Angeklagter pustet Richterin was

Von Dieter A. Graber

HANAU. Herr I. hat die traurigsten Augen der Welt. Sie sind grau und so freudlos, dass man selbst ganz be­kümmert wird bei ihrem Anblick. Sie können auch nirgends verweilen; be­gegnet man ihrem Blick, so flüchtet dieser wie ein verängstigtes Kind in eine an­dere Ecke von Saal 22 des Hanauer Amtsgerichts. Herr I. sitzt auf der An­klagebank, und zwar wegen einer Trunkenheitsfahrt. Aber das spielt ei­gentlich keine Rolle in der Ge­schichte, die so traurig ist wie die Au­gen dieses Mannes.

Geduldig hat er gewartet, draußen im Gang, auf den Beginn seiner Ver­handlung. Schicksalsergeben. Mutlos. Was hat er noch zu erwarten von die­sem Termin? Sein Name steht auf dem Blatt Papier neben der Tür und dazu ein Registerzeichen, eigentlich spie­gelt sich sein Leben nur noch in Ak­tenvorgängen wider – Gericht, Poli­zei, Arbeitsamt, Jobcenter. Er ist 49 Jahre alt, könnte aber auch als Mitt­sechziger durchgehen. Tränensäcke kleben wie Silikonpolster in seinem furchigen Gesicht, das Haar von schmutziggrauer Farbe ist zurückge­bürstet und über den Schläfen schon spärlich. Ein Gesicht, wie es einen nach einer durchzechten Nacht aus dem Rasierspiegel entgegen schaut. Seine „Sache“ wird aufgerufen. Müde erhebt er sich und betritt den Saal, ein magerer Mann ohne Hoffnung und Zukunft. Schlosser hat er mal gelernt, der Herr I., und auch als solcher gearbeitet, aber das war in einem anderen Leben, seit einem Jahr ist er nun schon ohne Job.

2,72 Promille hatte er intus gehabt und zugegeben, mit seinem Auto ge­fahren zu sein. Bier hatte er getrun­ken, und eine halbe Flasche Jäger­meister dazu, den Rest fanden sie noch in seiner Garage. Er sagt: „Es war wegen des Ärgers mit meiner Frau.“ Er selbst hatte die Polizei ange­rufen damals und von Suizid gefaselt. Er lebte eine Zeitlang in seinem Auto. In die Woh­nung durfte er nicht mehr rein. Ar­beitslos war er auch. Mit an­deren Worten: Sein Leben hasste ihn, und das hat sich bis heute nicht ge­ändert.

„Von was leben Sie jetzt?“ will Richte­rin Santi Bhanja wissen. Er zuckt die Schultern. Er weiß es nicht. Das Arbeitsosengeld ist ausgelaufen ver­gangenen Monat. Er wird wohl dem­nächst das Millionenheer der Hartz IV-Bezieher vergrößern. Dass er in nächster Zeit einen Job findet, scheint ausgeschlossen. Sein Rücken ist ka­putt, irgendwas mit der Wirbelsäule, auch die Knie machen nicht mehr mit.

Richterin Bhanja fragt: „Haben Sie heute schon was getrunken?“ Er schüttelt den Kopf. „Nur Red Bull. Ehrlich!“ Aber Energiegetränke rie­chen nicht nach Schnaps. „Wären Sie mit einem Atemtest einverstanden?“ Herr I. nickt. Er flüstert: „Ich bin un­schuldig.“ Er ist in sich zusammenge­sackt, ein Häufchen Elend auf der An­klagebank. Er stammt aus Kroatien. Er zittert. Er versucht ein verlegenes La­chen, weil es sich partout nicht ver­bergen lässt. Es ist der Tremor des schweren Trinkers. Ein Polizist, der als Zeuge draußen wartet, wird gebeten, ein Alcotest-Gerät zu besorgen. Der Prozess, der noch gar nicht richtig an­gefangen hat, geht erst mal in eine Pause.

Sie hatten ihm damals eine Blutprobe entnommen, aber das war schief ge­gangen –  unbrauchbar für eine BAK-Bestimmung, so dass der Atemluft­wert allein juristisch nicht für die Feststellung „absoluter Fahruntüch­tigkeit“ ausreichte. Zwar entschied der Bundesgerichtshof, dass die ab 1,1 Promille vorliege – aber eben im Blut. Obwohl ihm der Polizeiarzt sei­nerzeit einen „schleppenden Gang“ und „Gleichgewichtsstörungen“ at­testiert hatte. Feinheiten der Recht­sprechung sind das. Herr I. versteht davon nichts. Nur raus will er. Einen Schluck braucht er. Medizin gegen das Vibrieren seiner Nerven …

Nach einer von ihm vermutlich ge­fühlten Ewigkeit erscheint der Be­amte wieder. Der Angeklagte pustet. Es ist ein schwaches Hauchen, und er muss es wiederholen, damit das Ge­rät überhaupt anspringt. Und dann zeigt es – 1,61 Promille. Herr I. sieht erschrocken aus. „Bin ich jetzt ein Krimineller?“ fragt er ängstlich. Nein, das nicht, aber verhandlungsunfähig, wie Richterin Bhanja befindet, das schon.

Er wird erneut geladen werden. Die Richterin fragt: „Schaffen Sie es denn, wenigstens mal einen Vormittag lang nüchtern zu bleiben?“ Er verspricht es. Ach ja: Seinen Führerschein hat er wieder. Der war nach Kroatien ge­schickt worden, in seine Heimat, wo er ihn sich zu­rückholte. Da ist wohl etwas schief gelaufen. Eigentlich läuft ja alles schief im Leben des Mannes mit den traurigsten Augen der Welt.