Besuch bei der alten Dame

Ist Herr Ö. ein Krimineller oder Opfer einer weiblichen Intrige? Tja, da ist schwer richten Abb.: ©Diogenes

Von Dieter A. Graber

HANAU. Es mag sein, dass Herr Ö. ein Opfer ist. Es gibt ja Frauen, die ihrem Ex alles Böse an den Hals wünschen und tat­kräftig mitwirken, dass dies auch eintrifft. Herr Ö. jeden­falls sieht es so: „Das ganze Prob­lem“, sagt er, „habe ich nur we­gen ihr.“ Vor vier Jahren soll Herr Ö. eine alte Dame überfal­len haben.

Die Tat geschah morgens um acht in einer gepflegten, hinter mannshohem Liguster ver­steck­ten Stadtvilla nahe dem Klini­kum. Sie ist das Zuhause ei­ner alteingesessenen Hanauer Unter­nehmerfamilie aus der Schmuck­branche. Am 28. April 2014 klingelte ein Mann, der sich als städtischer Mitarbeiter ausgab, an der Haustür bei Frau W. und be­gehrte Einlass, um die Wasseruhr abzulesen, Anschlüsse zu über­prüfen oder was auch immer. Das lässt sich so genau nicht mehr eruieren. Frau W. schickte ihn weg. Kurz darauf erschien er er­neut und dann ein drittes Mal, nun mit einer Pistole. Er drängte die alte Dame in die Wohnung, verlangte Geld, stieß sie zu Bo­den. Sie schrie um Hilfe. Die Le­bensgefährtin ihres Sohnes, die im Stockwerk darüber wohnt, hämmerte gegen die Tür. Nun erinnert sie sich im Zeugenstand: „Die Tür ging langsam auf, mir wurde eine Schusswaffe ins Gesicht gehal­ten, und ein Mann sagte: ,Aus dem Weg, aber ganz schnell!‘“ Der Mann, „um die dreißig Jahre“, sei auf und da­von, ein südländischer Typ, dunkle Augen, schwarzes Haar. „Aber kein Bart“, sagt die Zeu­gin.

Herr Ö. hat einen Bart. Und was für einen. Er ist akkurat ge­stutzt, schwarz und so glän­zend, als sei er mit Schuh­wichse und Kleister in Form gebracht worden. Ei­gentlich lassen unterhalb der Stirn nur Augen und Nase seine Physiog­nomie erahnen. Herr Ö. sagt, den Bart trage er, seit ihm Haare im Antlitz sprießen. Zu­mindest das scheint fraglich, gibt es doch Fotos in den Ak­ten, die ihn „oben ohne“ zei­gen. Und seine Ex sagt: „Er hatte mal Glatze, mal Voll- und mal Drei-Tage-Bart. Ganz un­terschied­lich.“

Die Ex ist Melissa, 28, Sachbe­arbeiterin bei einer großen deut­schen Versicherung. Knapp zwei Jahre waren die beiden ein Paar. Sie haben eine Toch­ter, inzwi­schen vier. Sie steht im Mittel­punkt eines Rosen­kriegs, der mit allen juristi­schen Finessen aus­getragen wird. Kleine Erfolge sind mal auf dieser, mal auf jener Seite. Melissa verhindere mit miesen Tricks, dass er sein Kind sehe, obwohl er ein Umgangs­recht habe, klagt er. Und dass er jetzt hier sitzen müsse, sei auch von ihr geschickt eingefädelt wor­den.

Herr Ö. ist Deutsch-Türke, ohne Ausbildung, ohne Arbeit. Er lebt heute wieder bei seinen El­tern. Mit Melissa betrieb er mal eine Shisha-Bar in Hanau. Der Laden sei eigentlich gut gelaufen, erin­nert er sich. Wenn Melissa nur das ganze Geld nicht verjuxt hätte mit ih­rem Faible für teuren Gold­schmuck. Am Ende sei nicht mal mehr genug für die Miete übrig gewesen. Melissa sagt: „Er hat mich um 35.000 Euro betro­gen, die ich für das Lokal auf­nahm. Ich zahlte alles – auch die MPU für seinen Füh­rerschein und sein neues iPhone.“ Er sagt: „Ich verließ sie, weil sie mich mit einem anderen betrog.“ Sie sagt: „Ich machte Schluss, weil er mich schlug.“ Sie hat den letzten WhatsApp-Chat mit ihm dabei, fein säuberlich ausge­druckt. Um Gewalt geht es da, Hass, Vorwürfe, Gemeinheiten – der Papier gewordene digitale Kehraus einer Beziehung, die analog geführt wurde.

Die Polizei tappte zunächst im Dunkeln. Erst viel später hat Melissa  ihren Ex ans Messer geliefert, zunächst mit ano­nymen Anrufen ihres neuen Freundes beim Sohn von Frau W., in denen Hinweise auf den Täter gegeben wurden. Später ließen die bei­den ihm dann noch eine Porträt­aufnahme von Herrn Ö. zukom­men. Das Opfer will ihn wiederer­kannt haben.

Melissa sagt, Herr Ö. habe ihr die Tat unmittelbar danach selbst ge­standen. Stolz sogar. „Er prahlte richtig damit.“ Eine Pistole habe er auch besessen. Aber würde sich einer mit ei­nem derart mie­sen Ganoven­stück brüsten, das letztlich nicht einen Cent Beute ein­brachte?

Und es gibt Widersprüche zwischen dem Tathergang, wie Herr Ö. ihn seiner Ex geschildert haben soll, und dem wirklichen Ablauf des Überfalls. „Warum sind Sie denn nicht gleich zur Polizei ge­gangen?“ fragt Richter And­reas Weiß die Zeugin. „Ich hatte Angst vor ihm. Er hat mir sogar mit Mord gedroht, wenn ich ihn verraten würde. Aber es belastete mein Gewissen. Ich konnte damit nicht leben.“

Melissas Bruder, der auch in der Sisha-Bar aushalf, war übri­gens mal mit einer Tochter aus der Unternehmerfamilie liiert gewe­sen. Melissa sagt: „Sie wäre eine gute Partie gewesen. Denn dass die Leute reich sind, war uns bekannt.“