Auftritt der älteren Damen

Von Dieter A. Graber

HANAU. Vielleicht wäre alles anders gekommen, hätten sie Frau H. eingewiesen. Rechtzei­tig in die Psychiatrie gesteckt, wäre sie nicht zum Opfer geworden. Das ist eine ge­meine Schlussfol­gerung, zuge­geben, aber gemein ist vieles an diesem Fall, auch so man­cher Satz aus den Plädoyers der Verteidigung.

Tatsache ist, dass die Betreue­rin von Jessica H., 28, am 7. April dieses Jahres einen ent­sprechen­den Antrag stellte. Frau H. leidet an Schizophrenie. Die Krankheit kommt in Schü­ben. Es war mal wieder ganz schlimm in jenen Tagen. Verwir­rung, Panikat­ta­cken, Verfol­gungswahn. Schon einmal musste sie gerichtlich ein­gewiesen wer­den. Aber irgend­wie hat es dies­mal nicht ge­klappt, warum auch immer, und am Abend ging Frau H. dann in ihre Lieblings­kneipe, den Eulen-Pub zu Dör­nigheim, wo sie drei Männer traf, die sie am nächsten Mor­gen am Main­ufer miss­brauch­ten.

Die Männer heißen Toto, Awet und Filmon. Sie kamen als Flüchtlinge aus Eritrea. Drei junge Burschen mit netten, fast noch kindlichen Gesichtern, über die heute das Urteil der 2. Gro­ßen Strafkammer gespro­chen werden soll. Das über Jessica H. steht bereits fest: Geisteskrank ist sie, den Dro­gen und dem Alko­hol zugetan, den Männern auch … Den Be­griff „promiskuitiv“ verwendet Totos Verteidiger, der Straf­rechtler Moritz David Schmitt aus Mainz. Die Kran­kenge­schichte und Lebensum­stände der Frau H. werden in Saal 215 lang und breit erörtert. Da bleibt wenig Intimes verbor­gen. Irgendwie kommt es einem vor, als sei sie nun erneut zum Opfer geworden, aber das muss wohl so sein in einem Ver­fahren, bei dem es um bis zu fünfzehn Jahre geht für die An­geklagten.

Zuerst aber erfolgt der Auftritt der älteren Da­men. Ehrenamtli­che Flüchtlings­betreuerinnen sind sie und extra gekommen, im Zeugenstand kund zu tun, dass die Angeklag­ten, ihre Schütz­linge, allesamt „freundliche, wissbegierige junge Männer“ seien. „Wir erkundigten uns stets gegenseitig nach dem Wohlbe­finden“, erinnert sich die eine bewegt. Und die andere, die dem Filmon seit Jahren die deutsche Sprache näher zu bringen ver­sucht, kon­statiert ein wenig rat­los: „Er ist doch so ein schüch­terner Junge.“ Fast rührend kommt dies Er­schrecken daher über ein Ge­schehnis, das so recht ins ei­gene Weltbild nicht passen will.

Der Frankfur­ter Psychiater Tho­mas Holz­mann hat mit Frau H. ein langes Gespräch ge­führt. Über ihr Leben, ihre Krankheit, ihre Ein­samkeit. Eine junge, at­traktive Frau ist sie, die mit ih­rem Hund allein in einem kleinen Zimmer haust, zerstritten mit den Eltern, ohne Job, auf „Stütze“ und auf Psychopharmaka. Ein Sch…-Le­ben muss das sein, so ganz ohne Liebe und Zukunft, und so ist es wohl zu verstehen, dass sie bis­weilen die Nähe ande­rer Men­schen sucht. Im Eulen-Pub zum Beispiel.

Auch davon, was dort geschah am Vorabend der Tat, gibt es unterschiedliche Darstellungen. „Sie fuhr meinem Man­danten durchs Haar“, sagt Awets Vertei­diger Alexandros Tsioupos. „Sie suchte Kontakt zu Männern.“ Frau H. hat das an­ders geschil­dert. Sie sei an­ge­macht worden. Bedrängt. Aber kann man einer Schizo­phrenen glauben?

Ja, sagt die Psychologin Sonja Parr aus Heuchelheim. Die Aus­sagen seien „im Kern“ zutref­fend. Auch Psychiater Holzmann ist davon überzeugt. Der Notruf, den sie kurz nach der Tat absetzte, spreche dafür. „Absolut authen­tisch“, sagt er. „Sie war aufge­wühlt, verängstigt.“ Das mit der Polizei geführte Telefonat wurde im Gerichtssaal abgespielt. Es ist ein Tondokument der Verzweif­lung.

Die Straf­rechtlerin Wiebke Otto-Hanschmann aus Frankfurt, die den Filmon verteidigt, sagt, die Enthemmung ihres Mandanten sei erst durch das „entgegen­kommende Verhalten“ des Op­fers – im Pro­zess durchgängig „Zeugin“ ge­nannt  – entstanden. Dann lässt sie ihre Phantasie am langen Zü­gel galoppieren, als sie die Situa­tion in der Kultkneipe beschreibt: „Da ist eine junge Frau, die feiert, lacht; es wird ge­knutscht, sich angefasst – und dann passiert etwas …“ Nein, keiner sagt: Selber schuld! Aber irgendwie hört es sich so an.

Das Etwas, das dann passierte, nennt Staatsanwalt Oliver Piechaczek eine „besonders schwere se­xuelle Nötigung“. Er sagt auch: „Das war eine Ernied­rigung ers­ter Klasse. Mehr Aus­geliefert­sein, mehr Degradierung zum Sexualobjekt geht gar nicht.“  Nur der Filmon habe sich bei dem Opfer entschuldigt und „aufrichtige Reue“ gezeigt. Das gibt jetzt Pluspunkte, ebenso sein Geständnis. 

Die Urteile (drei Jahre, neun Monate für Toto wegen Verge­waltigung, jeweils wegen ge­meinschaftlicher Nötigung drei­einhalb Jahre für Awet und drei für Filmon) werden eventuell weitere Konsequenzen haben für die jungen Männer. Sie verlieren ihren Flüchtlingsstatus. Abge­schoben werden dürften sie gleichwohl nicht. In Eritrea soll es Menschenrechtsver­letzungen geben.