Banker auf der Flucht

Nix wie hinterher! In den 50-ern ergaben die Abenteuer der Straße noch Stoff für Groschenheftchen, heute für Gerichtsverhandlungen. ©Moewig Verlag

Von Dieter A. Graber

GELNHAUSEN.  Der Tag, an dem Bank­kaufmann Wolfgang K. vor der Polizei türmte, war ein Dienstag im vergan­genen Oktober. Der Himmel, aus dem es gelegentlich nieselte, zeigte bleier­nes Grau. Die Temperatur schaffte kaum zweistel­lige Werte. Da hat sich Herr K. von in­nen ein wenig aufge­wärmt in dem kleinen Lokal am Bahn­hof von Grün­dau-Lieblos. Auf dem Parkplatz steht sein Auto. Es handelt sich um ei­nen Mer­cedes mit ordentlich Pferde­stärken unter der Haube. Herr K. macht sich auf den Heimweg. Es ist kurz nach 18 Uhr.

Er ist eine markante Erscheinung, der Herr K., groß und kräftig, 110 Kilo schwer, das graue Haar spärlich, die Brille rahmenlos, die Krawatte akku­rat gebunden. Golden leuchten die Knöpfe an sei­nem blauen Blazer im Saal 124 des Gelnhäuser Amtsge­richts. Eine Verfolgungsjagd soll er sich geliefert haben mit der Polizei, quer durch den Ortsteil Lieblos, filmreif würde man sagen, wäre der Begriff nicht so abgedroschen. Aber dazu später.

Herr K. ist also der Angeklagte. Ernst schaut er drein. Bekümmert. Viel­leicht so, als müsse er einem langjäh­rigen Kunden erklären, warum sein Dispo gekündigt wurde. Unange­nehme Sa­che auf jeden Fall. Er sagt: „Mor­gens beim Blick in den Spiegel frage ich mich, was mich da geritten hat“, wobei er das böse Wort tunlichst vermeidet: Flucht! „Ich war etwas flott unter­wegs“, formuliert er blumig.

Flott hinterher waren Frank S. und Udo R., zwei wackere Polizisten, aber mit ihrem Vito dem gut 200 PS star­ken E-Klasse-Mercedes hoffnungslos unterlegen. Trotzdem nahmen sie die Herausforderung an. Aufgefallen war ihnen Herr K. ja nur, weil er zunächst links blinkte, beim Anblick des Strei­fenwagens aber schnell rechts abbog.  Das schlechte Gewissen eben. 0,88 Promille hatte er im Blut, wie sich hin­terher herausstellte. Zunächst ging’s ein paar Meter auf der Leipzi­ger Straße, dann links in eine Gasse, wie­der links und nochmal, schließlich rechts … Frank S. und Udo R. blieben dran mit Blaulicht und Martinshorn. Zehn Meter Abstand, mal mehr, mal weniger. Auf freier Strecke zog Herr K. durch leichtes Antippen des Gas­pedals bisweilen ein Stück davon. Und einmal, so heißt es in der Anklage­schrift, die Staatsanwältin Nina Bolowich vorträgt, soll er bei­nahe ei­nen Fußgänger überfahren ha­ben, der erschrocken vom Zebrastrei­fen zurück­hechten musste. Schließlich stoppte ein Traktor mit gemächlicher Fahrt den Banker. „Wir konnten überholen und uns vor ihn setzen“, berichtet Kommissar S. im Zeugen­stand. Es war irgendwo auf der B 457. Herr K. fügte sich in sein Schicksal, rückte sogleich den Führerschein raus und telefonierte nach seiner Frau, damit sie das Auto abholen möge.

Nun also sitzt er hier, betroffen über sich selbst. Eine „Gefährdung des Straßenverkehrs“ steht im Raunm, das ist Paragraph 315 StGB, das ist keine Kleinigkeit, denn wer „dadurch Leib oder Leben eines anderen Men­schen oder fremde Sachen von bedeu­tendem Wert gefährdet, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft“, heißt es da.

Richter Ott bemüht sich, die Verfol­gungsjagd mit Hilfe von Google Earth zu rekonstruieren, wobei Kommissar S. über sein Mobiltelefon die Internet­verbindung herstellt. Ein we­nig klein­teilig ist diese Form der Wahrheits­findung schon, zudem lässt sich der Zebrastreifen, um den es hier geht, vom Weltall aus gar nicht er­kennen. Und ob ein Passant ihn über­queren wollte, just in dem Moment, als Herr K. vorbei rauschte – also dazu gibt es selbst bei den beiden Poli­zisten un­ter­schiedliche Ansichten. „Wie weit war er denn schon auf der Straße?“ fragt Richter Ott. „Ein, zwei Schritte viel­leicht“, weiß Herr S.; sein Kollege hin­gegen erinnert sich nicht, ob er bereits einen Fuß auf die Fahr­bahn ge­setzt hatte. Es sei fraglich, meint An­wältin Constanze Trautermann aus Frank­furt denn auch etwas spitz, dass es überhaupt einen Fußgänger dort gab.

Sei’s drum, Trunkenheit am Steuer gab es allemal, doch bei weniger als 1,1 Promille handelt es sich nur um eine Ordnungswidrigkeit. Und hätte Herr K. nicht überhastet das Weite ge­sucht, säße er nun kaum hier. 61 Jahre ist er jetzt alt, über 40 davon besitzt er eine Fahrerlaubnis – und dann das. „Ich hatte noch nie eine Polizeikon­trolle“, fügt er hinzu. Die erste war dann gleich spektakulär …

Richter Ott lässt es bei 30 Tagessät­zen zu jeweils 50 Euro bewenden. „Eine rücksichtslose Fahrweise ist nicht nachzuweisen“, sagt er. Aber auf den Führerschein, der seinerzeit eingezo­gen wurde, muss Herr K. noch zwei weitere Monate verzichten. Übrigens: Wir haben seinen Namen geändert. Schließlich ist ihm die ganze Ge­schichte schon peinlich genug …