Als wär's ein Stück von Brecht

Man muss auch mal loslassen können ... Bei Brecht heißt es, „dass da gehören soll, was da ist, denen, die für es gut sind".

Von Dieter A. Graber

HANAU. An einem Tag im August vergangenen Jahres soll Gaetano L. seiner Lebensgefährtin derart heftig gegen die linke Gesichtshälfte geschlagen haben, dass sie zu Boden stürzte und einen Trommelfellriss davon trug, unter dem sie noch heute leidet. Es passierte im Flur der gemeinsamen Wohnung in Hanau. Herr L. muss sich jetzt wegen Körperverletzung vor dem Amtsgericht verantworten. Möglich, dass sich der Vorfall so zugetragen hat, wie er in der Anklageschrift geschildert wird. So oder ähnlich. Herr L. räumt Handgreiflichkeiten ein, beteuert aber: „Geschlagen habe ich sie nicht!“ Es gab eine Vorgeschichte. Die wird nun in Saal 22 erzählt.

Gaetano L. ist Italiener – nein, Sizilianer ist er, was dem Fall eine besondere emotionale Note verleihen mag. Er liebt seine Tochter. Es handelt sich um eine ins Närrische übersteigerte Liebe, wie sie bei südeuropäischen Vätern bisweilen vorkommt. Die Kleine ist nun zwei Jahre alt. Kaum, dass sie auf der Welt war, kriselte es in der Beziehung von Gaetano und Elif. „Sie mochte es nicht leiden, wenn ich meine Tochter auf den Arm nahm“, sagt der Angeklagte. Eifersucht und Missgunst zersetzten das Glück der kleinen Familie wie ein schleichendes Gift. Aus der elterlichen Vernarrtheit in das gemeinsame Kind erwuchsen verrückte Besitzansprüche. „Die Kleine war stark auf ihn fixiert“, berichtet Frau G. im Zeugenstand, „was der Mutter wiederum gar nicht passte.“ Karina G. (32) war mal die Freundin von Elif. Sie ist es nicht mehr. Die beiden Frauen haben sich zerstritten. Nun treffen sie sich im Gerichtssaal wieder. Eiseskälte steht wie eine Wand zwischen ihnen.

Gaetano L. ist 31 Jahre alt. Er hat die glänzenden schwarzen Locken zurückgebürstet und schiebt angriffslustig das Kinn nach vorn, was an den Bug eines Schlachtschiffs erinnert. Alle Verachtung, derer er fähig ist, hat er in diesen Blick gepackt. Elif B. sitzt ihm gegenüber. Dazwischen gute fünf Meter Luftlinie. Der Zeugentisch mitten im Frontverlauf. Sie ist 38 Jahre, eine kleine, dunkelblonde mollige Frau in engen Jeans. Sie ist Nebenklägerin. Seit der Attacke will sie auf dem linken Ohr taub sein. Oder nicht mehr gut hören. Zumindest gelegentlich. Beweise gibt es dafür nicht, nur ein ärztliches Attest, das von einem „blutigen Trommelfell“ spricht, in dem es  aber auch heißt: „Eine Verletzung ist nicht eindeutig erkennbar.“

Der Angeklagte redet schnell und unter Zuhilfenahme der Hände. „Sie kam schon aggressiv nach Hause. Ich hatte das Kind auf dem Arm, da schubste sie mich von hinten“, erzählt er. „Ich habe dann zurückgeschubst. Sie fiel hin.“ Elif B. berichtet: „Er wollte meine Tochter nicht hergeben, da habe ich ihm eine Ohrfeige verpasst. Er riss mich zu Boden und nahm mich in den Schwitzkasten.“ Es war ein Zerren und Stoßen, ein Kratzen und Wüten, in dessen Mittelpunkt sich ein verstörtes, weinendes kleines Mädchen befand. „Es ist meins, ich hab‘s aufgezogen“, heißt es in dem Stück „Der kaukasische Kreidekreis“ von Bertold Brecht, wo zwei Personen ähnliche Ansprüche auf ein Kind erheben.

Gaetano und Elif, damals verlobt, haben sich inzwischen getrennt. Die Tochter ist bei ihr. Er darf sie regelmäßig sehen. Aber nicht allein. Das ärgert ihn. Das quält ihn. Man sieht es seinem leidenden Gesichtsausdruck an, wenn er davon spricht. Aber darüber muss das Familiengericht entscheiden. Heute geht es um das Ohr der Nebenklägerin. Ihr beschädigtes Trommelfell sei operiert worden, sagt sie. „Aber ich habe stets das Gefühl, alles durch Watte zu hören.“

Karina G. also hat die Fronten gewechselt, von der ziemlich besten Freundin zur Belastungszeugin. „Hörprobleme hat die doch schon lange“, sagt sie jetzt etwas von oben herab. „Deshalb musste sie ja ihre Arbeit in einem Callcenter aufgeben.“ Frau G. hat sich auf Gaetanos Seite geschlagen. „Sind Sie jetzt mit ihm zusammen?“ fragt Richterin Bhanja sicherheitshalber. Die Zeugin verneint das. „Ich finde es nur nicht richtig, dass sie der Kleinen den Vater vorenthält.“

Und so ist dieser Prozess unversehens zu einem Fallbeispiel geworden für Frauen, die Väter nach der Geburt ihrer Kinder „entsorgen“. Da kann eine Strafanzeige wegen häuslicher Gewalt hilfreich sein im Kampf ums Sorgerecht. „Jetzt läuft es nach meinen Regeln“, soll Elif damals triumphierend ausgerufen haben, behauptet Gaetano.

Richterin Bhanja und Staatsanwalt Böhn wollen die Sache auf kleiner Flamme kochen. Sie schlagen die Einstellung des Verfahrens vor gegen ein Schmerzensgeld von 1000 Euro. Gaetano willigt zähneknirschend ein. Es geht ihm nicht um das Geld. Es geht ihm um sein Kind. Es scheint, als habe der Kampf darum gerade erst begonnen.