Böser Bube auf der Flucht

Von Dieter A. Graber

HANAU. Gabriel ist sechzehn Jahre alt, ein ma­geres Kerlchen, nicht viel mehr als 50 Kilo auf dem Leib, eher klein, aber voller böser Energie. Einmal schlug er einem jungen Mann mitten in der Stadt ins Gesicht, einfach so; es gibt eine Videoaufzeichnung davon. Das Opfer erlitt einen schweren Trom­melfell­schaden. Auf einem Spielplatz raubte Gabriel einem Drei­zehnjähri­gen das Mobiltelefon, am helllichten Tag. Es war ein Komplize dabei und ein Mes­ser im Spiel. Es wurde dem Opfer an den Hals gesetzt.

Gabriel habe nur eine geringe „Im­pulskon­trolle“, heißt es, und sei sehr ag­gressiv. Gabriel gilt als einer der hoff­nungslo­sen  „Mehrfachintensiv­täter“. Ein MIT, wie es im Po­lizeijar­gon heißt. Im Gegensatz zu den „be­son­ders auffälligen Straftätern unter 21“, den „Basu21“, wird ihm keine po­sitive Prognose mehr zuteil. Ein jun­ger Mensch, verloren für die Gesell­schaft.

Vier Anklagen sind gegen ihn in der Welt, aber fünf weitere wurden be­reits eingestellt. Die Justiz ist biswei­len gnädig im Umgang mit juvenilen De­linquenten. Jugendstrafrecht ist dem Erziehungsgedanken verpflich­tet. Es ist ein Lex specialis, wie die La­teiner sagen. Es verdrängt das allge­meine Gesetz (derogat legi generali), weil es bei Jugendkriminalität angeb­lich um harmlose, vorübergehende Entglei­sungen gehe, die bei jedem jungen Menschen, gleich welcher Ge­sell­schaftsschicht, auftreten könnten. Gabriel ist der Beweis dafür, dass dies zumindest nicht immer stimmt.

Gabriel nimmt die Justiz nicht ernst. Wiederholt ist er zu Prozessen nicht erschienen. Irgendwann wurde dann ein Haftbefehl ausgestellt. „Zur Siche­rung des Verfahrens“, wie dies ge­nannt wird. Die Polizei hat ihn schließlich bei ei­ner Verwandten in der Hanauer In­nenstadt aufgetrieben. Gabriel ver­steckte sich hinter einer Reisetasche auf einem Schrank. Sie fanden ihn trotzdem. Aber wie gesagt: Der Frei­heitsentzug währte nicht lange.

Achtzehn Basu21-Fälle werden zur Zeit vom Kommissariat 35 der Ha­nauer Kripo „betreut“. Der jüngste ist dreizehn. Das Wort „betreuen“ be­deutet etymologisch, für jemanden, für etwas sorgen. „Wir arbeiten mit den Jugendbehörden, dem Auslän­deramt, der Justiz, aber auch, wenn es möglich ist, mit den Eltern zusam­men“, sagt Ralph D., der Kommis­sa­riatsleiter. Ralph D. ist ein junggeblie­bener Sechziger, durchtrai­niert, seit 40 Jahren im Polizeidienst, einer, der die Straße kennt, also er­fahren, gleichwohl nicht desil­lusio­niert. Dass er Gabriel jetzt wie­der einfangen muss, findet er ärger­lich, aber so geht das Spiel nun mal. Unter den jungen Straffälligen fänden sich auch zunehmend Mädchen, sagt er. Emanzipation hat viele Gesichter.

Die Jugendkriminalität sei doch gar nicht so schlimm, wiegelt Roland Ullmann ab, Polizeipräsident für Süd­osthessen und damit auch zuständig für den Main-Kinzig-Kreis. Und dann verweist er auf rückläufige Fallzahlen und eine gestiegenen Aufklärungs­quote: „Noch vor zehn Jahren lag der Anteil der unter 21 Jahre alten Tat­verdäch­tigen bei 24 Prozent. Aktuell liegt er bei 20,5 Prozent.“ Tatsache aber ist, dass der Anteil Heranwach­sender, also der zwischen 18 und 21 Jahren, bei denen in der Regel das Jugend­strafrecht an­gewandt wird, mit 9,9 Prozent nahezu konstant blieb, vor dem Jahr 2010 aber noch deutlich da­runter lag. Pro­zentuale Anteile sind halt immer eine Frage des Ganzen …

Jeder Straftäter hat seine eigene Ge­schichte. Manche ähneln sich. Gabriel wuchs bei der allein erziehenden, mit dem lebhaften Jungen überforderten Mutter auf. Kontakt zum Vater gab es nicht. Sozialisation auf der Straße. Viele kriminelle Karrieren haben so angefangen. Was soll man mit so ei­nem anstellen?

Wer Hinweise auf Gabriels Aufent­haltsort machen kann, sollte sich der Polizei anvertrauen. Es wäre übrigens ganz in seinem im Interesse.