Bluttat mit Kneipchen

Showeinlage zum Prozessauftakt: Ehe die Kameras nicht ausgeschaltet seien, werde er den Gerichtssaal nicht betreten, zeterte der Angeklagte. Schließlich zog er sich die Kapuze über den Kopf. Foto D. Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Die Beziehung von Sevinc und Kerim begann als zarte Liebesge­schichte und endete im Blutrausch. Neunzehn war die kleine, etwas pummelige Hauswirtschafterin, als sie dem breitschultrigen, dunkelgelock­ten Gärtner im Langenselbolder Be­hindertenwerk zum ersten Mal be­gegnete. Sicher, es wird Zuneigung gewesen sein, was sie miteinander verband; mehr noch aber das gleiche Schicksal: Fremdheit nämlich in ei­nem Land, dessen Sprache sie kaum beherrschte, und in dem er beruflich und sozial nicht hatte Fuß fassen können. Zwei einsame junge Men­schen, die es aus der Türkei nach Deutschland verschlagen hatte, die noch bei den Eltern wohnten und nun beschlossen, ihren weiteren Le­bens­weg gemeinsam zu gehen. Erst war Hochzeit, dann kam eine Tochter zur Welt. „Es lief gut mit uns damals“, erinnert sich Sevinc (heute 27).

Sie wird von ihrer Anwältin flankiert und einem Dolmetscher, Kerim, der gut vier Meter vom Zeugentisch ent­fernt auf der Anklagebank sitzt, von seinen Verteidigern und zwei Justiz­wachtmeistern. Man kann die ner­vöse Spannung in Saal 215 regelrecht knistern hören. Sevinc berichtet von ihrer Ehe. Dass es immer wieder Streit gab, um Geld vor allem, Geld, das sie nicht besaßen, weil das biss­chen Hartz IV vorne und hin­ten nicht reichte, Kerim sich aber trotzdem seine Wünsche erfüllen wollte: Handy, Laptop, Playstation, dann auch noch einen Motorroller. „Ich hab‘ mich halt nicht dagegen ge­wehrt“, räumt sie ein. Nein, gear­bei­tet habe er nicht mehr, nur zu Hause herumgehängt oder in der nahegele­genen Kneipe des Islamischen Ver­eins, wo er Lands­leute traf.

Die Lebensumstände des jungen Paa­res waren aber auch beengt, nein, bedrückend: Sie hatten sich bei Sevincs Schwiegereltern einquartiert, vier Personen auf 45 Quadratmetern, das sorgt für Verdruss. „Er wollte keine eigene Wohnung suchen“, er­zählt sie. „Obwohl ich ihn immer wie­der drum gebeten habe.“ Aber auch, nachdem seine Eltern, der qualvollen Enge überdrüssig, ausgezogen waren, wurde die Stimmung nicht besser. Streitigkeiten häuften sich. Vorwürfe. Schreiereien. Auch Gewalt. Von bei­den Seiten. Das gibt sie zu. „Aber ich hatte Angst vor ihm. Er zwang mich oft zum Sex“, sagt sie. Das Jugendamt nahm ihnen die Tochter weg, steckte sie in eine Pflegefamilie. Es wird kein herber Verlust gewesen sein für Ke­rim, hatte er doch, deutet man Se­vincs Aussagen richtig, nie großes Interesse an der Kleinen. Um­gekehrt erkundige sie sich oft nach ihm. „Ist der Papa mir böse, weil er nicht mehr kommt?“ habe sie jüngst gefragt. Die Mutter darf sie alle vier­zehn Tage sehen. Das Mädchen ist jetzt fünf.

Kerim K. (25) trägt einen Vollbart, der sei­nem Gesicht einen düsteren Aus­druck verleiht. Sein Blick aus dunklen Augen streift herausfordernd durch den Saal, und wenn er eine Weile auf Se­vinc verweilt hat, scheint es zu bro­deln in seiner Seele. „Warum lügst du?“ donnert er dann empört zu ihr hinüber, und, zum Gericht, gewandt: „Sie soll die Wahrheit sagen!“

Aber was ist das: die Wahrheit? Laut Anklage, die Staatsanwalt Mathias Pleuser verliest, fiel Kerim am 27. Juli vergangenen Jahres in der Betreuten Wohngemeinschaft an der Nord­straße, in die Sevinc gezogen war, über sie her, stach mit zwei Messern vielfach auf sie ein, würgte sie und schrie, rasend vor Wut: „Bist du im­mer noch nicht tot?“ Es gelang ihr endlich, zu einer Zimmernachbarin zu flüchten.

Ihre Zeugenvernehmung ist ein schwieriges Unterfangen. Richter Pe­ter Graßmück meistert es mit Geduld. Immer wieder relativiert sie ihre Aus­sage. Oft stolpert sie über Erinne­rungslücken. Verdrängt haben mag sie die Tat; noch heute leide sie unter Alpträumen. Bisweilen kommt sie auch mit der Chronologie der Ereig­nisse durcheinander. Einen Sachver­halt strukturiert vorzutragen über­steigt ihre Fähigkeiten. Aus all den Bruchstücken lässt sich folgendes Ge­schehen rekonstruieren: Irgendwie war Kerim abends während ihrer Ab­wesenheit in das über einen Hof er­reichbare Hinterhaus gelangt. Er ver­steckte sich in der Toilette. Als sie später heimkam, wollte er mit ihr in­tim wer­den. Sie wies ihn ab. „Er solle aus meinem Leben verschwinden, sagte ich.  Er schubste mich aufs Bett, wollte mich küssen. Ich wehrte mich. Er zog ein Messer aus der Tasche. Er stach und schnitt mich.“ Im Klinikum Hanau mussten später schwere Ver­letzungen am Hinterkopf, am Nacken und an der Brust genäht werden.

Freilich, auch das muss man sagen, gibt es Ungereimtheiten in ihrer Schilderung, etwa, wenn sie berich­tet, er habe, über ihr auf dem Bett liegend, Hose und Unterhose ausge­zogen, sie festgehalten und dann auch noch das Messer – aus der Ho­sentasche! – geholt, ein Kneipchen, wie man in Hessen sagt, so ein scharfes, kleines Schälmesser. Alles nahezu gleichzeitig? Ist das möglich?

Es gibt da aber noch eine andere Un­glaublich­keit. Sevinc K. berichtet, sie habe ih­ren Mann geraume Zeit vor der Tat bei der Hanauer Polizei wegen Ver­gewaltigung anzeigen wollen. Man habe ihren Beschuldi­gungen dort aber keinen Glauben ge­schenkt. Ihre Anwältin, die Frankfur­ter Straf­recht­lerin Gönül Halat-Meç, behaup­tet, ih­rer Mandan­tin sei sogar mit ei­nem Verfahren wegen falscher Ver­dächti­gung gedroht worden. Die habe, völ­lig eingeschüchtert, ihre An­zeige da­raufhin wieder zu­rückgezo­gen. Es wäre mehr als nur eine Rand­notiz zu dieser Geschichte. Es wäre ein Skan­dal.

Der Prozess wird fortgesetzt. Weitere Termine: 19., 21., 22. Januar.