Blut an der Wand

Die Angeklagten und ihre Verteidiger (v. l.): Torsten Fuchs, Vater Klaus-Dieter B., verdeckt von Thomas Scherzberg, sein Sohn Claus Pierre im Gespräch mit Anwalt Karl Kühne-Geiling  Foto: Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Es sind vor allem die zahlreichen Blutspritzer neben der Tür des Wohngebäudes, aber auch im Hausflur, die ausschließlich Harry Klock zuzuordnen sind. Bun­zel spricht von „Schleuder­spu­ren“, wie sie bei mit großer Kraft ausgeführten Messerstichen ent­stehen. Dabei würden feine Bluttröpfchen in der Umgebung verteilt.

Nach der Einlassung von Claus Pierre B. war es vor der Tür zu einer körperlichen Auseinander­setzung gekommen, die von Harry Klock ausgegangen sei. Der habe ein Messer gezückt und ihn gleichzeitig mit der anderen Hand derart am Kehlkopf ge­packt, dass er Atemnot bekam. Der Angeklagte gibt an, ihm dann die Waffe entwunden und in Panik wiederholt – insgesamt etwa zwanzig Mal, so die Gutachterin – wie im Rausch zugestochen zu haben. Die Stiche seien von un­ten nach oben erfolgt, da Klock auf ihm gesessen habe. Die Ne­benkläger beharren darauf, dass es so nicht gewesen sein könne. Die Ange­hörigen des getöteten Ehepaars glauben weiterhin, dass es sich um eine geplante Tat handelte. Allerdings bestätigte die Rechtsmedizinerin, dass die Spu­renlage mit der Darstellung des An­geklagten übereinstim­mt.

Und so gerät dieser Prozesstag schließlich zu einer Was-wäre-wenn ...-Veranstaltung, bei der Verteidigung und Nebenklage von der Gutachterin verschiedene Szenarien eines Tatablaufs auf ihre Plausibilität hin überprüfen lassen. Sie bleibt dabei: So könnte es gewesen sein.

Harry Klock war innerhalb weni­ger Sekunden verblutet. Die Klinge hatte sogar mehrere Rip­pen durchtrennt. In einem Was­serfass hatte die Polizei ein Ta­schenmesser gefunden. Es ist je­doch unklar, ob die Stiche damit ausgeführt wurden. Die Leichen lagen in etwa 30 Zentimeter Tiefe nebeneinander unter einem Verschlag, bedeckt mit Erde und Mist. Obgleich sie bereits teil­weise skelettiert und mumifiziert waren, konnten die Verletzungen noch gut dokumentiert werden. Der Tod war bei Sieglinde Klock durch einen Schuss eingetreten, der die Halswirbelsäule zerstört und dabei eine Arterie verletzt hatte. „Vermutlich erfolgte er von der Seite oder schräg von hinten“, erläutert die Gut­achterin. Das Projektil müsse  wieder ausgetreten sein; es konnte jedoch nicht gefunden werden.

Die Verteidigung bezweifelt die Verlässlichkeit der Zeugin An­drea S., die mittags vom Nach­barhof aus zwei Schüsse ver­nommen haben will. Waren es die auf Sieglinde Klock? Frau S. hatte allerdings den Ort des Ge­schehens bis spätestens 13 Uhr verlassen. „Frau Klock führte je­doch nachweislich ein Telefonat mit ihrer Mutter, das von 12.31 bis 13.02 Uhr dauerte“, so Ver­teidiger Thomas Scherzberg. Auf die Aussage von Andrea S. stützt die Nebenklage unter anderem ihre Mordthese.

Bei Claus Pierre B. war nach sei­ner Festnahme eine blutende Verletzung am rechten Ober­schenkel festgestellt worden. Damals hatte er angegeben, von einer Ziege attackiert worden zu sein – und zwar in einer Situation besonderer Wehrlosigkeit: als er sich mit heruntergelassenen Ho­sen hinterm Stall erleichtern wollte. Mit derart skurrilen Er­klärungen lässt sich die Forensik nicht abspeisen. Medizinerin Bunzel bearbeitete ein Stück Schweinshaut mit dem Horn ei­nes Alpensteinbocks. Ergebnis: Die Schwarte des Sus scrofa domesticus zeigte sich von der Attacke mit dem Kopfschmuck des Capra ibex unbeeindruckt. Zumindest hier, soviel stand von Anfang an fest, hatte der Ver­dächtige geschwindelt.