Böser Bube im Spielzeugparadies

Es geschah am helllichten Tag: Tatort „Steckenpferd“ am historischen Untermarkt. Foto: Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Das Paradies für Kinder und Erwachsene, die irgendwie noch ein bisschen Kind geblieben sind, befindet sich in einem Eckhaus am Gelnhäuser Untermarkt. Es ist ein kleiner Laden. „Steckenpferd“ heißt er. Wer hier vor­bei kommt, macht gerne mal einen Abstecher in die bunte Welt des Spiel­zeugs oder drückt sich wenigstens die Nase platt an den Schaufenstern. Am 29. August vergangenen Jahres betrat Manuel S. das Geschäft. Er hatte ein Messer in der Hand. Er raubte den In­halt der Kasse. Es war 15.15 Uhr, ein Samstag.

Janine M. ist eine schmale Frau mit blonden Locken. Sie sitzt auf dem Zeugenstuhl in Saal 215 des Hanauer Landgerichts und erinnert sich an die­sen Tag. Er hat ihr Leben verändert. Blass ist sie, aufgeregt, aber fest ihre Stimme, und wenn sie erzählt, hört es sich an, als habe sie die Sätze vorher zuhause geübt, um alles flüssig über die Lippen zu bringen. „Er kam herein und  schloss die Tür. Er hatte ein Mes­ser in der offenen Hand, rechts, das er in Hüfthöhe vor sich hielt. ,Gib mir das Geld!‘ sagte er. Ich öffnete die Kasse. Er steckte alles in eine kleine, weiße Plastiktüte. Dabei ließ er sich Zeit. Ich wollte raus, einfach weg, aber er packte mich und zog mich zurück …“ Hinterher verließ er seelenruhig den Tatort. 200 Euro hatte er erbeutet.

Es war keine spektakuläre Tat. Weder vom Ablauf her und erst recht nicht, was die Schadenssumme betraf. Aber es waren die schlimmsten Minuten im Leben von Frau M., der Verkäuferin aus dem Kinderparadies „Stecken­pferd“, und drüber hinwegkommen konnte sie nicht. Bis heute nicht. Ver­sucht hat sie’s, das schon, weil ihr die Arbeit doch immer so viel Freude ge­macht hatte. „Aber ich kann nicht mehr allein in einem Laden sein“, sagt sie. Dann kriegt sie Panikattacken. Frau M. ist 46 Jahre alt. Sie sagt: „Es hat sich alles verändert.“

Der Räuber Manuel S. ist ein schmäch­tiges Kerlchen mit kurz rasiertem Haar und getrimmtem Drei-Tage-Bart, 26 Jahre alt, Brille. Er blickt auf ein ver­pfuschtes Leben zurück. Der Gutachter Ralf Werner aus Bingen nennt ihn „eine dissoziale Persönlichkeit“. Aber wie wird einer dazu?

Der Vater ist Malermeister und schwerer Trinker. Oft verprügelt er seine Frau und die vier Kinder. Manuel schafft die Hauptschule, lernt aber keinen Be­ruf. Er ist neunzehn, als die Familie von Hildesheim, seiner Heimat, nach Neuseeland auswandert. Ein Jahr da­rauf kehrt sie zurück, gescheitert an des Vaters Liebe zum Alkohol. Die Ehe der Eltern zerbricht; Manuel, nunmehr auf sich allein gestellt, lässt sich trei­ben … „Ein Leben nach dem Lustprin­zip“, sagt der Psychiater: „Partys, Alko­hol, Drogen. Er fand es cool, ansonsten nichts zu tun.“ Man könnte ihn auch als arbeitsscheu bezeichnen. Er hat kurze Liebesaffä­ren, nichts, was ihm hätte Halt geben können. Er wird delinquent, muss eine Gefängnisstrafe absitzen wegen Dieb­stahl, Einbruch, Raub, Erpressung, Körperverletzung. Jobbt als Kutscher auf Juist und Kellner in Aschaffenburg. Landet zufällig in Gelnhausen, streunt ziellos durch die Stadt, schaut durch das Schaufenster vom „Steckenpferd“. Er braucht Geld. Er sieht nicht die far­benfrohen Auslagen, die Bälle, die Puppen, die Holzwägelchen. Nur die Kasse sieht er …

Zwei Tage später überfällt er noch ei­nen Laden, einen Textildiscounter im „Coleman-Park“. Wieder mit dem Ta­schenmesser und nach dem gleichen Schema. Verkäuferin Oxana A. muss ihm 1935 Euro aushändigen. Es ist wegen der höheren Beute vielleicht eine schwerwiegendere Tat, juristisch betrachtet, auch, weil er sie von lan­ger Hand vorbereitete, das Geschäft vorher ausbaldowerte.  Aber viel schwerer wiegt es, das „Steckenpferd“ ausgeraubt zu haben – unter morali­schen Gesichts­punkten. Denn was ist unschuldiger als ein Spielzeugge­schäft?

Wenig später wird Manuel S. festge­nommen. Er war weitergezogen. Ohne festen Wohnsitz , ohne Familie, ohne Freunde. Sie erwischten ihn in einem Zelt bei Wolfenbüttel. Das Messer hatte er noch bei sich, vom Geld war nichts mehr übrig. Vertrunken, durch die Nase gezogen, verdaddelt.

Die 1. Große Strafkammer des Ha­nauer Landgerichts verurteilt ihn zu sieben Jahren Freiheitsstrafe. Nach eineinhalb Jahren wird er dann in ei­ner Entziehungsanstalt untergebrach, wo er eine Therapie machen muss. Gutachter Werner hatte sich dafür ausgesprochen. Es sei zu befürchten, dass er andernfalls erneut straffällig werde. Im Herbst 2019 könnte Manuel S. nach Verbüßung der Hälfte seine Strafe wieder auf freien Fuß kommen.

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