Automatensprenger: Vom Wissen und vom Willen

Von Dieter A. Graber

HANAU. Die spektakuläre Tat geschah im Septem­ber 2013. Nach Überzeugung der Kam­mer war der 47-jährige Manfred A. aus Zeitlofs, den alle Manni nannten, mit sei­nen Freunden Denis und Olaf zu der klei­nen Bahnstation von Gau­büttelbrunn bei Tauberbischofsheim gefahren. Dort wollten sie den Fahrkartenau­tomaten sprengen. Manni hatte sich im Internet sachkundig gemacht. „Sie leiteten ein Gas-Sauer­stoff-Gemisch in das Gehäuse, das sie zu­vor mit Isolier­band abgeklebt hatten“, so Oberstaats­anwalt Heinze. Der Versuch, den Au­tomaten mit einer Flex zu öffnen, war Tage zuvor gescheitert. Manni zünde­te eine Wunderkerze an und steckte sie in den Schlitz …

Die Explosion war gewaltig. Eine Druckwelle schleuderte Manni durch die Luft; eine 30 Kilo schwere Stahl­platte traf ihn am Kopf. Seine Kompli­zen fuhren anschließend mit dem blutüber­strömten, röcheln­den Mann zwei Stunden lang über Land­straßen nach Bad Soden-Sal­münster. Sie leg­ten ihn auf den nächtlich ein­samen Bahn­hofspark­platz, gegenüber eines Krankenhau­ses, wo er um 3.55 Uhr starb, kurz, bevor der Notarzt eintraf, den Olaf unter falschem Namen alarmiert hatte.

In seiner Urteilsbegründung führte Richter Graßmück damals aus, dass Manf­red A. zwar auch dann keine Überlebens­chance gehabt hätte, wenn er von den beiden sofort in ein nahes Krankenhaus gebracht worden wäre. „Aber die An­ge­klagten nahmen billi­gend in Kauf, dass er sterben würde. Strafrechtlich kommt es auf den ver­brecherischen Willen der Tä­ter an.“ Sie hätten den Schwerver­letzten durch seinen Transport „aktiv und bewusst von je­der Rettungsmög­lichkeit fernhalten“ wollen, heißt es im Urteil. Das aber sieht der 2. Straf­senat des BGH (Vorsit­zender: Thomas Fischer) an­ders. Und dabei entbehrt die Begrün­dung der Karlsruher Rich­ter keines­wegs einer gewissen Spitz­findigkeit.

Tatsächlich setzt ein bedingter Tö­tungsvorsatz voraus, dass der Täter, wie es heißt, erstens „den Eintritt des Todes als mögliche Folge seines Han­delns erkennt“ und zweitens dies „billigend in Kauf nimmt“. Vom Wis­sens- und vom Willenselement ist dann bei Juristen die Rede. Zwar sei es Denis D. und Olaf H.  klar gewesen, dass ihr Komplize, der eine acht Zen­timeter lange, bis zum Knochen rei­chende Wunde an der Stirn erlitten hatte, einen Schädel­bruch mit Abriss des Unterkiefers so­wie Verletzungen an Armen und Bei­nen, sofort ärztliche Hilfe benötigte (Wissenselement). Für nicht ausrei­chend begründet indes halten die Bundesrichter die Über­zeugung der Hanauer Kammer, dass sie Manfred A. nur deshalb in das Auto geladen und mitgenommen hät­ten, um zu verhindern, dass er auf dem Bahnsteig von rasch anrücken­der Po­lizei und Feuerwehr gefunden und versorgt werden konnte. Die Ab­lage des Sterbenden in der Nähe ei­nes Krankenhauses dokumentiere ja ge­rade den „Rettungswillen“.

Die Hanauer Richter hielten es für erwiesen, dass Olaf H., der daheim im Keller eine Cannabisplantage betrieb, und Denis D., der zur Tatzeit unter laufender Bewährung stand und zu Hause Waffen und Sprengstoff lagerte, den Schwerverletzten sterben lassen wollten, um nicht als Mittäter ermittelt zu wer­den. Auch hinterher seien sie „wohl­über­legt und zielgerichtet“, so Graß­mück, zu Werke gegangen, um die Spu­ren zu verwischen. Der „be­dingte Tötungsvorsatz“ sei in dem Hanauer Urteil jedoch nicht ausrei­chend dar­gelegt, fand hingegen der BGH.

Die Verurteilungen wegen Herbeifüh­rung einer Sprengstoffexplosion, Sachbeschädigung und illegalem Waffenbesitz bemängelten die Karlsruher Richter nicht. Die Neuauf­lage des Prozesses, diesmal vor der 2. Großen Strafkammer, ist für August geplant.