Biege! Jetzt! Ab!

Von Dieter A. Graber

HANAU. Im Theheraner Verkehrsge­wühl geht’s zu wie beim Autoscooter. Gedränge, Geschiebe, Chaos: Auf zweispurigen Straßen drücken sich mindestens drei Kolonnen aneinan­der vorbei, Fahrbahnmarkierungen haben eher dekorativen Charakter und Ampelzeichen gelten als Empfeh­lung. Frau K. stammt aus Theheran. Vielleicht hat sie sich ein bisschen an ihre Heimat erinnert, als sie damals von der B45 nach Bruchköbel abbie­gen wollte …

Frau K. ist ein quirliges Persönchen mit kurzen Haaren und langen, künst­lichen Nägeln an zartgliedrigen Fin­gern, 45 Jahre, eine adrette Er­schei­nung im schwarzen Blazer. Sor­gen hat sie, die Frau K., ist ihre alte Mutter doch pflegebedürftig, sie selbst, ge­trennt lebend, „auf Hilfe vom Jobcen­ter“ angewiesen, wie sie etwas ver­schämt vorträgt, und so schlägt sie sich halt durch, die ge­lernte Friseurin, ohne Job, ohne Mann, allein mit all den Problemen des Alltags. Aber nicht im Straßen­verkehr; da hat sie ein Navi!

Tolle Sache, so ein Navigationssys­tem. Der kleine Pfadfinder an Bord sagt präzise, wo’s lang geht. Egal, ob in der Großstadt oder auf dem Land. Frau K. hatte er an jenem Dienstag im vergangenen Oktober befohlen: „Recht­s abbiegen auf L3195!“ Also ist Frau K. rechts rüber. Nun kroch aber auf der Abbiegespur zur Kirlesiedlung eine elendige Fahrzeugschlange, Au­tos dicht an dicht. Es war ein regneri­scher Tag. Es war 11.55 Uhr. Frau K. verringerte ihre Geschwindigkeit, schaute kurz rüber – und schwupp, hatte sie sich in eine Lücke ge­quetscht. Oder besser: in das, was sie für eine Lücke hielt – vor Ricarda L. im schwarzen Golf. Die stieg in die Eisen. Herr R. dahinter auch, aber zu spät: Er rauschte mit seinem VW Caddy auf den Golf. Frau L. fiel die Brille runter. Herr R. sah, wie die Übeltäterin, also Frau K., kurz stoppte. Frau L. tastete auf dem Wagenboden nach ihrer Sehhilfe. Frau K. gab Gas und ver­schwand hinter der Kurve im Ver­kehrsgewühl von Bruchköbel. Herr R. notierte sich schnell ihr Kennzeichen. „Unerlaubtes Entfernen vom Unfall­ort“ heißt es jetzt in der Ankla­ge­schrift.

„Von einem Unfall habe ich gar nichts be­merkt“, sagt sie, oder besser: Lässt sie ihren Dolmetscher sagen. Nichts ge­sehen, nichts gehört. Etwas um­ständ­lich erläutert sie dann ihren damali­gen Spurwechsel – das Brem­sen, Gu­cken, wieder Beschleunigen. Wenn sie so fährt, wie sie erzählt, stellt sie eine latente Straßenver­kehrsgefähr­dung dar. Nur so viel: Ir­gendwann in­nerhalb dieses Zeitfens­ters von viel­leicht zehn, fünfzehn Se­kunden be­fand sich ihr Auto auf ei­nem Stück schraffierten Asphalts. Das ist ein Vorschriftzeichen nach Anlage 2 zu Paragraph 41 der Straßenver­kehrs­ordnung, auch „Schrägstrichgat­ter“ genannt. Es will uns sagen: Hier darf keiner drüber! Frau K. sagt: „Ich kannte mich da nicht aus. Ich konzen­trierte mich voll auf das Navi …“

Amtsrichterin Bhanja bringt nun ein wenig Schärfe in den Saal 22 des Ha­nauer Justizgebäudes: „Das war un­verantwortlich!“ Der Übersetzer transferiert es in die persische Spra­che. Frau K. lebt schon lange in Deutschland. Sie hat die deutsche Staatsbürgerschafft. Sie spricht aber kaum ein Wort Deutsch. Nun guckt sie etwas beleidigt. Ihr Verteidiger Stefan Kuhl aus Frankfurt wiegelt ab: „Nun ja, meine Mandantin hat einen Fehler gemacht, sie hätte halt die nächste Abfahrt nehmen müssen.“

Dann wird der Unfall auf dem Rich­tertisch mit Skizzen und Zettelchen nachgestellt. Es gibt auch Bilder in den Akten. Dank Google Earth ist fast jede Straße auf diesem Globus von oben einsehbar. Auch die B45, Aus­fahrt „Richtung Büdin­gen/Erlensee/Hanau-Mittelbu­chen/ Bruchköbel/Straßenmeisterei“, wie das Navi sagen würde. Die Ange­klagte besteht darauf: „Der schwarze Golf hat angehalten, um mich rein­zu­las­sen.“ Frau L. bestreitet das: „Ich musste heftig bremsen, sonst hätte sie mich gerammt.“

Irgendwie entfernt sich die Verhand­lung vom Ca­sus knack­sus, nämlich der Frage, ob Frau K. den Crash über­haupt bemerkte, den sie da verur­sacht hatte. Oder war sie’s gar nicht? Dann hätte sie ja auch nicht, wie es in Paragraph 142 StGB heißt, „zuguns­ten … der Geschädigten die Feststel­lung [ihrer] Person, [ihres] Fahr­zeugs und der Art [ihrer] Beteiligung“ er­möglichen müssen. War das Navi schuld? Frau L.? Herr R.? Zumindest an dem blieb der Schaden hängen; seine Versicherung musste in Regress treten.

Es geht dann noch eine Weile hin und her; Anwalt Kuhl versucht, den Un­fallhergang in Nanopartikel zu zerle­gen – wo befanden sich die Fahr­zeuge zu welchem Zeitpunkt, wann wurde gebremst, gehupt? Nützt aber alles nichts: Die Angeklagte wird zu 40 Tagessätzen von jeweils 15 Euro verurteilt; außerdem ihre Fahrer­laubnis für sechs Monate kassiert. „Ich füge mich dieser Entscheidung“, sagt sie.

Ach ja, wenn Sie jetzt fragen, welcher Sprache sich das Navi bediente – wir wissen es leider nicht!