Antithetisch in die neue Runde

Banu D. in ihrer neuen Rolle als Angeklagte, umgeben von den Verteidigern Fuchs, Gärtner, Küster (v. l.) ©Dieter Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Banu D. ist eine auf hintergründige Weise schöne Frau. Sie trägt einen schwarzen Hosenanzug und die dunklen Haare lässig am Hinterkopf zusammengesteckt und einen langen weißen Seidenschal, der ihre Hände  verhüllt, die mit Handschellen gefesselt sind. Sie lächelt, als sie den Saal 215 betritt. Ein neugieriges Lächeln ist das, nicht selbstsicher, nicht verzagt – eben einfach nur interessiert. Banu D. ist angeklagt, den Unternehmer Jürgen Volke durch die Tür seines Hauses in der Hanauer Gallienstraße erschossen zu haben (dazu hier, hier, hier, hier).

Ihr Lebensgefährte sitzt in der zweiten Reihe der Anklagebänke zwischen seinen Verteidigern Andreas von Dahlen und Edgar Gärtner. Lutz H. hat welliges, an den Schläfen angegrautes Haar, ein kantiges Gesicht und darin eine Mimik, die zu einer Zeit eingefroren zu sein scheint, als das Lächeln gerade außer Mode war. Staatsanwalt Mathias Pleuser verliest die Anklage. Es ist dieselbe, die er am 8. November vergangenen Jahres schon einmal vorgetragen hat. Darin kommt Lutz H. als der Todesschütze vor. Und dann schiebt er sogleich eine zweite, nahezu identische hinterher, in der Banu D. die Schüsse abgibt. Also was nun? Das hat verfahrenstechnische Gründe und damit zu tun, dass die alte Anklage ja noch in der Welt ist, aber das müssen die zahlreichen Besucher im Zuschauerraum hinter der Glasscheibe nicht verstehen. Nur so viel: Weil Richter Peter Graßmück einen rechtlichen Hinweis gibt, demzufolge bei dem Angeklagten H. auch „Anstiftung“ oder „Mittäterschaft“ infrage komme, hat es formal seine Ordnung.

Früher war Torsten Fuchs mal Bankkaufmann. Heute zählt er zu den versiertesten Strafrechtlern Deutschlands. Zusammen mit dem Wiesbadener Rechtsanwalt Axel Küster verteidigt er Banu D., die am 15. Dezember denselben Saal als Zeugin betrat und als Mordverdächtige verließ. Seither sitzt sie in Untersuchungshaft. Banu D. und Lutz H. seien damals „überein gekommen“, sagt Staatsanwalt Pleuser nun, Jürgen Volke umzubringen, weil der seine Frau Ulrike, welche die Schwester des Angeklagten ist, zu einem Erbstreit angestachelt habe. Ein Mordkomplott also. Der Kammer steht noch eine Menge Arbeit ins Haus.

Der zweite Anlauf des Verfahrens beginnt stotternd. Es ist ein Schnellschuss, um im Sprachgebrauch der Journalisten zu bleiben, die sich heute wieder auf der Pressebank drängeln. (Eine attraktive Angeklagte ist halt immer eine Story.) Erst kurz vor Weihnachten hatte Pleuser die Anklageschrift gegen Banu D. fertiggestellt, quasi über Nacht mit der heißen Nadel gestrickt, wie man so sagt, auf der Grundlage von Ermittlungsakten, Spurenordnern, belauschten und verschrifteten Telefonaten und Gesprächen im Auto, Handyortungsdaten, Schriftsätzen aus einem Zivilverfahren, den Aussagen eines verdeckten Ermittlers und von Zeugen, ferner Kontounterlagen, 11.000 Seiten insgesamt, alles irgendwann auf DVD und CD gebrannt und an die Verteidiger geschickt, wovon manches noch unterwegs ist …

Die Anwälte Fuchs und Küster monieren dies. Wann hätten sie das alles lesen sollen? Sich auf den „Grundsatz der Waffengleichheit“ berufend  verlangt Verteidiger Fuchs zudem die Unterrichtung über alles, was in dem ursprünglichen, nach neun Verhandlungstagen im Dezember geplatzten Hauptverfahren vorgetragen wurde einschließlich eines neuen Ortstermins. Schließlich hätten die anderen Verfahrensbeteiligten, die Nebenkläger insbesondere, Vorteile, „weil sie von Anfang an dabei waren“. Übrigens: Waffengleichheit ist tatsächlich ein juristischer Begriff, zu dem auch die Wissensgleichheit gehört. Dieser Fuchs ist tatsächlich ein solcher …

Auch Rechtsanwalt von Dahlen äußert sich. Die Indizien gegen seinen  Mandanten seien „von zweifelhafter Herkunft und Beweiskraft“, die Beweislage „defizitär und auf schiere Vermutungen begründet“, die neuerliche Anklage „antithetisch“ zur ursprünglichen. Das ist ein schönes Adjektiv. Antithetisch. Es entstammt dem griechischen antithetikos. Entgegengesetzt.

Der neue Prozess verspricht also Spannung pur. Wie werden die Angeklagten auftreten? Stehen sie weiter zusammen bis zum Schluss, um trotzig schweigend ihr gemeinsames Schicksal zu akzeptieren? Oder wird einer von ihnen ausbrechen, sich also antithetisch verhalten? Hier eine schöne Frau, geschieden, Mutter zweier Kinder, dort ein prekär beschäftigter Großwildjäger, immer noch verheiratet, 52 Jahre alt. Banu D. wird in vier Tagen einundreißig. In der Untersuchungshaft gibt es viel Zeit zum Nachdenken.

Fortsetzung am 21. Februar, 9 Uhr, Saal 215.