Bei Anruf Mord?

Von Meister Hitch genial in Szene gesetzt: Auch die raffiniertesten Pläne haben ihre Schwächen. ©Warner Bros

Von Dieter A. Graber

HANAU. Am Abend des 21. März 2017 wählte Dirk M. einen ungewöhnlichen Weg nach Hause: Er fuhr mit der S-Bahn von Frankfurt bis Mühlheim, nahm dort die Fähre über den Main nach Dörnigheim, wo er sich Stunden zuvor mit Heinz N. im Lokal Maahinkel verabre­det hatte. Es ist ein Umweg zu Fuß von 1,7 Kilometer. Er betrat die Gast­stätte jedoch nicht, sondern bestellte den dort bereits wartenden Be­kannten telefonisch auf die Straße. Aus dem gemeinsamen Bierchen werde leider nichts, er­klärte er bedauernd: „Meine Frau hat das Abendessen fertig.“ Dann bat er Herrn N., ihn mit dem Auto nach Hanau zu fahren. Zu diesem Zeitpunkt, es muss kurz nach 18 Uhr gewesen sein, lag Petra M. bereits im Sterben.

Laut Gutachter Thomas Pierson waren ihr die schweren Verbren­nungen, deren sie Tage später erlag, bereits am frühen Morgen oder in der Nacht zuvor zugefügt worden. Daraus folgt, dass jenes Handygespräch, welches Dirk M. dann von unterwegs aus angeblich mit seiner Frau führte, simuliert gewesen sein muss. Im Zeugenstand sagte Heinz N. jetzt: „Dirk rief an und fragte, ob er noch etwas mitbringen solle. Eine Stimme vom anderen Ende der Verbindung habe ich aber nicht gehört.“  War es ein makabrer Schachzug, um die Ermittler in die Irre zu führen?

Dirk M. steigt in der Friedrich-Ebert-Anlage aus. Im nahen City Center am Kurt-Blaum-Platz kauft er eine Flasche Wein und eine Tief­kühlpizza – obwohl er doch an­geblich zum Essen erwartet wird. Zur Wohnung in der Friedrich­straße 17 sind es 500 Meter, in zehn Minuten locker zu schaffen. Aber erst um 20.26 Uhr wählt er 112, den Notruf: „Meine Frau ist verbrannt. Ich brauche dringend einen Arzt!“  – „Wie ist das pas­siert?“ – „Mit Brennspiritus …“

Die Eheleute M. seien mal ein Traumpaar gewesen, erzählt Frau O., Tochter der Hauseigentüme­rin und selbst wohnhaft in der Friedrichstraße 17. Ihr Erschei­nen in der Öffentlichkeit war ein Auftritt: „Sie im hautengen klei­nen Schwarzen, in  High Heels und mit einem wagenradgroßen Hut auf dem Kopf. Er im Anzug, die Brust stolz geschwellt.“ Sie gaben Gartenpartys. Er liebte es, zu kochten, sie machte die Hon­neurs. „Sie gingen liebevoll mit­einander um“, erinnert sich eine Nachbarin. Küsschen hier, Um­armung dort. Samstags schlen­derten sie Hand in Hand zum Wochenmarkt, der erfolgreiche Anwalt und die Mitarbeiterin ei­ner Frankfurter Werbeagentur …

Und wie es in der Welt des schö­nen Scheins nun mal ist, ließ sich der Niedergang des Glamourduos zuerst an Äußerlichkeiten fest­machen. Eine gewisse Verwahr­losung konstatierte etwa Frau O. bei Petra M.: „Man sah, dass sie monatelang nicht mehr beim Fri­seur gewesen war, die Haut fahl, die Zähne schlecht.“ Und dann die Hämatome – im Gesicht, an den Armen. Petra M. hatte ihren Job verloren, Dirk M. eigentlich noch nie einen richtigen gehabt. Seine Kanzlei war nicht mehr ge­wesen als ein Zimmerchen. Das Geld wurde knapp und vorwie­gend in die Weinstuben getragen.  Es ist ein Brauch von alters her: Wer Sorgen hat, hat auch Likör! heißt es bei Wilhelm Busch.

Dass schließlich seine Mutter bei ihnen einzog, mag ein Versuch gewesen sein, die Ehe noch zu retten, die Prügelorgien, bei denen sich Petra und Dirk M. gegenseitig nichts schenkten, zu unterbinden. Und um – ja, vor allem auch das – mit dem Geld der alten Dame finanziell über die Runden zu kommen. Die Miete war schon Monate überfällig. Doch die Rentnerin flüchtete eines Tages entnervt.

Es gibt viele Geschichten über das Ehepaar M., denn die Stadt liebt ihre Erfolgreichen und er­freut sich an deren Absturz. Der Zuschauerraum ist gut besetzt an jedem Verhandlungstag, das Publikum verfolgt den Prozess bisweilen mit Gelächter und wird deshalb vom Kammervorsitzen­den zurechtgewiesen. 

Eifersüchtig sei er gewesen, er­innert sich Frau K., eine andere Bekannte. Was sie aus dem Dunst der Weinstubenatmo­sphäre zu berichten weiß, in die sich das Leben des Ehepaars am Ende verlagert hatte, ist wenig schön und verletzt posthum die Würde einer verzweifelten Frau. Sicher scheint jedoch, dass Petra M. ihren Mann verlassen wollte. Vielleicht an jenem Tag, als die Katastrophe ihren Lauf nahm.

Dirk M. ist wegen Mordes angeklagt. Mordmerkmal: Grausamkeit. Sollten noch niedrige Beweggründe hinzu kommen, worunter Juristen auch Eifersucht verstehen, dürfte Oberstaatsanwalt Dominik Mies beantragen, die besondere Schwere der Schuld festzustellen. Im Fall einer lebenslangen Freiheitsstrafe könnte Dirk M. dann nicht vorzeitig aus der Haft entlassen werden.