Besuch im Haus des Grauens

Ein bisschen wie in „Shining“, aber nicht so einsam. Das Haus Freigerichtstraße 10 hat jedenfalls auch schon mal bessere Zeiten erlebt. Foto: Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Das Freigerichtviertel war mal eine gute Adresse. Eine Arbei­ter­gegend. Dunloper wohnten hier. Heute ist es weitgehend ein Schmud­delkiez: Trostlose Straßen­züge, In­dustrieanlagen, Stadtrandtris­tesse. Das Haus Freigerichtstraße 10 steht an der Ecke zur Barbarossastraße. Vier Stockwerke, enges Treppenhaus, ausgetretene Holzstufen, Wohnungs­türen mit dün­nen Mattglasscheiben und einer Pa­tina aus dem Schmutz von Jahrzehn­ten. Vor einer dieser Tü­ren im dritten Stock verblutete Ramia A. (30) am 7. Januar 2016.

Ortstermin im Saal 215. Die Schwur­gerichtskammer begibt sich die Stiege hinauf. Auf der 18. Stufe ein Bluts­tropfen. Es ist die Spur 2.11. Er stammt, wie die Analyse ergab, von Mostafa A., dem mutmaßlichen Tä­ter. Im zweiten OG liegt, dicht an der Lamperie, ein blutiges Küchenmesser mit einem gelben Kunststoffgriff und 18 Zentimeter langer Klinge. Sohlen­profile sind auf dem Boden zu erken­nen. Marke Venice. Mostafa und Mo­hammad trugen Venice-Schuhe am Tattag. Apropos: Manche Wohnungs­türen sind mit überquel­lenden Schuh­schränken fast zuge­stellt. Hier scheint man auch im Trep­penhaus zu woh­nen. Weiter hoch, drittes OG: Die Tote rücklings in ei­nem Meer von Blut. Sie habe aber, wird später eine Zeugin sa­gen, ur­sprünglich auf dem Bauch ge­legen. (Erklärung: Der Not­arzt, der nur noch ihren Tod feststel­len konnte, hatte sie auf den Rücken ge­dreht.)

Dann geht’s in die Wohnung. Die Ein­richtung umfasst nur das Notwen­digste. Einfache Möbel, Sitzgarnitur, zusammengestoppeltes Kücheninven­tar. Chaos im Flur: Zerbrochenes Spiegelglas, eine heruntergerissene Garderobe. Hier nahm das Unglück seinen Ausgang, ehe es sich ins Trep­penhaus auf­machte. Es ist ein virtu­eller Ortster­min an diesem Verhand­lungstag. Die Polizei hatte jedes De­tail, jeden Blut­spitzer fotografiert, nun werden  die Bilder auf den gro­ßen Ge­richts­moni­toren in der  Rei­henfolge ihrer Entste­hung gezeigt. Ein Besuch im Haus des Grauens.

Nurten A. (39) wohnt im dritten Stock. Sie ist Türkin. Jetzt sitzt sie auf dem Zeugenstuhl. Sie trägt Kopftuch und eine Art rosafarbenen Mantel. Sie ist eine tragische Figur in diesem Kriminalfall. Vielleicht würde das Opfer noch leben, hätte Nurten A. es an jenem Abend in ihre Wohnung ge­lassen. Ramia und ihr Mann Ayman hatten versucht, zu ihr zu flüchten. „Erst hörte ich über uns einen Krach, dann hämmerten die beiden an meine Tür, die plötzlich auf ging, und da stürmten sie in meinen Flur. Die Frau klammerte sich an ihren Mann. Aber ich habe sie gleich wieder nach drau­ßen gedrängt …“ – „Warum? Sie sa­hen doch, dass sie Hilfe benötig­ten“, fragt Richter Graßmück. Ant­wort: „Ich hatte Angst, be­fürchtete, meinen Kinder könnte et­was gesche­hen …“ Sie habe Ramia A. dann noch mal schreien gehört. Ein letztes Mal. „Dann war es still. Ich legte mich zum Schlafen aufs Sofa.“ Die eine ruht, die andere stirbt – auch in einem Migran­tenhaus ist sich jeder selbst der Nächs­te … Ebenso wollte übri­gens die Fa­milie nebenan, Verwandte von Nur­ten A., dem Ehepaar in seiner To­des­not nicht beistehen. Da wurde so­gar die Tür von innen zugehalten.  

Die Aussage von Frau A. bringt die Verteidigungsstrategie ins Wanken, nämlich die Version einer Tat im Af­fekt, wie sie Mostafas Verteidiger Gordian Hablizel am ersten Ver­hand­lungstag ins Spiel brachte –  aus­gelöst durch Geschrei, Lärm: „Schreckliche Bilder kamen mir da in den Kopf“, hatte der Angeklagte er­klären lassen. Es sei wie bei einem Bombenangriff in seiner Heimat ge­wesen. „Ich hatte ei­nen Blackout.“ Aber wenn es, wie auch die Nichte von Nurten A. er­klärte, gar kein akus­tisches Inferno gab im Treppenhaus unmittelbar vor den tödlichen Sti­chen, was könnte dann eine solche Kurzschlusshand­lung ausgelöst ha­ben? Grandios be­müht sich Verteidi­ger Hablizel, die Glaubwürdigkeit von Nurten A. zu er­schüttern. Ob es ihm gelungen ist, wird sich zeigen.

Eine Tat im Affekt ist auch nach dem Gutachten von Gerichtsmedizinerin Constanze Niess aus Frankfurt un­wahrscheinlich. Die Stiche und Schnitte, mindestens zwölf, seien dicht beieinander und präzise geführt worden; insbesondere am Hals, wo Luftröhre und Arteria carotis interna und externa, das sind die vorderen Schlagadern, sauber durchtrennt wurden. Das Opfer muss vor dem Tä­ter gestanden oder gekauert haben.

Und ein weiteres pikantes Detail kam zur Sprache: Auf dem Mobiltelefon von Mostafa A. waren Fotos gespei­chert, die ihn mit Panzerfaust und Maschi­nenpistole zeigen. Ein Flücht­ling aus dem syrischen Kriegsgebiet als marti­alischer Krieger vor einer Flagge der Al-Nusra-Front, jener dschihadistisch-salafistischen Terror­organisation, die aus al-Qaida hervor ging und zum Ziel einen islamischen Staat hat, in dem es keinen Platz gibt für alawitische und christliche Min­derheiten. Mos­tafa A. erklärte, dies sei eine „Jugend­sünde“ und „Dumm­heit“ gewesen.

Der Prozess wird fortgesetzt.

Info: 
Die Flagge des Terrors: „Es gibt keinen Gott, außer dem einen Gott, und Mohammed ist sein Prophet" lautet die Übersetzung des Textes auf dem Banner der Al-Nusra-Front, hier hochgehalten von Milizionären an der türkisch-syrischen Grenze. © Rossiya Segodnya