Böser Ali, dicke Hose

Halbstarke prügeln sich, der wackere Wachtmeister schreitet ein, und alles ist wieder gut. So jedenfalls stellten es sich Jugendbuchautoren der 50-er Jahre und Politiker der Gegenwart vor. Zeichnung: Horst Lemke

Von Dieter A. Graber

HANAU. Ali ist so ein Schlacks mit ei­ner Tolle wie Elvis, meerblauen Au­gen und einem Kinn- und Schnurbärt­chen, über das er gelegentlich mit dem Finger streicht, als wolle er sich verge­wissern, dass es noch da ist. Heute hat ihm die Mama ein tailliertes rosafarbenes La-Martina-Hemd herausgelegt, dazu die neue Lederjacke und Designerjeans mit vielen Reißverschlüssen, auch an Stel­len, wo man gar keine braucht. Ali, 19 Jahre, Deutsch-Türke, gilt als jugendli­cher Intensivtäter, einer der schlimms­ten in Hanau, und jetzt hat er mal wie­der Prozess. Ali soll einen Mann be­wusstlos geprügelt, vielleicht einem an­deren den Unterkiefer gebrochen, einer junge Frau ins Gesicht geschlagen ha­ben. Es pas­sierte auf dem Lamboyfest.

Nein, wie ein Haudrauf sieht er nicht aus, der Ali, eher wie der nette Junge von nebenan, aber irgendwann muss sein Leben aus dem Ruder gelaufen sein, das steht fest. Zuhause waren sie überfordert mit dem renitenten Bengel. Mit fünfzehn kriegte er seine erste Akte bei der Staatsanwaltschaft. Das Verfah­ren wegen Körperverletzung wurde da­mals aber eingestellt. Dann Sachbe­schädigung. Schließlich Fahren ohne Fahrerlaubnis. Zum Prozess erschien er seinerzeit erst gar nicht, woraufhin er drei Wochen in den Bau gesteckt wurde. „Terminhaft“ heißt das. Die fünfzig Stunden gemeinnützige Arbeit, die ihm der Jugendrichter aufbrummte, sind eine Geschichte für sich: Auf dem Haupt­friedhof flog er wegen notorischer Un­pünktlichkeit raus. Im Tierheim, der nächsten Station, ließ er sich kaum bli­cken. Erst beim HSC 1960 hat’s dann geklappt mit den Sozialstunden. „Und der Anti-Gewalt-Kurs?“ fragt Jugendrichter Filbert. Ali nuschelt: „Eigentlich hätte ich vorges­tern da hin gemusst …“ Er kam nicht dazu. Er war zu müde.

Sein Verteidiger, der Rodenbacher An­walt Christoph Pfeifer, gibt eine Erklä­rung ab: „Mein Mandant räumt ein, ge­schlagen zu haben, kann sich aber an Einzelheiten nicht erinnern, weil er be­trunken war. Er kriegte aber auch was ab.“ Angeblich mit einem Teleskop­schlagstock. Ali entschuldigt sich bei den Opfern: „Wenn ich’s wirklich war, tut es mir leid. Sch… gelaufen.“

Teil eins des Vorfalls ereignete sich ge­gen Mitternacht im Schlossgarten. Flo­rian, Kai, Johannes und ein paar andere feierten da den Geburtstag eines Freun­des. Ali und seine Kumpels standen ne­benan. Machten auf dicke Hose. Starke Sprüche. Machogehabe. Rempeleien. „Ich wollte dazwischen gehen“, sagt Kaja, 23, eine Krankenpflegerin, „da schlug mir jemand ins Gesicht. Das Blut lief mir in die Augen, ich konnte nichts mehr sehen.“ Schlimmer erging es dem Kai, 19, noch Schüler damals: „Ich kriegte eins gegen die Schläfe, dass ich zu Boden ging. Dann traten sie mir ge­gen den Kopf.“ Er verlor kurz die Be­sinnung. Er kam mit einer Gehirner­schütterung, einem Bluterguss und Schürfwunden im Gesicht ins Stadt­krankenhaus. Die Polizei wird später sagen, sie habe eine Massenkeilerei verhindert.

Teil zwei: Vorm Klinikum lauern Alis Leute auf die versprengten Truppen der Gegenseite. Florian lässt sich aus der Notaufnahme, wohin er die Verletzten begleitet hat, zur Schranke an der Ein­fahrt locken. Dort nehmen sie ihn in die Mangel. Florian ist ein massiger Bur­sche, über einsachtzig groß und ent­sprechend schwer. Keiner, der sich so leicht unterkriegen ließe. Er erleidet ei­ne komplizierte Kieferfraktur, muss operiert werden. Metallplatten und zehn Schrauben halten nun die lädierte Kinnlade in Form. Er sagt, auf Ali wei­send: „Das kann nur er gewesen sein.“ Ali entschuldigt sich abermals wort­reich. Kostet ja nix.

Neben ihm sitzt der Sergen. Der graue Kapuzenpulli Größe XXL spannt überm gewaltigen Bauch. Er grummelt: „Ich würde nie ei­nen hauen, wenn ich nicht bedroht werde.“ Oder: „Den Ali kenne ich nur vom Se­hen.“ Oder: „Ich war in der Nacht gar nicht dabei.“ Und dann noch: „Ich habe einen Namen in Hanau. Viele kennen mich!“ Stolz klingt das. Ein bisschen bedrohlich auch. „Um es kurz zu machen“, fällt ihm Verteidiger  Cle­mens Bergmann ins Wort: „Er be­streitet die Täterschaft.“ Sergen nickt Zustimmung. Ein rhe­torisches Talent ist er nicht. An seiner Linken prangt eine dicke goldene Uhr, die zu ihm passt wie ein Dutzend Austern mit Champagner in eine Suppenküche.

Sergen hat noch eine andere Sache an der Backe. Er kurvte mit Mutters Auto durch die Innenstadt und baute einen Un­fall. Er hat keinen Führerschein. Gluck­send tut er kund: „Ich wollte halt mal Mercedes fahren …“ Er findet das ko­misch. Eigentlich wäre diese Anklage heute noch gar nicht an der Reihe, aber Anwalt Bergmann will reinen Tisch machen. Also wird sie mit verhandelt. Sergen hat eine Lehr­stelle in Aussicht und möchte einen Schlussstrich ziehen unter sein altes Le­ben. Er ist zwanzig.

Gegen den Ali sind noch zwei weitere Anklagen in der Welt. Es geht um Kör­perverletzung. In einem Fall sollen 32 Zeugen gehört werden. Richter Filbert denkt daran, es an die Jugendkammer des Landgerichts abzugeben.

Erst kürzlich ist ein Prozess gegen Ali und andere wegen rüpelhaften Beneh­mens und ag­gressiven Auftretens des jugendlichen Publikums geplatzt. Heute bleibt alles friedlich. Nur ein paar ver­einzelte, erwachsene Zu­schauer sitzen hinten. Es mag der Uhrzeit geschuldet sein: Der Prozess begann bereits um 8.30 Uhr.

Er wird fortgesetzt.