Automatensprenger: Mehr als Rabatt nicht drin

Von Dieter A. Graber

HANAU. Rechtsprechung ist biswei­len der Versuch, die Gedanken des An­geklagten zu lesen, wie sie ihm zum Zeitpunkt seiner Tat durch den Kopf gingen, also im Nachhinein, und je länger sie zurück liegt, die Tat, desto schwieriger gestaltet sich das Un­ter­fangen. So auch im zweiten Prozess gegen die Automatensprenger: Was dachten, hofften, ­fürchteten Denis D. und Olaf H., als sie mit dem sterbenden Manfred A. im Auto durch die Nacht gondelten?

Am 17. September 2013 bewegt Man­fred A., den sie Manni nennen, die beiden dazu, mit ihm den Fahr­karten­automaten an einer kleinen Bahnsta­tion in Unterfranken mittels eines Gas­gemischs aufzusprengen, um an das Bargeld zu gelangen. Er rechnet mit ein paar Tausend Euro. Er ist der Planer. Er hat an alles gedacht, ein Gas-Sauerstoff-Set besorgt, Klebe­band und Arbeitshandschuhe einge­packt, eine Sturmhaube gebas­telt und am Vortag schon mal den Tatort in­spiziert. Er gibt die Anwei­sungen. Er sagt: „Egal, was hinterher passiert – sofort weg aus Bayern!“ Denis D. soll ihm beim gro­ßen Knall zur Hand ge­hen, Olaf H. derweil Schmiere stehen. Olaf H. sagt, er habe eigentlich nicht mitmachen wollen, sei aber überredet worden. Laut Gutachter ist er „ein int­rover­tierter, konfliktscheuer Mensch“. Typ Mitläufer. Bis dahin mäanderte er mehr ziellos durchs Leben, er arbei­tete mal als Mechaniker, Reifenmon­teur, Briefträger. Er wohnt bei der Großmutter. Für einen Bekannten bewahrt er Schusswaf­fen und Spreng­stoff zuhause auf. Er kann wohl nicht „nein“ sagen.

Gaubüttelbrunn, 1.19 Uhr. Ein Knall zerreißt die Stille der Provinz. Manni liegt blutend neben den Resten des Automaten. Ein Loch im Kopf. Nicht mehr ansprechbar. Sterbend. Be­kannt ist, was dann geschieht. Manni wird ins Auto gepackt und nichts wie weg. Aber was veranlasste seine bei­den Komplizen zu der wahnwitzigen Tour nach Salmünster, 146 Kilome­ter (laut Google Earth), vorbei an mehre­ren Städten mit gut ausgestat­teten Klini­ken, um Manni schließlich fernab auf einen düsteren Parkplatz zu le­gen? „Die Angeklagten wollten ihre Straftat verdecken“, sagt Staats­an­walt Oliver Piechaczek in seinem be­merkenswer­ten Plädoyer. Je weiter weg, desto ge­ringer die Wahrschein­lichkeit, mit der Detonation in Ver­bindung gebracht zu werden. Dabei hät­ten sie genau ge­wusst, wie es um Manfred A. stand: „Das unerwartete Ausmaß der Explo­sion, das viele Blut – ihnen war klar, dass er dringend ärztlicher Hilfe be­durfte.“ Juristen sprechen da vom kognitiven Element: das Wissen um die Situation. „Wäh­rend der Fahrt kümmerten sie sich nicht um ihn, lie­ßen sogar die Maske auf seinem Kopf. Warum? Weil sie keinen aufgespalte­nen Schädel sehen wollten“, so Pie­cha­czek. Selbst der Notruf unter fal­schem Namen, den Olaf H. schließ­lich in Salmünster tä­tigte, als Manni frei­lich bereits tot war, sei „unkonkret und halbherzig“ gewesen. (Er hatte am Telefon von einer „Schlägerei“ und einem „Ver­letzten“ gesprochen.)

Zwar habe „keine gezielte Absicht vor­gelegen, ihn sterben zu lassen“. Sein Tod sei jedoch billigend in Kauf ge­nommen worden.  Es ist dies das vo­luntative Element, wie Juristen sagen, das Wollen des Täters. Kommt beides zusammen, das Wissen und das Wollen – und nur dann! – kann von Vorsatz die Rede sein.

Ein rhetorisch hervorragendes Plädo­yer, ohne Frage. Seine einzige Schwä­che liegt darin, dass Piechaczek logi­sches Denken voraussetzt, die Mög­lichkeit des Abwägens von Für und Wider, eine auf Vernunft begründete Entscheidung – und daraus quasi die Ratio des Bösen schlussfolgert. In ih­rer ebenso beeindruckenden Vertei­di­gungsrede versucht Rechtsanwältin Michaela Roth, die Olaf H. vertritt,  das zu widerlegen: „Nach dem Ausfall Mannis, dem ,Kopf‘ des Trios, waren die beiden anderen hilflos. Mein Man­dant ist ja schon mit einfacher Kom­munikation überfordert! Wie hätten sie da gemeinsam einen Plan entwer­fen sollen? Wir dürfen in die­sem Fall nicht unsere Maßstäbe des Denkens und Handelns als Richt­schnur neh­men.“ Tatsächlich schrieb der BGH in seiner Revisionsentschei­dung: „Hin­sichtlich des Willensele­ments sind … auch die Persönlichkeit des Tä­ters, sein psychischer Zustand zum Tat­zeitpunkt und seine Motiva­tion … ein­zubeziehen.“

Auch sah der 2. Senat des Bundesge­richtshofs im Handeln von Olaf H. und Denis D. tatsächlich einen „do­kumentierten Rettungswillen“. Ver­teidigerin Roth: „Sie wollten ihren Freund retten, und sie hatten ein Ziel – das Krankenhaus in Salmünster, das einzige, das sie kann­ten. Dann sind sie gefahren, ge­fahren, ge­fahren.“ Wie sie fordert auch ihr Kollege Axel Bolz (Hanau) für seinen Mandanten den Freispruch vom Vorwurf des ver­suchten Mordes.

Nach einer langen Beratung verkün­det Richterin Susanne Wetzel das Urteil. Es ist keine Überraschung. Es bleibt bei der Entscheidung der 1. Großen Straf­kammer. Schon zu Prozessbeginn hatte sie aus dem Revisions-Beschluss nur einen „Begründungsmangel“ her­ausgelesen, also ein „Schönheitsfeh­ler“.  Wir warten mit Spannung da­rauf, der schriftlichen Urteilsbegrün­dung zu entnehmen, wie der nunmehr behoben wurde. Mehr dazu hier, hier und hier.