„Tanken“ an der Tanke

„Einmal voll, bitte!“ Dereinst wusste der Tankwart sofort, was gemeint war. Heute kann diese Aufforderung mehrere Bedeutungen haben. Tankstelle 1924 ©Aral

Von Dieter A. Graber

HANAU. Giuseppe ist 50 und eine Mi­schung zwischen Peppone, dem starr­köpfigen Bürgermeister aus Guare­schis berühmten Romanen, und dem capocameriere beim Lieblings­ita­lie­ner um die Ecke. Ein wenig schlitz­oh­rig, aber beflissen, etwas selbst­mitlei­dig, doch eine Seele von Mensch. Giu­seppe hat einen lustigen Kugel­bauch, Geheimratsecken, die wie der Golfo di Palermo auf Google Earth aussehen, und dunkle, quickle­ben­dige Äugelein. Er trägt dreiviertel­lange Hosen, denn es ist heiß an die­sem Tag, dazu Sanda­len und Socken in den italienischen Farben. Heute muss er sich wegen Fahrens ohne Fahrerlaub­nis verant­worten. Be­trunken war er oben­drein.

Auf die Frage von Richterin Jeschke nach seinem Familienstand antwortet Giuseppe: „Fast geschieden“, und damit sind wir schon mittendrin in dem Schlamassel, das im  Mai ver­gan­genen Jahres über ihn herein­brach. „Wir besuchten meine Schwä­gerin. Dort gab es Streit. Meine Frau ver­kündete mir an dem Abend, dass sie mich verlassen werde. Ich bat sie, mich wenigsten noch nach Hause zu fahren … aber sie wollte nicht.“ Tja, wenn eine signora sagt, es ist aus, dann ist es so. „Nein“ heißt da „nein“. Fertig! Giuseppe erklärt, dann sei er halt in sein Auto, einen Opel Astra, gestiegen. „Ein Fehler“, räumt er, nun etwas kleinlaut, ein.

Es war aber nur der erste an diesem Abend. Unterwegs hielt er nämlich an der Aral-Tankstelle in Hammersbach. Die liegt genau vier Kilometer von seiner Wohnung entfernt. Giu­seppe hatte Durst. Gewaltigen Durst. Das geht ihm, muss man wissen, öfter so: Durst auf Gerstensaft. „Ich war fix und fertig mit den Nerven“, sagt er. „Nur ein Bier – aber dann traf ich ei­nen Bekannten …“ Begegnungen zu später Stunde an Tankstellen können Risiken und Nebenwirkungen haben. Als ihn die Poli­zei um 22.30 Uhr auf der L 3191 stoppte, hatte er 2,52 Pro­mille intus. Das müssten, be­rechnet auf Giusep­pes Körpergröße und Ge­wicht, etwa fünfeinhalb Liter gewesen sein. Kaum zu glauben, dass diese Menge während eines einzigen Bo­xenstopps in einen so kleinen Kerl reingeht. Und daher fragt man sich natürlich, ob er viel­leicht schon vor­her ..? Das scheint nicht abwegig zu sein, war es doch Giuseppes Gattin gewesen, die der Polizei einen telefo­nischen Hin­weis gegeben hatte an je­nem Abend. Und so brauchte Kommis­sar R. mit seinem Kollegen nur die Straße zwi­schen Hammersbach und Limeshain im Auge zu behalten. „Als er dann tat­sächlich auftauchte, fuhr er Schlan­genlinien“, erinnert sich der Beamte im Zeugenstand. „Mehrfach geriet er auf die Gegenfahrbahn. Er gab dann an, ,nur zwei Bier‘ getrun­ken zu ha­ben!“ Ja, das kennen sie. Dieses Ba­gatellisieren. Herunterspie­len. Klein­reden. Aber einen solchen Bären las­sen sich zwei erfahrene Streifenpoli­zisten nun doch nicht auf­binden. Ab zur Blutprobe!

 „Sie wollte mir doch nur eins auswi­schen!“ grantelt Giuseppe. Es verbit­tert ihn. Bei der Polizei verpfiffen. Von der eigenen Frau! Das und der gesal­zene Unterhalt, den er ihr zahlen muss. Anfangs 900 Euro im Monat. Inzwischen ist es zwar nur noch die Hälfte, aber immerhin. Das macht ein Viertel dessen aus, was er als Produk­tionshelfer im Monat verdient.

Die Fahrerlaubnis haben sie ihm be­reits vor zehn Jahren versagt. Endgül­tig. „Ne­gatives MPU-Gutachten“ steht in den Akten von Richterin Jeschke. Schuld wird seine Liebe zum Al­kohol gewesen sein. Trotzdem ist er wieder­holt am Steuer erwischt wor­den. Re­den mag er darüber nicht. Einzelhei­ten seien ihm entfallen, knurrt er pat­zig. Er stammt aus Sizi­lien. „Leben und Weben ist hier, aber nicht Ord­nung und Zucht“ schrieb Goethe et­was gal­lig über die Insel in seiner Ita­lieni­schen Reise.

Vor der Verhandlung hatte ihm sein Verteidiger eingebläut, es sei wichtig, heute einen guten Eindruck zu ma­chen. Der will aber irgendwie nicht so recht entstehen in Saal 110. An Ein­sicht und Reue lässt es der Ange­klagte doch etwas man­geln. Richterin Jeschke verurteilt ihn zu 120 Tages­sätzen von jeweils 30 Euro. Es hätte auch eine Gefängnis­strafe wer­den können, sagt sie streng. „Den Stress, den Sie an die­sem Tag hatten, halte ich Ihnen nicht zugute, denn Sie ha­ben andere Ver­kehrsteilnehmer rück­sichtslos in Ge­fahr gebracht.“

Sein Auto, sagt Giuseppe, habe er in­zwischen verkauft. Und zwar an sei­nen Bruder, was ziemlich pfiffig ist, weil es sonst vom Gericht hätte einge­zogen werden können. Er sei jetzt nur noch mit dem Fahrrad unterwegs. Da beginnt die absolute Verkehrsuntüch­tigkeit übri­gens bei 1,6 Promille. Dann kann aber auch ein Fahrrad­fahrver­bot verhängt werden.

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