Bandscheiben-OP im Gerichtssaal

Die Wirbelsäule ist halt ein Verschleißteil: Anatomische Skizze von Leonardo da Vinci

Von Sylvia A. Menzdorf

FRANKFURT. Er hat an alles gedacht.  Nicht nur seine Akten hat Olaf L. (45), Facharzt für Neurochirurgie, mitgebracht, sondern auch ein Modell der menschlichen Wirbelsäule, dazu ein spezielles Gerät, mit dem er verschlissene Bandscheiben operieren kann. Routiniert demonstriert er, wie das vonstatten geht: Die Bandscheibe, erläutert er, bestehe aus einem äußeren Ring und einem inneren Kern, dessen Konsistenz man sich in etwa „wie Hackfleisch“ vorzustellen habe. Vom  benachbarten Wirbelkörper des lädierten Discus intervertebralis müsse er Millimeter abtragen, um mit der Spezialzange zielgerichtet zum Kern des Übels vordringen und die untauglich gewordene Teile entfernen zu können.

Für eine Weile scheint es, als habe sich der nüchterne Saal des Frankfurter Landgerichtes in das Auditorium einer Medizinischen Hochschule verwandelt. Zu den aufmerksamsten Zuhörern gehört Jörn Immerschmidt, Vorsitzender der 26. Großen Strafkammer, der, wie er kurz zum Besten gibt, selbst von einem Rückenleiden betroffen ist. Nun geht es aber keineswegs um Therapieempfehlungen, sondern um den Tod einer jungen Frau nach einer Bandscheiben-OP,  der sie sich am 12. Dezember 2011 im Frankfurter Katharinen-Krankenhaus unterzogen hatte. Olaf L. hatte die 34-jährige Mutter zweier kleiner Kinder zur Mittagszeit operiert. Kurz vor 21 Uhr desselben Tages war sie tot. Trotz Notoperation. Sie war schweren inneren Blutungen erlegen.

Staatsanwalt Wanja Welke wirft dem Neurochirurgen fahrlässige Tötung vor. Er habe die frisch operierte Patientin nicht hinreichend sorgfältig überwacht:  „Sie wäre zu retten gewesen.“ Der angeklagte Arzt bestreitet das. Das Gericht soll den Sachverhalt nun aufklären. Es kann sich dabei auch auf zwei bereits vorliegende Gutachten stützen. Es sind zudem zahlreiche Zeugen geladen.

Schlank, fast asketisch wirkt der Arzt, der im dunklen Anzug, weißen Hemd und ohne Krawatte erschienen ist.  Sein Verteidiger ist Marc von Harten aus Bad Homburg, ein ausgewiesener Arztstrafrechtler.

Der Mediziner berichtet über die Patientin, eine Koreanerin. Wegen starker Rückenschmerzen habe sie sich in der Neurochirurgischen Gemeinschaftspraxis vorgestellt, im siebten Stock des Katharinen-Krankenhauses, in der Olaf L. seit zehn Jahren tätig ist. Ein Kollege habe bei ihr einen Bandscheibenvorfall und eine daraus resultierende beginnende Lähmung des Musculus tibialis anterior festgestellt, der auch Fußhebermuskel genannt wird, was hinlänglich seine Aufgabe beim Gehen beschreibt.

Olaf L. sollte den Eingriff vornehmen. Reine Routine, sagt er. So etwas mache er viele hundert Mal pro Jahr. Und: „Ich habe sie am Tag der Operation zum ersten Mal gesehen.“ Alles verläuft „unauffällig“. Gegen 15 Uhr dieses düsteren Dezembertages klagt die Patientin über Schmerzen, eine Viertelstunde später sackt ihr ohnehin schon niedriger Blutdruck dramatisch ab. Laut Patientenakte informiert die Krankenschwester gegen 17 Uhr den Arzt über den schlechten Zustand der Frau. „Da war“, sagt er nun, „der Blutdruck schon im unteren Grenzbereich.“ Innerhalb einer Minute sei er an ihrem Bett gewesen. „Ich habe zuerst an eine Lungenembolie oder einen Herzinfarkt gedacht.“  Sofort lässt er seinen internistischen Kollegen herbeirufen. Der findet das EKG der Patientin unauffällig. Auch der ebenfalls konsultierte Bauch-Chirurg kann nichts Besorgniserregendes feststellen. Die Ärzte beschließen, der Patientin einen Blutverdünner zu verabreichen, um der befürchteten Lungenembolie entgegenzuwirken. Nun nimmt das Verhängnis erst richtig seinen Lauf. Inzwischen eiligst auf die Intensivstation verlegt,  verliert die Patientin das Bewusstsein. Eine erneute Ultraschalluntersuchung des Bauchraums zeigt nun deutlich eine innere Blutung. Den Ärzten ist schlagartig klar, dass die große Bauchvene oder -arterie verletzt wurde. Sie bereiten eine Notoperation vor. Es ist vergeblich. Hätte sich der Angeklagte früher um die Patientin gekümmert, wäre die innere Blutung rechtzeitig erkannt worden, sagt der Staatsanwalt.

Der Arzt erklärt seine Sicht der Dinge:  Alles sei nach einem festgelegten und erprobten Betreuungsschema abgelaufen. Er habe bis 16.30 Uhr operiert, auf der Station seien immer zwei Kollegen gewesen. Aus seinem Mund klingt es, auch wenn er es nicht so formuliert, dass alles eine Verkettung unglücklicher Umstände war.

Doktor L. wiederholt zum Ende seiner Einlassung das, was er an deren Beginn bereits gesagt hatte: Dass er den Tod der Frau außerordentlich bedauere, dass es ihm nahe gehe.

Der Vorsitzende Richter gibt zu Protokoll: Statt fahrlässiger Tötung könne Körperverletzung mit Todesfolge in Betracht kommen.

Im Laufe der insgesamt sieben Verhandlungstage sollen Ärzte der Klinik und  Krankenschwestern gehört werden. Schon jetzt ist erahnbar, wie kompliziert das Verhältnis zwischen ihnen und dem Angeklagten ist. So wollen alle Pflegerinnen nur in Anwesenheit eines Zeugenbetreuers aussagen. Grund dafür könnte ein Maulkorb der Klinikleitung sein. „Das ist ein Haftpflichtfall, Sie dürfen mit niemanden reden“, habe es geheißen. Selbst das Gericht, merkt Jörn Immerschmidt an, habe gewisse Schwierigkeiten gehabt, die notwendigen Informationen von der Klinik zu bekommen.

NACHTRAG: Olaf L. (45) wurde vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen. Die Kammer stellte fest, ursächlich für den Tod sei gewesen, dass  der Arzt nach Komplikationen nicht rechtzeitig von der Krankenschwester in das Zimmer der Patientin gerufen worden sei. Dass es während des Eingriffs zu einer Verletzung der Schlagader gekommen sei, habe der operierende Arzt nicht bemerken müssen. Auch die Staatsanwaltschaft hatte auf Freispruch plädiert.