„Er führt alle hinters Licht“

Von Dieter A. Graber

HANAU. Langsam lichtet sich das Dunkel. Die Einlassung von Banu D. hat so manche krude Theorie der Staatsanwaltschaft im Volkemordprozess zurecht ge­rückt. Sofern man der Ange­klagten zubilligt, die Wahrheit gesagt zu haben. Jedenfalls sind ihre Anga­ben schlüssig. Nachvoll­ziehbar. Was man im Fall von Lutz H. nicht sagen kann.

Banu D. ist rhetorisch bemer­kenswert minderbegabt. Sie ist weit entfernt von jener plau­dern­den Eloquenz, mit der Lutz H. seine Geschichten in der Verhandlung zum Bes­ten gege­ben hat. Das aber spricht letztlich für sie. Denn Lügen kommen dem Lüg­nern meist flüssig über die Lippen. Es gibt da diesen Telefondialog zwischen Banu D. und Cengiz G., mitgeschnitten am 11. Sep­tember 2013, also vier Tage nach den Todesschüssen in der Gallienstraße, der zum Angel­punkt der Anklage (gemacht) wurde. Er lautet: „Da machst du mal was heimlich …“ – „Wir zwei … tut mir leid … bis nach Hanau …“ – „Ob­wohl wir damit nichts zu tun ha­ben …“ Nun soll sie erklären, was damit gemeint war. Es ist viereinhalb Jahre her. Es wäre, sind wir mal ehrlich, auch nicht einfach für eine wortgewandtere Angeklagte. Wie interpretieren, was ein anderer gemeint haben könnte? „Dass die Polizei uns unterstellt, in Hanau gewesen zu sein“, sagt sie schließlich zögernd. Richter Peter Graßmück wirft ein, Herr G. sei zu diesem Zeitpunkt aber noch gar nicht vernommen wor­den. „Aber ich“, entgegnet die Angeklagte, „wir hatten uns unmittelbar danach darüber unterhalten.“ Eine schicksalhafte zeitliche Verqui­ckung zweier Ereignisse also sei gemeint gewesen – ein Mord in Hanau und ein Seiten­sprung, der, eine weitere Kuriosität in diesem Fall, nicht einmal ein richtiger war.

Später googelte sie einmal den Begriff „FN Browning“. Das war in Kärnten. Der Verdeckte Ermittler Errol war dabei. Er hat es, weil verdächtig, wie so vieles hinterher penibel notiert. Der Mord lag da schon Jahre zurück, die Tat­waffe war offiziell jedoch noch nicht bekannt. Lutz H. habe ihr das Stichwort vorgegeben, sagt die Angeklagte jetzt. Und warum be­zeichnete sie sich ge­genüber Errol als „Hüterin der Waffen“? Nur eine flapsige Äußerung. Lutz H. habe eine Menge davon gehor­tet. „Ich wollte das Zeug aus dem Haus haben.“ Es wurde dann beim Nachbarn Willi B. im Kleider­schrank deponiert. Über den pas­senden Schlüssel hät­ten aber beide verfügt.

In einem Brief aus der Untersu­chungshaft an ihre Schwester, der dem Gericht vorliegt, schrieb Banu D., sie bereue es, sich mit Lutz H. eingelassen zu ha­ben: „Er manipuliert massiv und geschickt.“ Welche Schlüsse lassen sich aus einer solchen Bemerkung ziehen? Dass sie sein Werk­zeug war? Bei ei­nem Mord? Staats­anwalt Pleuser mag es so se­hen, gleichwohl ist es nur eine von mehreren Möglich­keiten der Inter­pretation. Sie selbst sagt: „Ich habe mich als sein Trottel empfunden. Er ver­steht es, Dinge authentisch darzustellen, dass man ihm glaubt. Es ist seine Masche, alle Leute hinters Licht zu führen. Er behauptete auch überzeugend, sein Bruder sei doch derjenige gewesen, der das Abizeugnis gefälscht habe.“

Das und die Sache mit dem angeblichen Medizinstu­dium, der falsche Doktortitel, der erfundene Job als Assis­tenzarzt ... Lückenlos passt seine Aussage vor dieser Kammer zu jenem Konglomerat an Lügen, Halb- und Viertel­wahrheiten, mit dem sich Lutz H. seine eigene Wirklichkeit schuf. Der Vater muss das beizeiten bemerkt ha­ben. „Der bescheisst mich“, habe er verär­gert konstatiert, als ihm schwante, dass des Sohnes Stu­dium an der Universität zu Innsbruck wohl eine Farce war.

Manches, was in den mitgehör­ten Gesprächen ein Indiz für eine Tatbeteiligung von Banu D. zu sein schien, ist nunmehr ins rechte Licht gerückt. Es sind Bemerkungen wie diese: „Ich hab alles [vom Handy, d. Red.] ge­löscht“, sagt sie einmal am Telefon zu Cengiz G., der da­rauf antwortet: „Ja, ja, hab ver­standen.“ Vor dem Hintergrund eines Verbrechens mag das ver­dächtig klingen. Wer löscht, ver­nichtet – Beweismittel zum Bei­spiel. Es habe sich nur um lustige Clips gehandelt, wie sie über WhatsApp täglich mil­lio­nenfach hin und her ge­schickt werden, beteuert sie. In diesem Fall: witzige Werbespots aus dem türkischen Fernsehen. Sie habe vermeiden wollen, dass Lutz H. den Chat mit Cengiz G. ent­deckt, wenn er ihr Mobiltele­fon mal wieder heimlich überprüfte.

Handykontrolle also. Nun, auch das passt ins Bild dieses Angeklagten.