Als gäbe es kein Morgen

Auf dem Golfplatz ein Ass, als Anwalt eine Niete: Dirk M. mit Verteidigern Matthias Reuter und Catrin Runge. Nein, gut sieht es nicht aus für ihn so kurz vor Abschluss der Beweisaufnahme. Wird er doch noch sein Schweigen brechen?

Von Dieter A. Graber

HANAU. Herr M. hatte das Glück auf seiner Seite in jenen Tagen im Februar und März 2016. Er war vor einer Hanauer Weinstube gestürzt, mit dem Kopf gegen die Bordsteinkante geprallt und hatte sich ein schwe­res Schädel-Hirn-Trauma zuge­zogen. Vierzehn Tage lag er im Koma. Er musste operiert wer­den. Ein komplizierter Eingriff: Um den infolge der Gehirnverletzung ansteigenden Druck im Schädel auszugleichen, entfernten ihm die Ärzte der BG Unfallklinik vorü­bergehend einen Teil der Kno­chenkalotte. 

Der Neurologe und forensische Psychiater Ralf Werner aus Bin­gen hat ein Gutachten erstellt über Dirk M., den Mann, der seine Frau Petra mit Spiritus übergossen und angezündet ha­ben soll, worauf sie einen grau­samen Tod starb. Er trägt es heute in Saal 215 vor. Er zeichnet das Persönlichkeitsbild eines ungewöhnlichen – nein: eines derart absonderlichen Men­schen, dass man sich fragt, welche Rolle der Unfall da­bei wohl gespielt haben mag.

Man könnte das Leben des Dirk M. – positiv ausgedrückt – gegen­wartsbezogen nennen. Nie verschwendete er ei­nen Gedanken an morgen. Er hat keinen Plan, fühlt keine Verant­wortung, weder für sich noch für andere. Seine Tage, Monate rin­nen ihm durch die Finger wie kleine Münze. Die letzten zehn, zwölf Jahre hat er nicht mehr ge­arbeitet. Er lebt vom Einkommen seiner Frau, später, nachdem diese ihren Job verloren hat, von „Ersparnissen“. (Unter anderem verscherbeln sie ein Häus­chen, das Petra M. geerbt hatte.) Er spielt Golf. Er hat Handicap 21, was, wie Freunde von Loch und Eisen wissen, beachtlich ist. Er kocht gerne. Er schätzt einen guten Whisky, eine Cohiba, Fahrzeuge aus Zuffenhausen. Er geht mit seinem Hund spazieren, einem Cirneco dell´ Etna, was eine alte italienische Rasse ist.

„In der Haftanstalt traf ich einen Mann von unangemessener Hei­terkeit mit einem Hang zum permanenten Witzeln“, erinnert sich der Gutachter. Dirk M. hatte gerade aus dem Radio erfahren, dass seine Frau im Krankenhaus an den Folgen der schweren Ver­brennungen gestorben war. Aber sein Vorrat an Mitleid ist be­schränkt. „Er ließ keine emoti­onale Reaktion erkennen, sagte nur: ,Das Leben geht weiter!‘“

Sein Leben. Daraus das Beste zu machen hat er stets verstanden. Er bringt seine Mutter, inzwischen 81, um ihre Rente, nimmt sie in seine Wohnung auf, um finanziell über die Runden zu kommen, setzt sie später wieder auf die Straße. Als Rechtsanwalt bedient er sich schamlos am Geld seiner Man­danten. Er hat kein Unrechtsbe­wusstsein. „Ich habe später doch alles zurückgezahlt“, sagt er trot­zig. Gutachter Werner fragt, von was er später einmal zu leben gedenke. Er antwor­tet: „Irgendwas mit Personalbe­ratung bei einem Unternehmen …“ Und fügt hinzu: „Ich wollte nie Reichtümer erwerben.“

Er verweigert sich der Realität. Alkohol? Ja, räumt er ein, aber in Maßen. Als er im Dezember 2016, also wenige Monate vor dem schrecklichen Geschehnis in der Friedrichstraße 17, seine Frau grün und blau schlägt und die Polizei kommt, hat er 2,44 Promille im Blut. Kein Ein­zelfall. Es gibt Fotos aus früheren Zeiten; Richter Graßmück zeigt sie auf den großen Monitoren: Petra M. übersät mit Hämatomen, am Rü­cken, am Arm, die Nase verun­staltet.

Alkohol war auch im Spiel bei seinem Sturz auf der Straße. Es gibt dann, wie ge­sagt, Komplikationen. Infolge der künstlichen Beatmung erleidet Dirk M. eine Lungenentzündung. Es steht Spitz auf Knopf. „Vierzig Pro­zent aller Patienten mit derart schweren Verletzungen sterben daran“, sagt der Gutachter. Ebenso viele müs­sen anschließend mit Behinde­rungen leben. Nicht so Dirk M.: Zweiunddreißig Tage nach seiner Einlieferung entlässt er sich selbst, auf eigene Verantwortung, aus der Klinik. Er ist vollständig wieder herge­stellt. Nicht mal zur Reha geht er. Es ist ein Wunder.

Und so taugt der Unfall auch nicht als Schlüssel zu dieser „undurchsichtig erscheinenden“ (Werner) Persönlichkeit, nicht als Erklärung für die angeklagte Tat. „Keine erheblicher Minderung der Steuerungsfähigkeit feststell­bar“, sagt der Gutachter. Das heißt: voll schuldfähig, sollte die Kammer zu der Überzeugung gelangen, dass der Angeklagte sie wirklich begangen hat. Gibt es da noch Zweifel? Anzunehmen, dass Dirk M. seinen Vorrat an Wun­dern aufgebraucht hat.