Beinahe lebenslänglich

Vorm Urteil im Fokus der Medien: Mostafa und Mohammad A. (verdeckt) mit den Anwälten Freydank (links) und Hablizel. Foto: Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Der Begriff des Ehrenmor­des kommt im Strafgesetzbuch nicht vor. Er ist eher umgangssprachlicher Na­tur. Er bezeichnet die Tötung eines Familienmitglieds als „Strafe“ für eine vermutete Verletzung von Verhal­tens­regeln. Er ist eine Form der Ge­walt, die sich fast ausnahmslos gegen Frauen richtet und vor allem im Mitt­leren Osten, aber auch in Süd- und Zentralasien vorkommt. Die grausame Bluttat vom 7. Januar 2016 im Haus Freigerichtsstraße 10 hätte, so Richter Peter Graßmück in seiner klugen Ur­teilsbegründung, durchaus auch unter dem strafrechtlichen As­pekt eines Mordes gesehen werden können: Eine Tat aus „niedrigen Be­weggründen“ nämlich. Die liegen vor, wenn das Motiv nach „allgemeiner sittlicher Würdi­gung auf tiefster Stufe“ steht, so der BGH (Az.: 1 StR 272/52). Darüber, wo diese „tiefste Stufe“ beginnt, sind sich  Rechtsge­lehrte freilich nicht immer einig.

„Ehre spielte in diesem Fall eine ge­hö­rige Rolle“, konstatierte der Vorsit­zende. Gleichwohl legte die 1. Große Strafkammer im Fall von Mostafa A. ein Totschlagsdelikt zugrunde. Sie hält dem Angeklagten zugute, dass es „eine aufgeladene Situation“ gewesen sei, in der er, mit seiner Rolle als Fa­milien­oberhaupt überfordert, „im­pulsge­steuert“ gehandelt habe. „Aufge­staute Aggressionen“ hätten sich da entladen. Tatsächlich legt der Ablauf der Geschehnisse an jenem verhäng­nisvollen Abend eine unbeab­sichtigte Eskalation nahe. Richter Graßmück betonte zudem, dass Ay­man A., der Ehemann des Opfers, eine tragische Rolle dabei gespielt habe. Er wollte Ramia loswerden, die ihm über­haupt erst den Weg nach Deutsch­land ermöglicht und ihn mit Geld unterstützt hatte. Durch seine Provokationen habe er die kritische Situation förmlich heraufbeschworen.

Trotzdem hätte die Kammer auch für einen Totschlag auf eine lebenslängli­che Freiheitsstrafe erkennen können, nämlich dann, wenn es sich, wie es in Pa­ragraph 212 heißt, um einen „beson­ders schweren Fall“ handelte. Darü­ber muss die Kammer lange be­raten haben. Oberstaatsanwalt Jürgen Heinze hatte dieses Strafmaß gefordert vor dem Hintergrund der grausamen Be­gehungsweise: Mostafa A. hatte fünf­zehn Mal auf seine Schwester einge­stochen, ihr den Kehlkopf aufge­schnitten und die Schlagader durch­trennt. Die junge Frau war in der 23. Woche schwanger; das lebensfähige Kind wog bereits 532 Gramm. Mos­tafa A. wurde dafür auch wegen eines Schwangerschaftsabbruchs verurteilt. Dass er schließlich doch um die höchste Strafe herum kam, die ein deutsches Gericht aussprechen kann, mag auch den Gewalterfahrungen ge­schuldet sein, die der Angeklagte in seiner Heimat Syrien erlebt hatte und die ihm das Gericht zugutehielt.

Mit gesenkten Köpfen hörten die Brü­der ihr Urteil. Die Tatbeteiligung von Mohammad A. konnte letztlich nicht mehr völlig geklärt werden. So waren Blutspritzer von Ramia an sei­nen Schuhen festgestellt worden; ein Hausbewohner hatte ausgesagt, die beiden Brüder seien gemeinsam vom dritten Stockwerk, dem eigentlichen Tatort, nach unten gelaufen. Letztlich konnte er jedoch nur für den Angriff auf Ayman A. verurteil werden, bei dem dieser immerhin erhebliche Kopfverletzungen und Würgemale er­litten hatte.

Bemerkenswert sei auch das Verhal­ten der Beteiligten nach der Tat ge­we­sen, meinte der Richter. Bei einem Bekannten habe man zunächst seelen­ruhig Tee getrunken, um sich dann mit einem Taxi nach Trier fahren zu lassen, wo ein Verwandter die beiden für ihre weitere Flucht mit Geld ver­sorgte. „Über das Opfer hat sich kei­ner Ge­danken gemacht“, sagte Graßmück. Die bei­den seien völlig ungerührt gewe­sen, hatte der Taxifahrer im Zeugen­stand berichtet, als sie am Abend auf dem Weg zur Auto­bahn noch einmal an der Freigericht­straße vorbei kamen, wo inzwischen die Polizei das Haus Nr. 10 abgesperrt hatte.

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