Betrunkener Major im Porsche

Petra M. schaut auf zu ihrem Mann. Er hat ein Weinglas in der Hand. Ihre Nase ist verunstaltet, Folge diverser körperlicher Auseinandersetzungen. Einmal war deshalb die Polizei im Haus. Eine Strafanzeige wegen häuslicher Gewalt hat sie freilich nie erstattet. Vielleicht aus Scham. Foto: privat

Von Dieter A. Graber

HANAU. Es waren nur wenige Jahre, die Dirk M. als Rechtsan­walt arbeitete, aber die kriminel­le Energie, mit der er sich am Eigentum seiner Mandanten vergriff, ist schon bemerkenswert. Ebenso bezeichnend für seine Persönlichkeit dürfte sein, wie er sich später, da er schon keine Zulassung mehr besaß, als ehemaliges „Organ der Rechtspflege“ immer wieder über Recht und Gesetz hinwegsetzte.

Meist ging es um Verkehrsun­fälle. Anwalt M. verbrauchte Schadenersatzzahlungen, die ihm von Versicherungen zugunsten seiner Mandanten über­wiesen worden waren, für sich selbst. Untreue nen­nen Juristen das. Man kann dies kaum als be­sonders raffiniertes Vermögens­delikt be­zeichnen. Die Chance, ungescho­ren davon zu kommen, ist gering. Das erste Verfahren dieser Art taucht im Strafregister des Dirk M. vor zwölf Jahren auf. Er war siebenunddreißig damals, ein kleiner Advokat mit großen Ansprüchen, dessen „Kanzlei“ ein Zimmerchen über seiner Wohnung war. Der Schaden, mit dem sich das Hanauer Amtsgericht befassen musste, be­lief sich immerhin auf insge­samt 48.594,62 Euro. Er ver­suchte, sich mit ei­nem „Liquidi­tätseng­pass“ her­auszureden. Er kriegte fünfzehn Monate zur Be­währung.

Mit zwanzig war Dirk M. zur Bundeswehr gegangen. Er schlug die Offizierslaufbahn ein. Als Major der Reserve stand er später der Re­servistenkameradschaft Kinzigtal vor. Er hatte Zugriff auf die Kasse. Am Ende fehlten 5.300 Euro. Ein Fehlverhal­ten wollte er nicht wahrhaben, vielleicht, weil es besonders  unanständig ist, Kameraden zu be­klauen. In den folgenden Jahren wurden die Delikte profa­ner: Eine Alkohol­fahrt mit einem Porsche, eine Unfallflucht – und immer wieder Fahren ohne Fahr­erlaubnis. Spä­ter hat er die eige­nen Kollegen betrogen; er blieb ihnen das Honorar schuldig, nachdem sie ihn in Zivilverfah­ren vertreten hat­ten. Es ging um Mietforderun­gen, um Räu­mungsklagen ging es, um eine Bank, die auf Aus­gleich des überzogenen Kontos klagte. Der Forderungen waren viele an Dirk M. und seine Mutter.

Frau M. ist eine alte Dame, die über eine nahezu unanständig hohe Rente verfügt, von ihrem Sohn aber offenbar systematisch aus­genommen wurde und schließ­lich sogar ihre Woh­nung verlor, weil sie die Miete nicht mehr zahlen konnte.

Und noch eine Geschichte kommt heute zur Sprache in Saal 215. Geldwäsche. Oberstaatsan­walt Dominik Mies hat die Sache ausgegraben, ein Verfahren, das von seinen Kollegen in Frankfurt geführt wird und erklären könnte, warum Dirk M. hin und wieder in die Schweiz reiste. Ins Rollen gekommen war die Sache, nachdem ein Geldinstitut in der Mainmetro­pole verdächtige Überweisungen auf sein Konto angezeigt hatte. Auch waren sogenannte „Sortenge­schäfte“ aufgefallen, also Handel mit fremden Währungen. Es könnte dem Ange­klagten noch einiges ins Haus stehen, aber das ist jetzt, wo es um lebenslänglich geht, seine größte Sorge sicher nicht. Gleichwohl wirft es ein bezeich­nendes Licht auf die wirtschaftli­che Lage des Dirk M. und seine mögliche Verstrickung  in vielfältige kri­minelle Aktivitäten.

In der Wohnung Friedrichstraße 17, erster Stock, wurden zahlrei­che Blutspuren gesichert. Auch im Treppenhaus. Sie stammen von Petra M., die offenbar ver­zweifelt versucht hatte, ihrem gewalttätigen Ehemann zu ent­kommen. Sie fanden sich am Handlauf, auf den Stufen, an den Wänden und Türen. Ein Gutach­ten des LKA, das Richter Peter Graßmück verliest, lässt das Martyrium der Frau in jener schicksalhaften Nacht zum 21. März 2017 erahnen. Tatsächlich wurden aber auch vierzehn Fin­gerabdrücke gefunden, die weder von Dirk noch von Petra M. stammten. „Fremdspuren“, wie es heißt. Eine befand sich auf dem Etikett der Spiritusflasche. Ist das nun entlastend?

Zumindest ein bisschen entlas­tend war die Aussage des Kommissars Stefan R., der ein Bewegungsprofil von Dirk M. anhand seines Mobiltelefons für den 21. März erstellt hat. Danach war er an dem betreffenden Abend um 19.32 Uhr, von Frank­furt kommend, tatsächlich bereits in Hanau angelangt, ehe er sich noch einmal nach Maintal auf­machte. Seine Wohnung habe er da aber höchstwahrscheinlich nicht betreten. Dies war, wie be­richtet, vermutet worden. Das Handy sei zwar am entsprechen­den Sendemast eingeloggt gewe­sen, so der Fahnder, allerdings mit einem anderen, nicht die Wohnung erfassenden Abstrahl­winkel.