„Auf einer Wolke im Himmel …“

Sylvia K. vor Verhandlungsbeginn mit ihrem Verteidiger Peter Oberländer. Angaben zur Sache machte sie erst mal nicht. Foto: Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU/GELNHAUSEN. Drei Tage nach Weihnachten brachte Sylvia K. ihren Lebensgefährten um. Es ge­schah im Schlafzimmer. Sie stach ihm mit einem Küchenmesser erst in den Rücken, dann neunmal in den Ober­körper. Seine letzten Worte waren: „Warum tust du das?“ Eine Antwort auf diese Frage versucht nun die 1. große Strafkammer des Hanauer Landgerichts zu finden.

Am Anfang war es eine Internetbe­kanntschaft. Zwei Menschen auf der Suche nach dem neuen, dem endgül­tigen Glück. Da ist Sylvia K. aus Ber­lin, heute 53, eine zutiefst ein­same, verunsicherte Frau, depressiv und suizidgefährdet. Sie wohnt mit ihrem Sohn zusammen, der schon Mitte zwanzig ist, und mit zwei Kat­zen. In Gelnhausen lebt Adem A., sie­ben Jahre jünger als sie. Die Straße Im Goldberg befindet sich am Stadt­rand, keine schlechte Gegend, Ein- und Mehrfamilienhäuser durchei­nander gewürfelt. Gerade hat sich Adem von seiner Frau ge­trennt, die Wohnung im zweiten Stock des schmucklosen, aber gepflegten Hau­ses Nr. 21a jedoch be­halten. Syl­via zieht aus der Metropole zu ihm ins be­schauliche Barba­rossa­städtchen. Mit den Katzen und mit Cemal, dem Sohn. „Sie machte auf mich einen zu­tiefst zu­friedenen, ver­gnügten Ein­druck“, er­innert sich Frau S., eine Nachbarin, mit der sie sich schnell anfreundete. Adem zuliebe sei sie so­gar zum Islam konvertiert. Adem stammte aus der Türkei. Herr S. hin­gegen, Ehemann der Zeugin, empfand diese Fröhlich­keit als „über­trieben, aufgesetzt und unnatürlich. Es war nur eine Fassa­de.“

Sylvia K. ist eine kleine, rundliche Frau, Brille, das blonde Haar mit ei­nem Zopfgummi zusammengefasst, Jeans, weiße Bluse. Eine unauffällige Erscheinung. Ein mütterlicher Typ, könnte man sagen. Sie macht sich auf die Jobsuche und wird schon bald in Wächtersbach fündig bei einem re­nommierten Unternehmen, das Me­di­zin- und Pharmaprodukte herstellt. Sie ist stolz auf ihre Arbeit. Und selig in ihrer neuen Beziehung. Alles eitel Sonnenschein … Und doch muss sich der schwarze Schatten wieder auf ihre Seele gelegt haben, wie früher schon einmal. Ob Adem A. von dem psychi­schen Leiden seiner Part­nerin wusste, ist nicht bekannt. Und wenn schon: Hätte er ihr helfen kön­nen? Emotio­nal? Intellektuell? Sicher ist: Die scheinbare Harmonie des nicht mehr ganz jungen Paares be­kommt zu die­ser Zeit erste Risse. Die Nachbarn werden Ohrenzeugen von lautstarken Auseinandersetzungen. Das war im Sommer 2015.

Dazu der Ärger am Arbeitsplatz: Es geht um einen angeblichen Diebstahl. Eine Bagatelle zwar nur, aber Sylvia K. sieht darin ein Ränkespiel. In ihr reift die Über­zeugung: Die wollen mich rausmobben! Vielleicht mani­festierte sich darin auch Verfol­gungs­wahn. (Später, das ist dann im ver­gangenen März, wird sie dem Kri­mi­nalkommissar R. erzählen, sogar ihr Mo­biltelefon sei abgehört worden.)

Sie beschließt, mit einer Überdosis ei­nes Antidepressivums aus dem Le­ben zu scheiden. In ihrem Abschieds­brief steht: „Ich habe niemanden be­stohlen. Alles ist eine Lüge. Ich wollte nur glücklich sein mit dir, Adem, aber es war mir nicht vergönnt.“ Es ist der 15. Dezember, vierzehnTage vor der grauenhaften Tat.

Vom Frankfurter Hospital zum Heili­gen Geist, wo sie wegen der Tablet­tenintoxikation behandelt wird, schickt man sie in die Psychiatrie nach Schlüchtern – und von dort andern­tags wieder nach Hause. Von Eigen- oder Fremdgefährdung ist die Rede nicht mehr. Einsichtig sei sie, heißt es, und „voller Lebensfreude“.

Am Nachmittag des 29. Dezember geht Herr S., der Nachbar, mit seinem Hund raus. Er hörte ein „plumpsen­des Geräusch“. Cemal ist aus dem Fenster gesprungen – zweiter Stock, wohlgemerkt –, und hat sich dabei am Fuß verletzt. Er sei in seinem Zimmer eingesperrt worden, erzählt er stöh­nend und händigt Herrn S. den Woh­nungsschlüssel aus mit der Bitte, oben nach dem Rechten zu sehen. „Im Flur hörte ich ein Murmeln. Es kam aus dem Schlafzimmer. Ich öffnete die Tür. Alles war voller Blut – das Bett, der Fußboden. Adem lag auf dem Rü­cken, schon kalt und starr. Sylvia er­kannte mich nicht. Sie schien wegge­treten.“

Die Tat muss geraume Zeit vorher passiert sein, vielleicht schon in den frühen Morgenstunden. Ein Ge­richtsmediziner wird sich dazu äu­ßern. Jedenfalls hatte sich Sylvia K. die ganze Zeit über bei dem To­ten im Schlafzimmer aufgehalten. Der Ret­tungssanitäter Robert H., einer der Ersten am Tatort, erinnert sich: „Als ich eintraf, lag sie in Embryonalstel­lung am Fußende des Bettes zu­sam­mengerollt. Völlig apathisch. Mit ih­rem Gesicht zum Gesicht des Toten …“

Sie hatte sich mit dem Messer selbst schwer verletzt, an den Armen, an der Brust. Sie wurde in der Uniklinik not­operiert. Einem Kommissar, der sie am nächsten Tag am Krankenbett ver­nahm, sagte sie: „Ich wollte doch nur mit ihm zusammen sein. Allein, auf einer Wolke im Himmel.“

Im Prozess schweigt sie.

Fortsetzung: 13., 14. Juli, 5., 29. August, 1. September, Saal 215, jeweils 9 Uhr.

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