Bluttat in der Endstation Sehnsucht

Zuhause von Buggi, Zoran und Hakki: Wohnheim in Hanau

Von Dieter A. Graber

HANAU. Die Endstation Sehnsucht hat eine Adresse: Hanau-Steinheim, Ludwigstraße 60. Ein unscheinbares Haus an einer hektischen Verkehrs­ader. Wer hier gelandet ist, sehnt sich nach einem besseren Ort. Nach Pri­vatsphäre. Geborgenheit. Nach Stille und einem bisschen Menschenwürde.

Der Buggi lebte hier, der Zoran und der Hakki und noch manch anderer, es herrscht ein Kommen und Gehen, denn die Endstation Sehnsucht ist ein Männerwohnheim. Wobei der Wort­teil „wohnen“ irreführend ist: Ein Zu­hause gibt es hier nicht. Zwei Betten, ein Tisch, Stühle, Gemeinschafts­schrank – fertig ist die Bude. Die Wände sind dünn wie Zigarettenpa­pier. Man braucht einen Einweisungs­schein von der Stadt, um hier rein zu kommen, und verdammt viel Pech im Leben obendrein.

Kevin und Chris sind Brüder. Sie sind unzertrennlich. Sie teilen alles, auch das bisschen Geld, das sie hin und wieder verdienen. Es ist mehr als nur das Blut, das sie zusammenhält. Sie haben nur noch sich. Kevin, der Äl­tere, trägt einen kupferroten, filzigen Bart, der an die Füllung eines Plüsch­tiers erinnert. Das Haar, rechts ge­scheitelt, hängt ihm unbändig in die Stirn über den tiefliegenden Augen; immer wieder streicht er es zurück mit mageren, knochigen Händen. Er ist sehr groß, schmal, 22 Jahre alt. Chris, 20, vollbärtig, dunkelhaarig, hat die Hände vor dem Bauch gefaltet und eine Andeutung höflicher Her­ablassung auf dem Gesicht. Die bei­den sind wegen gefährlicher Körper­verletzung angeklagt, aber es könnte auch noch räuberische Erpressung dazu kommen. Wir sind in Saal 216 des Hanauer Landgerichts, 2. Große Strafkammer.

Geschichten wie diese passieren nur in Männerwohnheimen. Denn hier herrscht eine andere Form des Rechts, möchte man meinen. Das des Rücksichtsloseren. Diebstahl ist da kein Delikt, sondern eine Lebens­weise. Man nimmt sich. Man holt sich zurück. Oder nimmt sich halt bei ei­nem anderen etwas. Die Brüder wa­ren vergangenen Juli in die Ludwig­straße 60 eingewiesen worden. Sie hatten sich kurz umgeschaut, ihre Ta­sche abgestellt und es dann vorgezo­gen, woanders zu übernachten. Weiß der Himmel, wo. „Da war es mir zu asozial“, sagt Kevin mit Abscheu in der Stimme. Es ist eine aggressive Stimme, aus der sich bisweilen eine unverhohlene Schärfe heraushören lässt. Anderntags holte Kevin die Ta­sche wieder ab. „Erst am folgenden Morgen stellte ich fest, dass da was fehlte. Ein Armband, mein Haargel und ein Parfüm.“ Später kommt zur Sprache, dass es sich um ein Duftwas­ser von Hugo Boss für 80 Euro gehan­delt haben soll. Das passt jetzt nicht ins Bild, zugegeben, nicht in eine Notunterkunft und erst recht nicht zu Kevin, dem Obdachlosen. Wir lassen das jetzt aber mal so stehen.

Also sind die beiden wieder hin. Wa­rum? Tja, das lässt sich vernünftig nicht erklären. Kevin sagt: „Ich wollte die Sachen wieder haben. Oder einen Ersatz.“ Mindestens fünf Euro. Richtig gelesen: Fünf! Aber hier gilt eine an­dere Wertschöpfung. Es kam zum Wortwechsel mit Hakki, Buggi und Martin, oben in Zimmer zwölf, zwei­ter Stock. Martin, der beteuert, dass er’s nicht war, rückt den letzten Rest seines Tabaks heraus, um des lieben Friedens willen, wie er meint. Hakki ist so ein Kleiner, Quirliger. Er haut dem Kevin eine runter. Das könnte aber auch eine Reaktion auf den Messerstich gewesen sein, den der Lange ihm in den Bauch verpasst hat. Tumult erhebt sich. Der Buggi kriegt ebenfalls was ab. Zwei Stiche in den Bauch und die Seite. Auch der Chris soll zugestochen haben. Holterdiepol­ter geht’s die Treppe runter. Hakki schafft es bis auf die Straße, bricht schwer verletzt zusammen.

René ist einer der Zeugen, 19 Jahre, berufslos. Früher fuhr er mal Altme­tall von hier nach da. René hat die Form einer Kugel, oben schwarze Haare, an den Seiten kurz geschoren, unten hängt der Hosenboden dort, wo die Kniekehlen sein müssen. „Ich sah zwei Messer“, sagt er. „Jeder von den beiden Patienten da“ – er weist mit dem Kopf zur Anklagebank – „hatte eins in der Hand.“ Butterfly­messer, da sei er sicher. Da kenne er sich aus: „Ich hatte deshalb selbst schon mal Probleme mit der Polizei …“

Geduldig bemüht sich Richterin Su­sanne Wetzel, den Alltag in dieser ihr fremden Welt zu erkunden: „Was hatten Sie zuvor an diesem Tag ge­macht?“ – „Ich war auf meinem Zim­mer und rauchte Joints“, gibt René Be­scheid. Vermutlich hat er das heute Morgen auch schon getan, denn er wirkt recht angriffslustig: „Die beiden hätte ich mir schon noch vorgenom­men. Besonders den da“ – er deutet auf den langen Kevin –, „der hängt meist im Lamboy rum und hat immer ein Messer da­bei.“ Es gäbe da noch „ein paar alte Rechnungen zu beglei­chen“.

Aber heute hat er’s eilig, der René, muss er doch noch Sozialstunden ab­leisten. Und kaum ist er als Zeuge entlassen, saust er auch schon los. Zumindest eins hat er geschafft: Er wohnt jetzt woanders. Nicht mehr Ludwigstraße 60. Und das ist wahrlich ein Aufstieg.

Es gibt weitere Zeugen. Den Martin zum Bei­spiel. Martin ist 40, könnte aber auch, dem Äußeren nach, 60 sein. In einem früheren Le­ben war er mal Chemi­kant. Ein schmaler Mann, das ange­graute Haar fettig, zwei dunkle Tei­che, wo eigent­lich die Augen sein müssten. Im aus­gezehrten Gesicht wuchern Stoppeln. Es ist ein Ausse­hen, hinter dem mehr steckt, als das Verstreichen von Zeit.

„Haben Sie heute schon etwas ge­trunken?“ fragt Richterin Susanne Wetzel streng. „Es riecht so …“ – „Ich bin völlig nüchtern“, antwortet der Martin. Vorsichtig stellt er eine mit­gebrachte Plastiktüte neben sich auf den Boden. Dann erinnert er sich an jenen Sonntagabend im vergangen Juli: „Die beiden haben mich bedroht. Einer verlangte Geld, der andere Ta­bak. Geld hatte ich nicht …“ Er rückte also den letzten Rest seines Knasters raus. Auch ein paar Euro sollen aus einer Tasche geholt worden sein. Es ging alles so schnell.

Martin ist noch immer in der Ludwig­straße 60 zuhause. Er hat es nicht raus geschafft. Noch nicht und ver­mutlich … – aber lassen wir das.  Nach seinem Zeugenauftritt muss der Ge­richtssaal gelüftet werden. Er muffelt wie die Elf-Freunde-Bar an dem Morgen, nachdem wir Weltmeister geworden waren.

Costa (46) hat den Absprung aus dem Wohnheim bewältigt. „Gott sei Dank“, sagt er. Eine eigene Wohnung. Aber immer noch keine Arbeit. Packer war er mal, dann Grabpfleger, Pros­pektverteiler. Im Männerasyl fun­gierte er als eine Art Faktotum. „Wer bezahlt – und wer blutet?“ habe der Kevin gerufen, damals in Zimmer 12. Und dann kriegte der Hakki den Stich in den Bauch. Er besuchte ihn später im Krankenhaus. „Er hat sich darüber gefreut“, sagt Costa stolz. Mitgefühl ist eine Währung, die auch ganz un­ten hoch im Kurs steht.

Kevin beteuert, er habe sich nur ver­teidigt. „Ich wurde von vier Leuten umringt. Sie haben mich bedroht und beleidigt. Einer versuchte, mir mit ei­nem Aschenbecher auf den Kopf zu schlagen. Ich nahm ein Messer vom Tisch, um sie mir vom Leibe zu hal­ten.“

Er erzählt aus seinem Leben. Selbst auf Stichworte reduziert, wirkt es wie ein Roman von Charles Bu­kowski. Der Vater ein Hooligan und Alkoholiker. Prügelte die Mutter vor den Augen des kleinen Kevin. Schließlich Tren­nung. „Miese Wohnverhältnisse“, sagt er: Die Möbel kaputt, oft kein Strom. „Mutter machte ein Schloss an den Kühlschrank, damit wir nichts es­sen konnten.“ Für den Hauptschulab­schluss braucht er zwölf Jahre. Zu­hause stets Geldsorgen. Und als er dann mal was verdient, bei einer Zeitarbeitsfirma, knallt er die paar Euro im Frankfurter Rotlichtviertel gleich wieder raus. Eine eigene Woh­nung? Er schüttelt den Kopf. „Habe ich nie gewollt. Aus Angst, dass ich es nicht schaffe, mit der Miete und so … Wo ich doch mit Geld nicht umgehen kann.“ Und Alg II komme nicht in­frage. So Leute kann er gar nicht lei­den. „Die tun nix, kassieren Hartz IV und kiffen den ganzen Tag!“ Zur Bun­deswehr würde er gern gehen, Feld­webel werden. „Die nehmen da je­den“, meint er. Sogar Leute wie ihn …

Sein Bruder Chris bricht die Schule nach der achten Klasse ab, mäandert durch sein junges Leben, landet bei einer Pflegefamilie und dann im Knast – an Einzelheiten erin­nert er sich nicht oder will er sich nicht erinnern. „Das sind persönliche Dinge, die Sie nichts angehen“, tut er Richterin Wetzel brüsk Bescheid. Die Worte kommen aus seinem Mund wie Fehlzündungen aus einem Aus­puff. Dabei lächelt er. Mit 16 begeht er im Gefolge seines Bruders einen schweren Raub. Es folgen weitere Straftaten. Beide Angeklagte sitzen in U-Haft.

„Die Polarisierung von Arm und Reich nimmt zu, es gibt eine wachsende Armee der dauerhaft Überflüssigen“, sagte jüngst der Sozialphilosoph Os­kar Negt. Ihre Geschichten werden in Gerichtssälen erzählt.

We­gen einer versuch­ten räuberischen Erpressung sowie zweifacher gefähr­licher Kör­perverlet­zung verurteilt die 2. Große Straf­kammer Kevin T. zu vier­einhalb Jahren; sein Bru­der Chris wird freige­sprochen.

 

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