Betrogene Hoffnung im Seniorensilo

Von Dieter A. Graber

GELNHAUSEN. Als sie Platz nimmt auf der Anklagebank in Saal 124 des Geln­häuser Amtsgerichts, ist Frau T. noch bester Laune. Sie lächelt. Sie sagt, wobei ein leicht beleidigter Un­terton in ihrer Stimme mitschwingt:  „Ich verstehe das nicht! Die Ursula und ich, wir waren doch so gute Freundinnen. Gepflegt habe ich sie, bis ich selbst nicht mehr konnte.“

Emre T. ist 40 Jahre alt, ein mop­peliges Persönchen. Sie hat lan­ges, schwarzes Haar und ein rundes, fröh­liches Gesicht mit großen, dunk­len Augen und kleinen Pölsterchen unterm Kinn. Sie muss sich wegen Computerbetrug verantworten. Das ist ein etwas sperriger Straftatbe­stand, zugegeben, aber eigentlich geht es um etwas viel Schlimmeres, um missbrauchtes Vertrauen nämlich, um eine Gemeinheit ohnegleichen: Frau T. soll ihrer Freundin, der Ursula also, 6.200 Euro vom Konto geklaut haben. Die Angeklagte leugnet das.

Es ist die Geschichte einer einsamen Frau: Ursula D., 75, lebte damals al­lein mit einer Katze und einem Hund in ihrem großen Haus. Der Mann war lange tot, der Sohn ausgezogen, im Streit übrigens, sie litt unter Blut­hochdruck und Diabetes; und dann kriegte sie auch noch einen Schlag­anfall. Das Sprechen fiel ihr fortan schwer. Und obwohl sie an den Roll­stuhl gefesselt war, wollte sie so gern zu Hause bleiben bei ihren Vierbei­nern. Frau T. sagt: „Ich besuchte sie jeden Tag, kaufte für sie ein, erledigte Behördengänge.“ Vielleicht war sie so etwas wie der letzte Sonnenstrahl im Leben der alten Dame.  „Ja“, gibt Frau T. zu, „ich hatte ihre Bankkarte und die PIN, weil sie mich doch auch zum Geldabheben schickte!“ Das war, be­vor Ursula D. ins Altenheim kam.

Die Hanauer Oberamtsanwältin Hoffmann liest eine lange Liste mit Daten und Beträgen vor: Mal zwanzig Euro, mal tausend; fast jeden Monat verschwand Geld vom Konto der Rentnerin. Die Angeklagte sagt, sie habe es im Auftrag von Ursula D. aus dem Bankautomaten gezogen und ihr übergeben. Sie kann es nicht bewei­sen. Es ist ihr aber auch erst mal nicht zu wi­derlegen.

Richter Wolfgang Ott fragt: „Wofür brauchte sie das viele Geld wohl?“ Frau T. antwortet: „Keine Ahnung. Sie hat es immer in die Tasche ihres ge­blümten Kleides gesteckt.“ Frau T. sagt auch: „Oft habe ich sie im Heim besucht, brachte ihr frisches Obst. Sie aß so gerne Trauben. Wir machten Spazier­gänge oder saßen im Park.“ Es ist eines dieser Altensilos, wo Senio­ren in ihren letzten Lebens­jahren be­spaßt werden, wo sie beim Basteln an wachstuchgedeckten Ti­schen sitzen oder zu den Mahlzeiten mit ihren Rollatoren über spiegel­blanke, hygie­nisch einwandfreie Fuß­böden tappen. Manchmal liest ein Heimat­dichter zur Erbauung der alten Herr­schaften aus seinen Werken. Es ist eine zertifizierte Einrichtung mit zweckmäßig grundmöblierten Zim­mern. Frau G. erklärt im Zeugen­stand: „Große Beträge brauchen un­sere Bewohner nicht, mal ein paar Euro für den Friseur oder die Fuß­pflege oder ein Extra-Stück Torte.“ Wofür auch sonst? Wer auf Kosten des Sozialamts hier lebt, bekommt 109 Euro Taschengeld im Monat. Frau G. ist stellvertretende Heimleiterin.

Ursula D. hatte gehofft, wieder nach Hause zu dür­fen. Irgendwann. Deshalb blieb ihr Telefon angemeldet, der Kabelan­schluss, auch der Strom … „Meine Freundin Emre regelt das alles“, sagte sie. „Aber die kam immer seltener und schließlich gar nicht mehr“, erin­nert sich Frau G., „sie wurde sehr traurig deshalb.“ Und ihre Schulden beim Seniorenheim wuchsen: 2.822,40 kostet ein Monat hier, Pfle­gestufe 2. „Sie konnte ihren Anteil daran nicht bezahlen, weil die Spar­kasse keine Überweisung mehr aus­führte“, berichtet Frau G.; die Rente war ja immer schon weg … Die Ange­klagte gibt an, die Bankkarte schließ­lich dem Sohn von Ursula D. ausge­händigt zu haben. Ab diesem Zeit­punkt gab es auch keine Barabhebun­gen mehr.

Dieter B. nimmt Platz im Zeugen­stand. Er ist ein stattlicher grauhaariger Herr, 72 Jahre, der Bruder des Opfers. Obwohl er nur 189 Kilometer entfernt in einer anderen Stadt lebt, war der Kontakt zu seiner Schwester über Jahre hin­weg abgebrochen. Nur zufällig hat er von ihrem Schicksal erfahren, sich dann aber sofort ge­kümmert: „Ich fand Berge von Post, zerrissen und verstreut, in ihrem Haus.“  Jemand hatte den Briefkasten gelehrt. Emre T. besaß einen Schlüs­sel.

Die Angeklagte ist alleinerziehende Mutter, ihr Junge acht Jahre. Sie le­ben von 720 Euro Hartz IV und Kin­dergeld. Der Vater hat sich davon gemacht. Schulden drücken. Vorbestraft ist sie nicht. Amtsanwältin Hoffmann for­dert 120 Tagessätze zu jeweils zehn Euro. Richter Ott sieht einen Betrug als erwiesen an und verurteilt Emre T. zu drei Monaten auf Bewährung und 75 Stunden gemeinnütziger Arbeit. „Sie haben mit erheblicher krimineller Energie das Vertrauen einer kranken, pflegebedürftigen Frau ausgenutzt!“ sagt er.

Ihre Stimmung ist längst gekippt. Sie weint. Sie nimmt das Urteil an. Übri­gens: Dieter B. hat inzwischen die rechtliche Betreuung für seine Schwester übernommen.