Ali schnuppert mal rein

Zelle im Jugendarrest Gelnhausen. Hier gibt’s vierzehn Tage all inclusive für Ali: Kein Alkohol, keine Drogen, aber früh aus den Federn und viel Leibesertüchtigung mit netten Animateuren. Foto: Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Geschichten über Ali sind auch Geschichten der Ratlosigkeit. Was soll man anstellen mit einem wie ihm? Es ist ja nicht so, dass da ein ab­gefeim­ter Verbrecher säße auf der Anklage­bank, einer, der dieser Gesell­schaft den Krieg erklärt hätte mit voller Überzeu­gung und im Bewusstsein aller Konse­quenzen. Ali ist ein kindergesichtiges Kerlchen in einem sauberen, teuren Hemd, ohne Schulab­schluss und vor allem: ohne Bock, sich seinen Le­bensunterhalt selbst zu ver­dienen. Seinen Job bei Dunlop, den ein­zigen seines Lebens, hat er nach weni­gen Wochen hingeschmissen. War nichts für ihn. Zu anstrengend. Und so lebt er in den Tag hinein, ohne Plan. Ohne Zukunft. Von Hartz IV.

Er hat eine Freundin, ein hübsches jun­ges Mädchen, und wie man hört, sei er gut zu ihr. Sie ist heute zur Ver­hand­lung gekommen. Von seiner Fa­milie hat sich übrigens keiner blicken lassen in Saal 22. Weder heute noch am ersten Verhandlungstag. Zu ande­ren war er nicht immer so gut, der Ali. „Geschä­digte“ pflastern seinen Weg. Der Kai und der Florian zum Beispiel, die er beim Lamboyfest im vergange­nen Jahr verprügelte, den einen im Schlossgar­ten, den anderen vorm Kli­nikum. Und dann gab es noch ein paar weitere, de­ren Namen in Justiz­akten verschwunden sind oder gar nicht erst aufgetaucht. Ein Mehr­fachintensivtäter ist der Ali. Typen wie er haben bei der Polizei eigene Sachbearbeiter.

Neben der türkischen besitzt Ali auch die deutsche Staatsangehörigkeit. Wie mag er dazu gekommen sein? Hat er sie verdient? Und was bedeutet sie ihm, wenn er die Regeln unseres Zusammenlebens so wenig achtet? Fragen, die dieses Verfahren am Rande streifen, das Volk, in dessen Namen heute geurteilt werden soll, aber mehr interessieren dürfte als juristische Finessen.

Das Jugendschöffengericht muss also die Taten vom 12. Juni 2016 sanktio­nie­ren. Die Plädoyers von Staatsan­walt Voigt und Verteidiger Christoph Pfeifer geben die ganze Bandbreite wieder, mit der sich der „Fall Ali“ dar­stellen lässt. Von Härte bis Langmut. Dazu muss man wissen, dass der An­geklagte bisher stets glimpflich davon kam mit seinen „jugendtypischen Verfehlungen“ – Körperverletzung, Sachbeschädigung, Schwarzfahren. Das mag an der milden Justiz liegen, sicher auch am Wesen des Jugend­strafrechts. Das ist dem Erzie­hungs­gedanken verpflichtet. Es soll den Delinquenten bessern. Sein Man­dant, sagt Verteidiger Pfeifer, sei ge­läutert, seit er im Frühjahr eine vierwö­chige „Terminshaft“ absitzen musste, nachdem er eine Verhandlung ge­schwänzt hatte. Pfeifer billigt ihm eine „positive Sozialprognose“ zu. Er sagt: „Gefängnis bewirkt gar nichts.“ Die Tat liege ja auch schon lange zu­rück. Und überhaupt: Ali habe die Schlägerei nicht angefangen, sei selbst mit einem Schlagstock von der Gegenseite bear­beitet worden. Er beantragt, die Ent­scheidung über eine Jugendstrafe aus­zusetzen, wie es Paragraph 27 des Ju­gendgerichtsge­setzes vorsieht. Noch einmal Gnade also …

Der Staatsanwalt hingegen fordert vier­zehn Monate, und zwar ohne Be­wäh­rung. Voigt sagt, anders könne man nicht mehr „erzieherisch einwir­ken“ auf den Angeklagten. Schließlich habe auch die Jugendgerichtshilfe bei ihm „schäd­liche Neigungen“ festge­stellt. Darunter versteht der Jurist „erhebliche Anlage- oder Erzie­hungsmängel“, die dazu füh­ren kön­nen, dass der Täter „durch wei­tere Straftaten die Gemeinschaftsord­nung stören“ werde (so der BGH in ei­nem Beschluss aus dem Jahr 1987). 

Die „Kampflage“ (Pfeifer) von damals lässt sich heute nicht mehr exakt nach­vollziehen. Massenkeilereien nehmen im Nachhinein ja bisweilen etwas Le­gendäres an. Erinnerungen von Zeugen überlagern sich und er­geben bestenfalls eine Collage der tatsächlichen Ereig­nisse. Wer haute wen? Richter Filbert versucht, die Ge­schehnisse zu rekon­struieren: Ali donnerte dem Kai eine Faust gegen die Schläfe, dass der zu Boden ging. Und Fußtritte? Nein, die sind ihm nicht nachzuweisen, wohl hingegen jener Schlag, der dem Flo­rian den Kiefer brach. Das passierte an der Schranke des Klinikums.

Und so wird Ali zu einem Jahr auf Be­währung verurteilt. Damit hat das Ge­richt einen Mittelweg zwischen Staats­anwalt und Verteidiger be­schritten, gleichwohl aber die bislang verfolgte Strategie der Nachsicht auf­gegeben. Denn obendrein muss der Angeklagte einen zweiwöchigen „Warnschussar­rest“ absitzen und 100 Stunden gemein­nütziger Arbeit leis­ten.

Ach ja: Sein Kumpel Sergen kommt mit 50 Stunden davon. Er besitzt kei­nen Führerschein, war aber mit Mut­ters Auto unterwegs gewesen, in der Ha­nauer Innenstadt falsch gegen eine Ein­bahnstraße gefahren und hatte ei­nen Unfall verursacht. Wegen der Schlägerei wird er freigesprochen.

Vielleicht ist der kleine Nachsatz in der Urteilsbegründung  noch wichtig: Die beiden müssen für die Kos­ten des Ver­fahrens aufkommen! Das ist im Jugendstrafrecht nicht immer so. „Ich sehe keinen Anlass, die Staatskasse damit zu belasten“, sagt Richter Filbert. Und die hat einen langen Atem. Hoffentlich.