Bundesanwalt zerpflückt Nebenklage

„Das Urteil lässt keine Fragen offen“: Verteidiger Kühne-Geiling vertritt Claus Pierre B. auch vor dem BGH. Foto: Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Wenn am Vormittag des 25. Januar der 2. Senat des Bundesge­richtshofs zusammentritt, wird er sich mit einem der spektakulärsten Krimi­nalfälle jüngerer Vergangenheit befas­sen: dem Fall Klock. Dass er dies in öffentlicher Verhandlung tut, unter­streicht die Bedeutung der Sache. Die juristische wie die menschliche. Ob es Mord und Totschlag war, wie die Ne­benkläger, Kinder und weitere Ange­hörige des Ehepaars Klock, behaup­ten, oder Notwehr, wie es das Ha­nauer Landgericht ausurteilte, werden die fünf Richter unter Vorsitz von Thomas Fischer zwar nicht entschei­den. Allenfalls um Verfahrensfehler geht es. Gleichwohl dürften schon erste Weichen gestellt sein.

So ist davon auszugehen, dass die Re­visionsanträge der Nebenkläger be­reits jetzt vom Tisch sind. Als „zuläs­sig, aber unbegründet“ verwirft die Bundesanwaltschaft in einer Antrags­schrift vom 7. September sämtliche Verfahrensrügen der Rechtsanwälte Markus Roscher-Meinel (Berlin) und Michael Bauer (Eschborn). Einige seien „nicht ordnungsgemäß ausge­führt und daher unzulässig“, heißt es darin, was darauf schließen lässt, dass die Vertreter der Nebenkläger wenig Erfahrung in Revisionssachen haben. Beispiel: Befangenheitsanträge. Mit gleich zweien versuchten sie, das sei­nerzeit noch laufende Verfahren zu kippen. Sie waren gegen Richter Peter Graß­mück, den Vorsitzenden der 1. Großen Strafkammer, gerichtet. Rechtsanwalt Bauer, der den Sohn des getöte­ten Ehepaars Klock vertrat, be­zwei­felte die Neutralität Graß­mücks. Er be­zweifelte überhaupt alles: den bis dahin ermittelten Tather­gang, die Einlas­sungen des Angeklag­ten Claus Pierre B., die Redlichkeit von dessen Vertei­digung. Nun also: Antrag abge­bügelt.

Und weiter: Als „von Rechts wegen nicht zu beanstanden“ wertet die Bundesanwaltschaft auch die monierte Entscheidung des Gerichts, das damals die Vernehmung des von der Nebenklage benann­ten Zeugen H. für unnötig befunden hatte. Die Kammer war davon ausge­gangen, dass er nichts beitragen könne zur Klärung der Frage, ob die Angeklagten „ein Tötungsvorhaben geplant“ haben könnten. Wohlge­merkt: Konjunktiv.

Am deutlichsten aber wird die Schwä­che der Nebenklagerevision, wenn es um die Einschätzung der Aussage von Frau S. geht. Frau S. war Ohrenzeugin gewesen. Sie hatte – es war im Früh­sommer, ein heißer Juni-Tag – auf dem gut 100 Meter entfernten Nach­bargrundstück gedöst. Oder geschla­fen. Jedenfalls auf einer Gartenliege. Die Kammer hatte bei einem Ortster­min – gleiche  Zeit, ähnliche Wetter­verhältnisse, dasselbe Gartenmöbel – eine akustische Beweisaufnahme durchgeführt. Konnte Frau S. die ne­benan auf der Main River Ranch bel­lenden Hunde der Klocks hören? Er­gebnis: Ja – zumindest theoretisch. Wenn die Dogo Canarios, riesige Exemplare einer al­ten spani­schen Rasse, tatsächlich  Laut gegeben hat­ten. Taten Sie’s? Wenn nicht – was bedeutete dies für den Ablauf der Tat? Dass die Angeklagten Claus Pierre B. und sein Vater Klaus Dieter B. bei ih­rer Schilderung gelogen haben?

Die Kammer hatte es für möglich gehalten, Frau S. habe sei­nerzeit nicht nur gedöst, sondern sogar fest geschlafen. „Dass eine Person im Schlaf indes auch Dauerlärm überhö­ren kann, entspricht Allgemeinwis­sen“, schlussfolgerte die Bundesan­waltschaft. Es gilt unter Prozessbe­obachtern als wenig wahrscheinlich, dass der BGH-Senat die Revisionsan­träge der Nebenklage anders bewertet als die Karlsruher Anklagebehörde.

Andererseits: Eine besondere Bedeu­tung kam im Prozess vor der 1. Gro­ßen Strafkammer der Waffe zu, mit der Harry Klock getötet wurde. Es muss, das ist sicher, ein feststehendes Messer mit großer Klinge gewesen sein. Es soll Harry Klock gehört und er soll es mitgebracht haben an jenem verhängnisvollen Tag zur Main River Ranch. Davon war das Landgericht ausgegangen. Die Bundesanwaltschaft moniert nun ihrerseits, diese Fest­stellung sei von der Spruchkammer nicht ausreichend begründet worden. Das Messer wurde nie gefunden, es könnte aber nun entscheidend sein.

Der Dietzenbacher Strafrechtler Karl Kühne-Geiling, Verteidiger von Claus Pierre B., ist allerdings überzeugt, dass die Revision nicht stand halten wird – auch nicht die der Bundesan­waltschaft. „Das Urteil lässt keine Fragen offen. Es ist in sich logisch und in seiner Begründung überzeugend.“

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