Adio Mexico

Na schön, es ist eine bezaubernde Destination, so blau das Meer, so fein der Strand: Cancún, die Perle Mexikos. Aber dafür Gefängnis riskieren? Auf räuberische Erpressung stehen bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe.

Von Dieter A. Graber

HANAU/STEINAU. Daniel schämte sich. Dabei hätte er allen Grund ge­habt, stolz zu sein auf seine Lebens­leistung. Stattdessen wäre er am liebsten im Erdboden versun­ken, und das kam so: Daniel wollte mit seiner Freun­din einen tollen Ur­laub machen, eine Reise, von der man noch lange erzählen kann. Nach Cancún sollte es gehen. Das liegt 8.653 Flugkilometer entfernt vom Bergwinkel, dem idylli­schen, aber doch etwas langweiligen Landrücken im Osten des Main-Kin­zig-Kreises, und zwar an der Küste der Halbinsel Yucatán im südöstlichsten Teil Mexi­kos. Ein bisschen Reisefüh­rer kann nicht schaden an dieser Stelle – also: Mit 22 Kilometern fein­stem Sand­strand, an dem die sma­ragdgrünen Wellen der Caribbean Sea lecken, ist die „Pforte zur Welt der Maya“ mit ihren präkolumbische Rui­nen ein hip­pes Touristenzentrum. Schneeweiße Luxusherbergen reihen sich auf der Nehrung aneinander, in der Zona Hotelera, während weit draußen die imposanten Yachten der Reichen und bisweilen auch ein paar ärmliche Fi­scherboote vorbeiziehen.

Daniel ist dann doch nicht über die Region zwischen Kuppenrhön, Sand­stein­spessart und Unterem Vogels­berg hinausgekommen, weil ihm 1.200 Euro für die Abschlussrate des Reisepreises fehlten. Da­niel traute sich nicht, der Freundin seine finanzi­elle Not zu gestehen. Lieber überfiel er einen Lebensmittelladen in Steinau an der Straße, seinem Wohnort, ausge­rech­net jene Tegut-Filiale, in der er oft zum Einkaufen gewesen war. Es dau­erte denn auch keine halbe Stunde, da hatten sie ihn schon.

Daniel schämt sich auch jetzt. Mit ge­senktem Kopf sitzt er auf der Ankla­gebank des Landgerichts. Er ist 30 Jahre alt, ein schmaler Bursche mit traurigen Augen und kurzen Haaren, die widerborstig am Hinterkopf ab­stehen. Er sagt: „Eine Kurzschlussre­aktion. Ich war so verzweifelt. Den ganzen Tag bin ich umhergefahren.“ Irgendwann landete er auf dem Park­platz des kleinen Geschäfts. Mit ei­nem Mundschutz aus dem Baumarkt, einer Sonnenbrille und einem Klapp­messer – alles Sachen, die schon im Auto la­gen – stürmte er rein. Es war kurz vor 21 Uhr. Verkäuferin Claudia M. erin­nert sich: „Er fuchtelte mit dem Mes­ser herum, rief: ,Geld her.‘ Ich: ,Was wollen Sie?‘ Er wiederholte: ,Geld!‘ Da merkte ich erst, dass es ein Überfall war …“ Ne­ben ihr stand übrigens die Filialleite­rin. Die nickte die Sache ab: „Geben Sie’s ihm!“ Ja, da hatte alles seine Ord­nung.

Nun gut, einen Raub stellen wir uns etwas anders vor, vor allem aber den Räuber. Nachdem ihm Frau M. den Kasseninhalt, nämlich genau 1.210 Euro, in die mitgebrachte Plastiktüte gepackt hatte, stürmte Daniel wieder raus – und rannte erst mal gegen die automatische Glastür, die nicht schnell genug aufging. Dann warf er sich in seinen alten Ford Focus, der auch nur noch mit gutem Zureden zum Anspringen zu bewegen war, und schuckelte nach Hause. Er wohnte in der Nähe. Die Beute versteckte er un­term Kopfkissen. „Erst da wurde mir klar, was ich getan hatte“, sagt er nun. Es klingelte an der Tür. Die Polizei. Die Filialleiterin hatte sich sein Kenn­zeichen gemerkt. „Er gab die Tat auch gleich zu“, sagt Kommissar D. im Zeu­genstand. Nein, dieser Räu­ber machte den Beamten nicht viel Ar­beit …

Die leicht schräge Krimikomödie hat eine traurige Vorgeschichte. Daniel erzählt sie. Es ist die Geschichte sei­ner Kindheit. Die Eltern waren beide Alkoholiker. Die Mutter starb früh. Niemand kümmerte sich um den klei­nen Jungen, der sogar die erste Schul­klasse wiederholen musste, weil er so selten im Unterricht war. Er lan­dete schließlich im Kinderheim. Er bekam Essen, Kleidung, ein Bett, aber keine Liebe. Vielleicht war die ge­plante Reise an die mexikanische Riviera Maya ein Versuch, sich die Liebe einer Frau zu kaufen. Ein Versuch, so un­tauglich wie der, sich das Geld dafür zu be­schaffen.

Den Startschwierigkeiten zum Trotz aber hat Daniel aus seinem Leben et­was gemacht, wenn auch nicht auf An­hieb: Eine Karriere bei der Bundes­wehr blieb ihm trotz guter Leis­tungen als Obergefreiter verwehrt, weil Offi­ziersstellen nicht besetzt wurden. Er schlug sich dann mit verschie­denen Tätigkeiten durch. Er ist nicht vorbe­straft. Er hat heute einen kleinen Job und ein kleines Einkommen und eine kleine Wohnung und keine Freunde. „Ich bin kein Mensch, der ruft: ,Hallo, hier bin ich‘“, sagt er über sich. Die Freundin hatte noch am Tag des Überfalls mit ihm Schluss gemacht. Er ist ein einsamer junger Mann.

Sein Verteidiger, der erfahrene Geln­häuser Rechtsanwalt Ralf Kuhn, sagt: „Es ist ein Zeichen der Zeit, nicht zu­geben zu wollen, dass man sich etwas nicht leisten kann. So geht es vielen, selbst reiferen Menschen und Besser­verdienenden.“ Er sagt auch noch: „Hätte mein Mandant mit vier­zehn Tage Mallorca vorliebgenommen, säße er heute nicht hier.“ Aber was ist schon Malle in den Augen der anderen …

Kuhn möchte es bei der Mindest­strafe bewenden lassen, das wären zwölf Monate auf Bewährung, Staats­anwalt Markus Jung fordert drei Jahre. Die 5. Große Strafkammer un­ter Vorsitz von Richter Andreas Weiß will ihr Urteil am 23. August verkün­den.

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