Beim Barte des Angeklagten

Von Dieter A. Graber

HANAU. Heute Vormittag ist Herr K. ein ziemlich einsamer Mann. Herr K. ist Kriminalhaupt­kommissar beim K 11 in Hanau, und da hat er’s mit den besonders üblen Straftaten zu tun, mit sol­chen, wie sie sich am 28. April 2014 hin­term Klinikum abspielte, wo ein „Klingelgangster“ eine alten Dame in ihrer Wohnung auszurauben versuchte. Nun sitzt der mutmaßliche Täter auf der Anklagebank in Saal 216; gut zweieinhalb Meter von Herrn K. entfernt, lächelt er mit schnee­weißen Zähnen durch seinen ge­pflegten schwarzen Vollbart und leugnet im übrigen, mit dem Verbrechen etwas zu tun zu ha­ben.

Der Überfall hat den erfahrenen Kommissar über seine dienstli­chen Obliegenheiten hinaus be­schäftigt. „Wer eine Seniorin derart brutal angeht, darf nicht ungeschoren davon kommen“, sagt er mit Nachdruck. Lange hatten er und seine Kollegen er­mittelt, zuerst aber den Fal­schen in Verdacht gehabt, einen Pati­enten aus der nahen Psy­chiatrie. Erst drei Jahre  später war der Fall dann wieder „heiß“ gewor­den, als ein vorbestrafter Betrü­ger und dessen Freundin Melissa, näm­lich die Ex von Inan Ö., dem jet­zigen Angeklagten, sich mit Hinwei­sen an die Polizei ge­wandt hat­ten.

Aber die Geschichte hat einen schlechten Beigeschmack. Denn die Offenbarung der Ex fiel ge­nau mit ihrer brüllenden Nie­der­lage im Streit ums Sorge­recht für die gemeinsame Toch­ter zusam­men, der seit drei Jah­ren erbittert zwischen ihr und Inan Ö. ausge­tragen wird. Welch‘ Duplizität der Ereig­nisse! Das findet auch Richter Andreas Weiß, Vorsit­zender der 5. Große Strafkam­mer. Er macht keinen Hehl da­raus, dass es Zweifel an der Schuld von Inan Ö. gibt. Und da ist noch die Sache mit dessen Gesichtsbewuchs: Pech­schwarz ist der und voluminös wie bei Kapitän Haddock und, was sich beweisen ließe, so Verteidigerin Gabriele Daube (Frankfurt), seit vielen Jahren die Manneszierde ihres  Mandanten. Aber als der Täter beschrieben wurde seiner­zeit, war von einem Bart nicht die Rede gewesen. Hatte er ihn sich für den Überfall abrasiert?

Mit einem Antrag auf Haftbe­fehl war Kommissar K. zwar damals abge­blitzt, doch bei einer Durch­suchung der Wohnung von Inan Ö. fanden sich ein gefälsch­ter slowenischer Ausweis und eine ebenso unechte Fahrer­laubnis. „Was zu­mindest auf eine krimi­nelle Energie hindeutet“, sagt der Fahnder, dem langsam die Felle wegschwimmen. Wie gesagt, es kann ziemlich einsam sein auf dem Zeu­genstuhl, zumal ihn nun auch noch Verteidigerin in die Mangel nimmt: „Ist der Fall für Sie geklärt?“ Kommissar K.: „Ja, absolut!“ – „Warum so si­cher?“ – „Weil alle Details zu­sammen­passen.“ – „Haben Sie mal über­prüft, ob die Ex meines Man­danten eine kriminelle Vergan­genheit hat?“ – (kleinlaut) „Nein.“ Tatsache ist, dass die Hanauer Staatsan­waltschaft in­zwischen gegen sie ermittelt.

Vermutlich hatte es in diesem Fall auch noch eine „Polizeipanne“ gegeben: Die Schwiegertochter der alten Dame, die dem Räuber auf seiner Flucht in die Quere gekommen war, will ihn Monate später in der Hanauer Innenstadt wiederer­kannt haben. Sie alar­mierte eine Streife. Die Beamten kon­trollierten den Verdächtigen, unternahmen aber nichts wei­ter. Offenbar fand der Vorfall in keinem Wachbuch seinen Nie­derschlag, auch die Kripo wurde davon nicht in Kenntnis gesetzt.

Schließlich nimmt das Opfer selbst Platz im Zeu­genstand: Ka­roline W. ist eine kleine, ge­bückte Frau mit weißem Haar und quicklebendigen Augen. Nur noch bruchstückhaft erinnert sie sich. Dass der Mann sie zu Bo­den stieß, Geld verlangte, sie um Hilfe rief ... Aber ob es der Angeklagte war? Nein, da muss sie passen. Frau W. ist immerhin 86 Jahre alt.