Bettelüberfall im Kreisverkehr

Der Tatort (Pfeil), ein Kreisel zwischen Hammersbach und Büdingen. Im Bettelgewerbe kommt man ganz schön rum: Herr C., der aus Rumänien stammt, war zuletzt in Berlin gemeldet. Abb.: ©GoogleEarth

Von Dieter A. Graber

HANAU. Herr C. ist ein Lump, kein Zweifel, aber ist er nur ein kleiner, harmloser Gauner oder gar ein ge­fährlicher Straßenräuber? Darum geht es heute vor der 1. Großen Strafkammer des Hanauer Landge­richts.

Man könnte Ninel C. die rumänische Ausgabe des Jeremiah Peachum nen­nen – Sie wissen schon: der Bettler­könig aus der Dreigroschenoper. Er ist 1,76 groß, 39 Jahre alt, von leptoso­mem Körperbau und schlecht rasiert. Er trägt die schwarzen Haare kurz und einen grauen Nike-Trai­nings­anzug, und in seinem kantigen Gesicht ist Karneval: Ein Dauergrin­sen von är­gerlicher Penetranz hat sich da fest­gesetzt, das Richter Graßmück zu dem Hinweis veranlasst, es sei nicht lustig, was heute hier verhandelt werde. Das ist es wahrlich nicht.

Vor zehn Jahren kam Ninel C., eige­nen Angaben zufolge, aus einem Kar­patennest nach Deutschland. Mit pre­kären Baustellenjobs hielt er sich zu­nächst über Wasser. Ninel C. hat nur ein Jahr die Schule besucht. Er kann aber seinen Namen schreiben. Dann sei er krank geworden. Tuber­kulose. Von einem Arzt zum anderen. Monate im Krankenhaus. Trotzdem Glück ge­habt: „In Rumänien wäre ich nie so hervorragend behandelt wor­den. Das einzige Land, wo man mir wunderbar hilft, ist Deutschland“, lässt er die Dolmetscherin sagen. Seine Sprach­kenntnisse sind rudi­mentär.

Herr C. hat es seinem Gastland schlecht gedankt. Denn fürderhin reiste er mit dem Pannentrick: Er parkte eines der vielen auf ihn zuge­lassenen Autos an ruhigen Landstra­ßen – „Wo keine Polizei vorbei­kommt“, verrät er schlitzohrig –, Warnblinker an, Motorhaube auf, und dann um Hilfe winkend an den Fahr­bahnrand gestellt. Ein mitleidiges Opfer fand sich immer. Dem gab Herr C. radebrechend seine rührseligen Geschichten zum Besten, die vom alten, kranken Müt­terlein beispielsweise, das seines Be­suches harre – aber leider sei sein Tank gerade leer und das Portemon­naie auch … Einem alten Herrn im Nordbadischen leierte er so 70 Euro aus den Rippen, andere schenkten ihm auch schon mal einen Kanister Sprit. So um 400 Euro habe er mit dieser Masche im Monat gemacht, räumt er ein; wir wollen das mal so stehen lassen.

„Bettlers Freund“ heißt die Firma des Jeremiah Peachum bei Brecht. Die Freunde des Ninel C. sind Landsleute und republikweit unterwegs, eine Spur führt in die Hanauer Daimler­straße. Zur „Firma“ gehört offenbar auch seine Frau. Aber „legal verheira­tet“ sei er nicht, tut er kund; mit sei­nen Lebensbünden und den daraus hervorgegangenen Kindern geht‘s ein wenig drunter und drüber bei dem Angeklagten. Und deshalb bleibt die Frage, wer seine Begleiterin war an jenem 8. Dezember 2015 am Tatort, dem Kreisverkehr auf der L3195 zwi­schen Hammersbach und Eckarts­hausen, erst mal unbeantwor­tet.

„Jedenfalls sah sie aus, als wäre sie schwanger“, erinnert sich Cara L., 23, die nun Platz genommen hat im Zeu­genstand. Cara L. ist Bürokauffrau und eine hilfsbereite Seele. Sie war auf der Fahrt zur Arbeit an jenem Mor­gen. Sie hielt an. „Er fragte gleich nach Geld. Ich sagte nein. Da fing er an zu bet­teln. Als ich wieder in mein Auto ein­steigen wollte, zog er ein Messer und bedrohte mich.“ In To­desangst kramte sie einen Zehn-Euro-Schein aus ihrer Tasche, mehr hatte sie nicht dabei, warf ihm den vor die Füße und flüch­tete. Es gibt noch mehrere Zeugen, die sich an den dunklen ausländischen Wagen erin­nern. Astrid L. zum Bei­spiel, die er ganz in der Nähe mit dem Pannen­trick („Frau im Auto, kein Geld!“) ab­kassieren wollte. Auch sie türmte. Die Polizei kam ihm über das Kennzei­chen drauf.

Von einem Messer will der Ange­klagte nichts wissen. Niemals habe er so et­was benutzt bei seiner Masche. Cara L. ist die Zeugin der Anklage. Eine gewissenhafte Zeugin. Sie kann einem leidtun, wie sie verzweifelt versucht, sich exakt dem Pfad der Wahrheit fol­gend zu erinnern. Die Angst vor einer fahr­lässigen Falschaussage lässt sie aller­lei Volten schlagen. Die Waffe? Ein Klappmesser! Auf Vorhalt des Vertei­digers: Nun ja, es könnte auch ein „anderer Gegenstand“ ge­wesen sein ... Sie zählt zu den ganz Vorsichtigen, die aus dem Fenster bli­cken und sagen: Es scheint zu regnen, weil immer noch die Möglichkeit be­steht, dass jemand Wasser aufs Dach schüttet. Eigentlich ist sie jetzt erneut ein Opfer des Ninel C.: Wo sie doch inzwischen alles schon verdrängt habe. „Ich hielt immer an, wenn jemand Hilfe brauchte. Aber jetzt nicht mehr“, fügt sie hinzu. „Warum?“ fragt Richterin Zeyß. „Weil ich nicht noch einmal mit einem Messer bedroht werden will“, antwortet die Zeugin. Das ist die tief­traurige Seite dieser Ge­schichte.

Richter Graßmück gibt den rechtli­chen Hinweis, dass es sich womöglich „nur“ um den minderschweren Fall einer räuberischen Erpressung han­deln könnte. Mag sein, juristisch gesehen. Aber ein Lump ist er trotzdem, dieser Angeklagte.

Der Prozess wird fortgesetzt.