Böser Onkel im Verdacht

Banu D. auf dem Weg zur Verhandlung. Rechts die Verteidiger Fuchs (vorn) und von Dahlen. ©Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Vor zehn Tagen beging Banu D. ihren 31. Geburtstag. Es war für sie ein Tag wie jeder andere in der JVA, trostlos und traurig und von jener eintönigen Monotonie, die Untersuchungsgefangene dort zu umgeben pflegt, und womöglich wird Banu D., die eine schöne Frau ist, noch viele weitere Geburtstage wie diesen verbringen müssen. Überhaupt die vielleicht besten Jahre ihres noch jungen Lebens. In dem Prozess, der gestern vor der 1. Großen Strafkammer des Hanauer Landgerichts erneut begann, zum dritten Male übrigens, wird sich dies entscheiden. Banu D. ist gemeinsam mit ihrem Geliebten Lutz H. (52) angeklagt, dessen Schwager ermordet zu haben (hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier)

Kim ist heute sechzehn, ein sehr schmales Mädchen mit dunkelblondem Haar und einem für ihr Alter zu ernsten Gesicht. Sie erzählt von dem Tag, als ihr Vater, der Speditionsunternehmer Jürgen Volke, starb, erschossen durch die Tür des kleinen Reihenhauses in der Gallienstraße. Auch Kims Leben wurde durch die Bluttat irgendwie aus der Bahn getragen, nichts ist mehr wie vorher seit dem 7. September 2013. An diesem Tag war sie zunächst bei der Hessischen Meisterschaft im Schlauchbootslalom. Sie startet dort. Sie ist eine begeisterte Sportlerin. Auch Basketball. Jürgen Volke fährt sie zu den Veranstaltungen. Die Wochenenden gehören seinen Kindern. Vier sind es, Kim ist das Nesthäkchen. Es wird finanziell nicht einfach gewesen sein für Jürgen Volke; seine Firma ist nur klein, die Familie groß, das Haus noch nicht abbezahlt.

Und dann ist er tot. Aus dem Leben gerissen um 23.30 Uhr durch drei Kugeln, Kal. 7.65, von denen ihn eine in den Arm und zwei in den Bauch trafen. Vor den Augen seiner Frau Ulrike und seiner Tochter liegt er sterbend im engen Flur. „Er war ganz blass“, sagt Kim mit ihrer ziemlich erwachsenen Stimme, „unter seinem T-Shirt kam Blut hervor.“ Kurz zuvor hatte sie ihn noch auf dem Sofa im Wohnzimmer liegen sehen, schlafend, der Fernseher lief, es gab „Schlag den Raab“, die Tür zum Garten, der nach hinten heraus geht, war weit geöffnet. Von dort lässt sich heimlich ins Haus spähen. Dann hatte sie es klingeln gehört und sich nichts dabei gedacht. Man erwartet nicht das Grauen an einem schönen Samstagabend mit Pantoffelkino und tollen Plänen für den nächsten Tag. Kim sagt: „Papa war ein Familienmensch. Konsequent, aber nicht streng. Und immer für uns da.“

Vielleicht ist sie deshalb vor der Zeit erwachsen geworden. Nein, Sport mache sie nicht mehr. Das Geld reicht nicht fürs Basketballcamp, und überhaupt: Wer hat jetzt Zeit, sie zu fahren, zu trösten bei Niederlagen, sie anzuspornen … Töchter brauchen den Papa in diesem Alter. Kims Papa ist tot, verblutet mit 53.

Schon früh hegte die Familie einen Verdacht gegen Lutz H., der Kims Onkel ist, zu dem sie aber keinen Kontakt hatte. „Papa war die treibende Kraft in dem Erbstreit mit ihm. Er wusste alles über ihn, zum Beispiel, dass er sein Abizeugnis gefälscht hatte und auch kein Doktor war. Am nächsten Verhandlungstag wollte er das im Gericht vortragen. Er meinte, dann würden wir gewinnen.“ Es ging um 40.000 Euro. Der vielleicht entscheidende Prozesstag vor dem OLG in Frankfurt wäre fünf Tage später gewesen.

Das Verfahren 1 Ks 3325 Js 15156/13 hat zwei Handicaps. Es leidet am bereits Gesagten. Alle Beteiligte müssen nun so tun, als hätte es die ersten neun Verhandlungstage, die Zeugenaussagen, die Fotos, die Tatortbesichtigung nie gegeben. Alles müsse „aus dem Inbegriff der [aktuellen] Hauptverhandlung“ kommen, heißt es in Paragraph 261 StPO. Banu D. aber wurde ja vor allem deshalb von der Zeugin zur Angeklagten, eben weil ihr Alibi, weil ihre Schilderung vom Besuch der Wiesbadener Zurna-Bar zur Tatzeit und so weiter mit den Angaben anderer Zeugen kollidierten. Ihr Verteidiger, der Frankfurter Strafrechtler Torsten Fuchs, hat dieses Problem angesprochen. „Waffengleichheit“ fordert er ein. Das Gericht müsse ihm alle Informationen über das bisherige Geschehen in diesem Verfahren zur Verfügung stellen. Wer fragte, wer sagte was und wann? Was die Kammer aber gar nicht zu leisten imstande ist, fehlt es doch, anders als bei jedem Diebstahlprozess vor dem Amtsrichter, bei einer Großen Strafkammer am Wortprotokoll. Zumindest der Ortstermin wird wiederholt.

Dass die Sache mit einer freiwilligen retrograden Amnesie nicht funktioniert, ja nicht funktionieren kann, wird kurz darauf bei der Zeugenaussage von Kims älterem Bruder Nils deutlich: „Vier Schüsse“ habe er gehört. Vier dumpfe Schläge: „Erst zwei – peng, peng, dann nochmal – peng, peng!“ Das aber war erst in der (geplatzten) Hauptverhandlung, die nun dem Vergessen anheimfallen muss, so zur Sprache gekommen. Vor der Polizei hatte Nils noch von drei Schüssen gesprochen.

Das zweite Handicap – nun, das sind die Vertreterinnen der Nebenklage, drei junge Rechtsanwältinnen, die miteinander flüstern, den Verteidigern naseweis ins Wort fallen, bisweilen belehrend, stets aber störend. Einmal reißt dem Kammervorsitzenden der Geduldsfaden, und er muss die Damen nachdrücklich um Ruhe bitten. Der Prozess wird Monate dauern, vermutlich bis weit in den Sommer hinein. Auf diese Weise zieht er sich bestimmt noch ein Stück länger hin.