Böses von Tante Ilse

Gesichter des Bösen: Voodoo-Darstellung aus Haiti (Merlin Verlag)

Von Dieter A. Graber

HANAU. Am 27. Juli 2009 trifft Mona (28) vor einem Kaufhaus in der Hanauer Innenstadt auf Sanela M. (26). Es ist die zufällige Begegnung zweier Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Das zutiefst verunsi­cherte Kind aus bestem Hause und die gewerbsmäßige serbische Schwindlerin mit dem untrüglichen Blick für potentielle Opfer. Innerhalb der nächsten vier Jahre zieht Sanela M. der angehen­den Pädagogin rund 130.000 Euro aus der Tasche. Sie nutzt die tiefe Frömmigkeit der jungen Frau, um sie mit ei­ner synkretistischen Mischung aus Voodoo und Bigotterie unter ihre psychische Kontrolle zu bringen.

Es ist ein makabrer Prozess, der heute, mehr als sechs Jahre später, vor dem Hanauer Schöffengericht stattfindet. Um das Ausmaß der Per­fidie hinter der Tat ermessen zu kön­nen, muss man Monas Geschichte kennen. Als sie 13 war, wurde bei ihr das Ullrich-Turner-Syndrom (UTS) di­agnos­tiziert. Es ist ein Chromoso­mende­fekt, von dem nur Mädchen betroffen sind. Eins unter 2500 übri­gens. Kleinwuchs und Un­fruchtbar­keit sind die Folgen. Mona ist heute 34 Jahre alt, ein Meter 53 groß, eine intelligente Frau mit jung­mädchen­hafter Statur, blond, rede­gewandt und verschüchtert zugleich. UTS macht einsam. Für immer ein „Kind“ unter Erwachsenen zu sein, befördert den Rückzug in die Spiri­tualität. Mona hatte sich in einem zu­tiefst infantilen Glauben verstrickt.

Sie erinnert sich noch gut an die erste Begegnung mit der Angeklagten. „Sie bot an, mir aus der Hand zu lesen.“ Es mag ein Spaß für sie gewesen sein. Die Kunst der Chiromantie als kurzweilige Jahrmarktgaudi. Aber geschickt er­forschte Sanela M. dabei die Lebens­umstände ihres Opfers. Mona hatte gerade eine Menge Geld geerbt: 130.000 Euro. Ihre Familie ist reich. Nach dem Tod des Großvaters war ein ansehnliches Vermögen unter den Nachkommen verteilt worden. „Da­raufhin sagte sie, meine Tante Ilse sei sehr böse und wolle mir schaden.“ Es gibt diese Tante wirklich. Sie hatte nie viel Kontakt zu ihrer Nichte. Sie ist eine unbescholtene, gänzlich unver­dächtige Person.

Die Angeklagte, obschon jünger als Mona, wirkt um mindestens ein Jahr­zehnt älter. Eine verhärmte Frau mit Doppelkinnansatz und dunklen, zu ei­nem Pferdeschwanz gebundenen Haaren. Ihre Brauen sind schmale schwarze Striche über gro­ßen braunen Augen. Sie trägt eine ärmellose Felljacke. Sie sagt: „Es stimmt nicht, dass ich sie betrogen habe.“ Ein blasiertes Lächeln spielt auf ihren Lippen. Hinten im Saal 19 sitzen ihre Angehörigen.

Laut Staatsanwalt Schmidt-De Wasch hat die Angeklagte durch düstere Prophezeiungen, durch Überredung, Versprechungen, Drohung und Ein­schüchterung ihrem Opfer zunächst 50.000, anschließend über Jahre hin­weg in monatlichen Beträgen die­selbe Summe noch einmal und schließlich weitere 30.000 Euro ab­geluchst. „Gegenleistung“ waren Ge­bete gegen das Böse und angebliche Reisen in den westfranzösischen Wallfahrtsort  Lourdes, die aber nie stattfanden. Mona nennt es eine Form der Gehirnwäsche. „Das Geld, sagte sie, diene als Waffe gegen den Zauber meiner Tante. Andernfalls würde ich an Krebs erkranken, und auch meine Mutter müsse sterben.“

Mona liebt ihre Mutter. Maria W. ist eine resolute, diesseitsgerichtete Frau von 61 Jahren, die noch immer nicht versteht, wie das passieren konnte. Ihre Zeugenaussage ist eine Manifestation der Ratlosigkeit. „Nie hat sie ein Wort darüber zu mir ge­sagt.“ Frau W. lebte mit Mona zu­sammen damals. Es ist ihr nicht aufge­fallen, wie das Vermögen ihrer Toch­ter schmolz. Geld mag in der Familie kein Thema sein. Vertrauen schon. Es bedrückt sie, nichts von dem geahnt zu haben, was die Seele ihres Kindes quälte, ist aber zugleich gerührt, „dass Mona ja alles auch für mich getan hat, aus Liebe zu mir …“

Es ist nicht das erste Mal, dass Sanela M. mit dieser Masche aktenkundig wurde: Im März 2007 verurteilte das Amtsgericht sie zu sechs Monaten auf Bewährung, weil sie einer verzweifelten Mut­ter, deren Tochter an Magersucht litt, für Hokuspokus 27.500 Euro ab­ge­knöpft hatte.

Juristisch geht es in der Geschichte hinter dem Aktenzeichen 18942/13 um Betrug, um, wie es in Paragraph 263 StGB etwas umständlich heißt,  die Erregung eines Irrtums „durch Vorspiegelung falscher oder durch Entstellung oder Unterdrückung wah­rer Tatsachen“. Das ist die eine Seite. Es geht aber auch darum, wie ein leichtgläubiger Mensch durch Psycho­terror gedemütigt und missbraucht wurde. Eindrücklich schildert die junge Frau ihre psychische Zwangs­lage. Sie beschreibt ihre Angst vor Krankheit und frühem Tod als dräu­endem Schicksal, ihre Hoffnung, es abwen­den zu können durch immer neue Zahlungen, gefangen in einem Netz nahezu barocken Aberglaubens. Während ihrer Aussage lässt sie die Perlen eines Rosenkranzes durch die Finger gleiten. Sie engagiert sich jetzt in einer freikirchlichen Gemeinde.

Die Angeklagte räumt ein, kleinere Beträge erhalten zu haben. Ihr Ver­teidiger, der Offenbacher Strafrecht­ler Patrick Kneisel, bezeichnet das als „Honorar für Coaching“. Er versucht, das Opfer als Schwindlerin darzustel­len, die in Wirklichkeit ihr Geld mit einem Geliebten verjubelt habe. Da­für gibt es nicht die Spur eines Hin­weises. Bezeichnend mag da sein, dass er in seinem Plädoyer wieder­holt die Begriffe „Zeugin“ und „Ange­klagte“ verwechselt.

Staatsanwalt Schmidt-De Wasch for­dert zwei Jahre, aber diesmal ohne Bewährung. So kommt es auch. Rich­terin Schlachter verurteilt sie zudem in einer Adhäsionsentscheidung, Mona einen Teilbetrag, nämlich 80.000 Euro, zurückzuzahlen. Vielleicht ist das die härteste Sank­tion in den Kreisen der Scharlatane. Frau M. grinst nicht mehr.