachter nun klar, dass sich bei Kontrolluntersuchungen mit Sicherheit kein Methadon im Blut befunden hat. Das gleiche hatte die Hauptzeugin schon zuvor in einer anwaltlichen Erklärung bekundet. Kurze Zeit schien der Angeklagte schon zu triumphieren - jetzt fällt das Kartenhaus der Verteidigung von der Geschichte der selbst Medikamentenmissbrauch betreibenden Hauptzeugin wieder in sich zusammen.

In der Verhandlung am 19. Januar 2016 versucht sich die Verteidigung in einer neuen Variante der Erklärung. Nachdem der Ex-Chefarzt stundenlang in mehreren Verhandlungen zu Beginn seines Prozesses das angeblich so hohe wissenschaftliche Niveau seiner Forschungsarbeiten hervorgehoben hat, wozu auch das Fotografieren der Geschlechtsregion von jungen Frauen gehörte, die von ihm ohne ihr Wissen in Narkose entkleidet worden sein sollen, wie die Anklageschrift ihm vorwirft, will er nun von dem Begriff der „Studie“ nichts mehr wissen. Er erklärt nun, dass es „korrekt gewesen wäre", von „Synopsis“ zu sprechen - einer „Art Zusammenfassung von Gedanken". Auch anderen Frauen gegenüber sei nie von „Studie“ gesprochen worden, das habe erst eine Presseberichterstattung getan. Offenbar beunruhigt die Verteidigung die Übereinstimmung der Berichte der vielen potentiellen Opfer. Wenn sie stimmen, hat er den Frauen nur erzählt, dass es sich um eine wissenschaftliche Studie handelt, um einen Grund zu haben, ihnen angeblich Kontrastmittel zu spritzen. In Wirklichkeit soll er Midazolam gespritzt haben, ein Kurznarkotikum, das willenlos macht und darüber hinaus zu Erinnerungslücken führt. Wenn es stimmt, dann wohl mit dem Ziel, unliebsame Zeugenaussagen und Anzeigen von vornherein unmöglich zu machen.

Die Blutproben der Hauptbelastungszeugin des Verfahrens sollen im Labor beschlagnahmt und erneut untersucht werden, fordert nunmehr im Februar 2016 die Verteidigung des ehemaligen Chefarztes der Gefäßchirurgie des Klinikum Bamberg, Dr. Heinz W. Offenbar steht dem Angeklagten das Wasser bis zum Hals und seine Verteidigung hofft, die eindeutigen Indizienbeweise noch zu Fall bringen zu können. Allerdings: Überzeugende Gründe, warum die ersten Laborergebnisse trotz Bestätigungstests falsch sein sollen, sind bisher nicht bekannt. Zudem ändert das nichts daran, dass der Chefarzt von allen Geschädigten bei seiner "Studie" Fotos der Schamlippen gemacht hat, ohne dass diese (bei Beginn und nach der Ultraschall-Untersuchung noch mit Unterwäsche bekleidet) etwas davon gemerkt haben. Entweder leiden alle Zeuginnen an medizinisch unerklärlichem Gedächtnisverlust, oder ihnen wurde statt Kontrastmittel ein Narkotikum (Midazolam) verabreicht.

Im März 2016 geht es wieder um die mögliche Befangenheit der Gutachter. Weil ein Gutachter "unangekündigt" sein erstes Gutachten von 16 auf 45 Seiten erweiterte, und zudem darin klare Worte fand, was man aus medizinischer Sicht von Sexspielzeug zur Verbesserung der genitalen Durchblutung halten soll - nämlich gar nichts - stellt die Verteidigung wieder Befangenheitsanträge. Der Gutachter beruft sich auf seine Beobachtungen im monatelangen Prozessverlauf. Auch ein weiterer Gutachter wurde erneut Gegenstand eines Befangenheitsantrags. Es werden nicht die letzten Befangenheitsanträge gewesen sein. Große Chancen werden ihnen allerdings nicht gegeben.

Nach mehrfachen Befangenheitsanträgen endlich der Vortrag des gynäkologischen Sachverständigen: Wie erwartet stellte er die angeblichen wissenschaftlichen Methoden des Bamberger Chefarztes in Frage. Die Untersuchung von jungen Frauen mit Sexspielzeugen aus dem Erotikhandel erfüllt nicht den Anspruch an eine wissenschaftliche Studie zur Messung der Durchblutung der Beckenvenen. Offen bleibt weiterhin, warum sich keine der Frauen daran erinnern kann, dass solche Intimfotos gemacht wurden, die bei den Ermittlungen gefunden wurden.

Das Urteil (17.10.2016):

BILD

RP ONLINE

BR Fernsehen (videothek)

Mehr zu den Schlussvorträgen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung hier, hier, hier und hier.

+++ Verteidigung fordert Bewährungsstrafe (Video, tvo 5-10-2016)

+++ Gutachter sagt aus (Bayerischer Rundfunk, 15.06.2016)

+++ Behandlungsmethoden auf dem Prüfstand (BR24, 15.06.2016)

+++ Hafturlaub abgelehnt: Chefarzt darf nicht zur demenzkranken Mutter nach Hause (Nordbayerischer Kurier, 15.05.2016)

+++ Die Nerven liegen blank (BR, 26.04.2016)

+++ Antrag auf Verwendung eines Videos zur Testung von Analstöpseln und anderen Gegenständen an sich selbst (BR, 23.03.2016)

+++ Neue Befangenheitsanträge mit wenig Aussicht auf Erfolg gegen 2 der 3 medizinischen Gutachter (BR, 09.03.2016)

+++ Verteidigung stellt immer neue prozessverlängerende Beweisanträge und verlangt Beschlagnahmung und erneute Untersuchung von Blutproben (infranken.de, 17.02.2016)

+++ (S)Ex-Chefarzt will von seiner angeblichen wissenschaftlichen Studie nichts mehr wissen" (infranken.de, 19.01.2016)

+++ Chefarzt sieht seine Unschuld bewiesen - Toxikologe findet bei Kontrolluntersuchung doch kein Methadon! (youtube-Video: Bayerischer Rundfunk 13.01.2016)

+++ Bamberger Chefarzt-Prozess: Toxikologe sagt aus (youtube-Video: Bayerischer Rundfunk, 12.01.2016)

+++ Hauptzeugin hatte nachts auch das Drogenersatzmittel Methadon im Blut - ist das die Wende im Prozess? (nordbayerischer kurier, 13.01.2016)

+++ Damals 20jährige Zeugin erfuhr erst durch die Medien von dem Fall - auch hier angebliches Kontrastmittel mit Erinnerungsverlust gespritzt! (radio bamberg, 3.12.2015)

+++ Angestellte Ärztinnen und MTA wussten nichts von "Außenseitermethoden" Ihres ehemaligen Chefs (Nordbayern.de, 04.11.2015)

+++ Arzt (49) missbrauchte Patenkind (18) mit Dildos (Bild, 23.10.2015)

+++ Sex-Chefarzt gesteht Missbrauch von Patenkind  (22.10.2015)

+++ Video BR (15.10.2015)

+++ Weitere 6 Zeugen und eine Nebenklägerin unter Ausschluss der Öffentlichkeit vernommen (14.10.2015, radiobamberg)

+++ Hexenschuss: 25./26.Verhandlungstermine am 6. und 7.10.2015 fallen kurzfristig aus (06.10.2015)

+++ Chefarzt-Verteidiger fordern Überprüfung der Glaubwürdigkeit der Zeuginnen (30.09.2015, inFranken.de)

+++ Verhandlungstag 22: Ehemaliger Oberstaatsanwalt sagt aus, was bei Dr. W. Erbrechen auslöst (22.09.2015, two.de)

+++ Familie der Hauptbelastungszeugin sagt aus (br.de, 22.09.2015)

+++ Opfer schildert Erlebnisse (nordbayern.de, 21.09.2015)

+++ Hauptbelastungszeugin wusste nichts von Sexspielzeugen (br.de, 24, 21.09.2015)

+++ Prozess geht weiter: Strittige Beweiskraft der Blutentnahme - Oberstaatsanwalt überraschend nicht im Zeugenstand (br.de, 07.09.2015)

+++ Zwischenbilanz vor der Sommerpause: Dr. Pervers-Prozess in Bamberg (inFranken.de, 12.08.2015)

+++ Falschaussage hat alles ins Rollen gebracht? (br, 10.08.2015)

+++ Richter Manfred Schmidt hat Zweifel an der Blutprobe: „Die Zeiten sind ein Problem“ (tz, 29.07.2015)

+++ Sachverständiger zweifelt an Blutproben (Focus Online, 27.07.2015)

+++ "Sexarzt"-Prozess: Doping-Experte soll Chefarzt helfen (Kurier, 27.07.2015)

+++ Bamberger Chefarzt-Prozess wird zum Mammutverfahren (Focus Online, Freitag, 17.07.2015, 14:15)

+++ Chefarzt-Prozess: Landgericht Bamberg lehnt Außervollzugsetzung des Haftbefehls ab. (radio bamberg, 10.07.2015)

+++ Landgericht Bamberg: Erste Zeugenaussagen im Prozess um Heinz W. (tvo, 29.06.2015)

+++ Sex-Arzt will kein "Sex-Arzt" sein (Bayerischer Rundfunk, 14.04.2015)

+++ Sexueller Missbrauch im Klinikum Bamberg (Stern, 05. 04.2015)

+++ Haftbefehl: Bamberger Chefarzt soll 12 Frauenmissbraucht haben! (BILD, 22.09.2014)

+++ Sexarzt machte mehr als 1 Mio. Nacktfotos (Bild, 17.09.2014)

+++ Jahrelanger Missbrauch: In der Klinik will niemand etwas bemerkt haben (Bild, 21.08.2014)

+++ Wehrlose Opfer unter Narkose gesetzt und dann sexuell missbraucht (Bild, 20.08.2014)