… und raus bist du!

Von Dieter A. Graber

HANAU. Am 31. Mai 2016 wurde der mehrfach vorbestrafte Intensivtäter Richard David R., genannt Danjano, von der 1. großen Strafkammer des Hanauer Landgerichts zu dreieinhalb Jahren verurteilt. Eigentlich war ver­suchter Mord angeklagt gewesen, der Fall mit dem Aktenzeichen LKs 3325 Js 9022/15 schrumpfte dann aber zu einem mageren Einbruchsversuch. Weil ein älteres, bereits zum Teil ver­büßtes Urteil dazugerechnet wurde,  erhöhte sich das Strafmaß auf insge­samt fünf Jahre.

Es ist eine mit Blut geschriebene Ge­schich­te. Sie ereignete sich in  Schlüchtern. Bergwinkel wird die hü­gelige Region im Osten des Kreises genannt, wo Kuppen­rhön, Sandstein­spessart und Unterer Vo­gels­berg auf­einandertreffen. Niedlich klingt das. Nach Idylle. Es ist die Nacht zum 30. Dezember 2010. Mehrere Schwerver­brecher drin­gen in das Haus des Tier­arztes Robert H. (damals 85) und sei­ner bei­den Söhne Ulrich (47) und Pe­ter (52) ein. Sie sind mit Sturmhauben mas­kiert. Sie schlagen ihre Opfer mit ei­ner Ei­senstange zusammen, treten auf sie ein, verletzen sie schwer. Die Lust am Totschlagen führt da Regie: Nichts wird gestohlen, obwohl es viel Geld im Haus gibt. 100.000 Euro in Schei­nen. War Rache das Motiv? Tierarzt Peter H. hatte einmal die Mutter von Richard David R. wegen Betrugs an­gezeigt, weil sie eine Rech­nung für die Behandlung ihres Hun­des nicht bezahlte.

Zwei überführte Täter, die Brüder Mi­chael (57) und Andreas S. (46), krie­gen lebenslänglich. Die besondere Schwere ihrer Schuld wird festge­stellt. Danjano gilt als der dritte Mann. Da­für spricht einiges. Am Tat­tag wurde sein Mobiltelefon in Schlüchtern ge­ortet. Ganz in der Nähe hat er schon einmal einen Raubüber­fall begangen. Die Mordbrüder belas­ten ihn. Sein Vorstrafenregister be­schreibt  den Werdegang eines Ge­setzlosen: Ein­bruch, Hehlerei, Kör­perverletzung, Raub, Betrug, Ver­kehrsdelikte. Sein Pflichtverteidiger, der Hanauer Straf­rechtler Gordian Hablizel, erreicht gleichwohl eine milde Strafe – dank eines geschickten Manövers: Sein Mandant räumt ein, Schmiere ge­standen zu haben. Mehr nicht. Eckensteher bei einem Ein­bruch will er gewesen sein. Dass alles aus dem Ruder laufen würde, habe er weder geahnt noch gewollt. Das ist letztlich nicht zu widerlegen.

Aber es kommt noch dicker: Um ihm wenigstens dieses klitzekleine „Ge­ständnis“ zu entlocken, muss die Staatsanwaltschaft im Gegenzug ein weiteres Ver­fahren ein­stellen. Es geht um den Überfall auf zwei geistliche Herren im Pfarrhaus zu Flieden bei Fulda. Dort wurden im Dezember 2010, also wenige Tage vor der Schüchterner Tat, Pfarrer und Kaplan überfallen, eingeschüchtert, gepeinigt, erniedrigt, gefesselt, be­raubt. Danja­no soll dabei gewesen sein. Aber auch hier ist die Beweislage dünn. Geschickt nutzte Verteidiger Hablizel das dräu­ende weitere Verfahren als Ver­hand­lungsmasse zugunsten seines Man­danten in diesem. Mit Erfolg. Alles vom Tisch – oder keine Einlassung. Zähne­knirschend musste Staatsanwalt Ma­thias Pleuser zustimmen.

Nun öffnen sich die Tore der Fuldaer JVA für Danjano, gerade mal sieben Monate nach seiner Verurteilung. Das Landgericht Fulda, als Strafvollstreckungskammer zuständig, setzte den Rest zur Bewährung aus. Paragraph 57 macht dies möglich „wenn zwei Drit­tel … mindestens jedoch zwei Monate verbüßt sind“. Staatsanwalt Pleuser war  übrigens dagegen. In Paragraph 57 steht nämlich auch: „Bei der Entscheidung [über eine Strafaussetzung, d. Red.] sind insbe­sondere die Persönlichkeit der verur­teilten Person, ihr Vorleben, die Um­stände ihrer Tat, das Gewicht des bei einem Rückfall bedrohten Rechtsguts … zu berücksichtigen.“

Kriminelle Karrieren haben Tradition in der Fami­lie des Richard David R.: Sein Stiefvater, den die Mutter nach ihrer Scheidung heiratete, verübte ei­nen Raubüberfall und ver­schwand dann für Jahre im Gefängnis. „Eine schwierige häusliche Situation“ heißt das in der Sprache des Jugend­amtes. Schon früh kam auch er, ebenso wie sein Stiefbruder, mit dem Ge­setz in Konflikt – und immer wieder erfuhr er Gnade: Verfahren wurden einge­stellt, Bewährungen ausgespro­chen, Ermahnungen, Verwarnungen.  So auch jetzt wieder.

 „Ich bin fassungslos“, kommentiert der Schlüchterner Rechtsanwalt Hans-Konrad Neuroth die Entschei­dung der Strafvollstreckungskammer. Er vertrat Peter H. als Nebenkläger. Ihn hatte es damals am schlimmsten er­wischt: Trümmer­bruch der Schädel­decke, Hämatome in der Oberkiefer­höhle, Nasenbein­fraktur, Blut in der Hirnkammer. Heute ist Peter H. ein gebrochener Mann. Er benötigt  psy­chologische Betreuung. Er traue sich nur noch in Begleitung seines schar­fen Boxerhundes auf die Straße, sagte er in der Verhandlung.

Richard David R., genannt Danjano, kann wieder ganz unbeschwert auf die Straße gehen. Mehr zu dem Fall hier und hier.