Angeklagt: Ein Held des Alltags

„Nicht drängeln! Nach hinten durchgehen! Füße von den Sitzen!“ Schulbusfahrer ist schon ein verdammt harter Job

Von Dieter A. Graber

HANAU/RODENBACH. Zu den letzten wahren Hel­den des Alltags gehört der Busfahrer. Sein Job ist ein Wettlauf mit der Zeit, ein Kampf gegen rücksichtslose Au­tofahrer, die ihm jeden Meter Fahr­bahn streitig machen, und manchmal auch mit renitenten Fahrgästen; bei Regen, Schnee, auf eisglatter Straße und in Schichten versieht er seinen Dienst, mäßig entlohnt und von kümmerlichem Prestige. Der  größte dieser Helden des öffentlichen Perso­nennahverkehrs aber ist der Schul­busfahrer. So einer wie Herr K., dem heute in Saal 110 des Hanauer Amts­gerichts der Prozess gemacht wird.

An jenem Nach­mittag im vergange­nen Februar ist der Bus von Valeriy K. voller Schüler. Junge und auch ältere. Manche blicken versonnen ins Nir­gendwo, während sie mit ihren mo­bilen Tonträgern verkabelt sind, an­dere können vor lauter Ausgelassen­heit gar nicht still sitzen. „Ein Tohu­wabohu“, erinnert sich Herr K., dem man die Gutmütigkeit förmlich in den Augen ablesen kann. Ein kugeliger Mann mit dünnem Resthaar, das sich um seinen Schädel herum zieht, wäh­rend die Stirn dabei ist, den Hinter­kopf zu erobern. „Ich bin ein netter und freundlicher Fahrer“, beschreibt er sich selbst ein wenig stolz. Aber das stellt hier im Saal 110 des Amts­gerichts auch niemand in Abrede.

Herr K. gelangt auf seiner Tour zu ei­ner Engstelle in Ro­denbach. Parkende Fahrzeuge links und rechts. Durch diese schmale Gasse also muss er kommen. Hinten im Bus geht die Post ab. Stressfaktor: riesig! Ein Auto ragt beson­ders weit in die Fahrbahn hin­ein. Und schon ist es passiert: Rums - der Außenspiegel des Hindernisses hat sich von der da­zu­gehörigen Tür getrennt. Herr K. ist schuld, keine Frage. Er hält erst mal an, steigt aus.

Es sei dann diese „ältere Dame“ aufge­taucht. „Ich kannte sie als Fahr­gast. Etwa meine Größe, aber ein bisschen kräftiger. Ihren Namen weiß ich nicht. Leider! Sie meinte, die Be­sitzerin des Autos zu kennen und wolle Bescheid geben.“ Damit war für Herrn K. die ärgerliche Geschichte vom Tisch. Ein Fall für den Chef (den er später auch informiert!) und die Ver­sicherung. Der Fahrplan drängt. Die jun­gen Fahrgäste toben. Er setzt sei­nen Weg fort …

Der ihn auf die Anklagebank führt. Denn die „ältere Dame“ tauchte nicht mehr auf, dafür die Polizei. Unerlaubtes Entfernen vom Unfallort wird ihm vorge­worfen. Das will er nicht auf sich sit­zen lassen. Nie hat er sich etwas zu­schulden kom­men lassen. Im Gegen­teil, einmal kriegte er hinterm Steuer sogar Prügel von jugendlichen Rabau­ken. Sein An­walt, der Hanauer Straf­rechtler Ge­rhard Mittl, gibt einen kleinen Ein­blick in die harte Welt des Perso­nen­transportwesens. „Als sich mein Mandant morgens mal verspätete, weil der Bus in die Werkstatt musste, wurde er wegen Unzuverläs­sigkeit gekündigt, daraufhin wieder ein­ge­stellt – für weniger Lohn.“ Es gibt Branchen, in denen fürchten die Leute den Vor­gesetzten mehr als die Polizei.

Auftritt von Zahnarzthelferin Moni­que K., die Geschä­digte, wie es im Gerichtsdeutsch heißt. Es muss ein trauri­ger Anblick gewesen sein, der sich ihr drunten auf der Straße bot – ihr treues, altes Opelchen nach seiner Begegnung mit dem Bus: „Ein wirt­schaftlicher Totalschaden“, erklärt die Zeugin. Sie hat’s dann aber selbst wieder gerichtet mit einem bisschen Klebeband, und die Versicherung rückte auch noch ein paar Euro raus.

Vier Minuten, schätzt Herr J., der den Vorfall hinter seinen Wohnzimmergar­dinen beobachtet hatte. So lange also, wie eine anstän­dige Nachspiel­zeit in der Bundesliga dauert, habe der Busfahrer gewartet, ehe er sich wieder auf den Weg machte. Ist das eine „den Umständen angemessene Zeit“, wie es in Para­graph 124 StGB (Unerlaubtes Entfer­nen vom Unfall­ort) heißt? Herr K. ist aufgeregt. „Aber die Kinder …“ sagt er. Der Fahrplan, der Chef …

Lesen wir Paragraph 124 zu Ende: „Das Gericht … kann von Strafe … absehen, wenn der Unfallbe­teiligte innerhalb von vierundzwanzig Stunden nach einem Unfall außerhalb des fließenden Verkehrs, der aus­schließlich nicht bedeutenden Sach­schaden zur Folge hat, freiwillig die Feststellungen nachträglich ermög­licht“. Hier trafen fließender und ru­hender Verkehr aufeinander, wobei der fließende eben nicht flie­ßen konnte wegen des ruhenden … Eine vertrackte Sache. Amtsrichterin Jeschke findet: „Das ist nicht der typi­sche Fall einer Unfallflucht.“ Sie schlägt die Einstellung des Ver­fahrens vor. Die Staatsanwaltschaft macht mit, auch der Angeklagte, ob­gleich er 150 Euro für einen guten Zweck zah­len muss.

Am Ende kriegt Herr K. von Richterin Jeschke noch einen guten Rat mit auf den Weg: „Immer zumindest einen Zettel hinterlassen!“ Er verspricht’s, insgeheim wohl hoffend, dass es dazu nie mehr kommen wird.