Chefarzt-Prozess: Jean Pütz mit Robe

Anmerkungen zum Urteil gegen Dr. Heinz W.

Von Prof. Dr. Ansgar Klimke

Für die an  einer angeblichen wissenschaftlichen Studie teilnehmenden zehn Patientinnen und die beiden Mitarbeiterinnen des Klinikums Bamberg ist es nach wie vor schwer zu glauben: Wurden sie von einem renommierten Chefarzt für Gefäßchirurgie, der 2014 noch auf der TOP-Ärzte Liste des Focus ausgezeichnet wurde, mit einem Kurzzeit-Narkotikum aus sexueller Motivation wehrlos gemacht? Hat er ihnen dann seine Finger oder sogenanntes  Sex-Spielzeuge in die Scheide eingeführt, um dann ihren Intimbereich auf Fotos und Videos aufzuzeichnen?

Der seit August 2014 in Untersuchungshaft befindliche Chefarzt hat diese Deutung seines Handelns in vielstündigen wissenschaftlichen Abhandlungen während einundsiebzig  Verhandlungstagen zwei Jahre lang nachdrücklich bestritten. Er habe lediglich neue Behandlungsmethoden erprobt, und er teilte noch kurz vor Urteilsverkündung mit, immer leitliniengetreu „nach bestem Wissen und Gewissen“ gehandelt zu haben.

Eine abschließende eigene Meinungsbildung ist dadurch erheblich erschwert, dass große Teile des Prozesses zum Schutz der Intimsphäre der betroffenen Frauen unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden mussten. So wurden über Gerichtssprecher und Anwälte nur bruchstückhaft Details  bekannt, die sich nicht immer schlüssig zusammenfügen. 

Tatsächlich stimmt nicht alles, was anfänglich bekannt gegeben worden war.  Zum Beispiel Berichte  über eine Million Fotos, die offenbar sexuelle Handlungen dokumentierten, und dass beim Angeklagten bei einer Hausdurchsuchung genau 3922 Fotos und 1202 Videos mit „pornografischem Inhalt“ beschlagnahmt worden seien. Für den geneigten Leser liegt somit die Vermutung nahe, dass es sich bei Dr. W. um einen sexuell motivierten, voyeuristischen Mann handelt, der unter Missbrauch seiner Vertrauensstellung als Chefarzt und unter Ausnutzung der Erkrankungen seiner Patientinnen einen nicht geringen Teil seiner Kliniktätigkeit damit verbrachte, heimlich pornografische Aufnahmen von Geschlechtsteilen anzufertigen und sich dabei oder danach sexuell zu erregen. 

Tatsächlich lag die Zahl der angefertigten Fotos und Videos allerdings wohl deutlich niedriger, so zum Beispiel im Fall der Medizinstudentin, die das Verfahren durch ihre Strafanzeige ins Rollen brachte. Hier fanden sich „nur“ achtzehn Fotos und ein dreizehnminütiges Video. Zudem wurde offensichtlich der Vortrag des Angeklagten nicht bezweifelt, dass die Untersuchung des Beckens und des Genitalbereichs grundsätzlich in den Fachbereich von Dr. Heinz W. gehörte. Er habe sich als Chefarzt der Abteilung für Gefäßchirurgie mit einer speziellen Form von Venenverschlüssen, nämlich dem Beckenvenensyndrom beschäftigt, bei dem es typischerweise zu sichtbaren Krampfadern der Schamlippen kommen könne. Als unstrittig anzusehen ist sicherlich auch, dass ein Arzt mit Einwilligung seiner Patientinnen nach umfassender Aufklärung die Untersuchungsbefunde fotografisch festhalten darf, etwa um den Zustand vor und nach einer Operation zu dokumentieren, jedenfalls solange die geltenden Datenschutzbestimmungen eingehalten werden. Bei der Dekubitusbehandlung im Krankenhaus gehören solche Fotos, auch vom Intimbereich, heute geradezu zum Dokumentationsstandard, um spätere Behandlungsfehlervorwürfe entkräften zu können. Nach den Ausführungen von Dr. W. hätten zudem für seine „Eingriffe“, vergleichbar einem Nebeneingriff durch Legen eines Katheters in die Harnblase vor einer Operation, in allen Fällen Einverständniserklärungen vorgelegen. Anhaltspunkte für einen Verstoß gegen den Datenschutz, zum Beispiel durch die Verbreitung intimer Fotos durch Übertragung auf seinen privaten Rechner oder Weitergabe im Internet, liegen offenbar nicht vor, genauso wenig wie für eine private Nutzung der Fotos für sexuelle Zwecke.

Warum also die ganze Aufregung?

Dr. W. machte sich verdächtig,  als er zur Begründung eine wissenschaftliche Studie anführte, die aber in Wirklichkeit nicht existierte. Ohne wahrheitsgemäße Aufklärung abgegebene Einverständniserklärungen sind aber rechtlich unwirksam. Es mag ja gute Gründe gegeben haben, warum der ohne Zweifel mit ethischen Grundsätzen von Studien vertraute Angeklagte bei der Aufklärung von vornherein und in allen zwölf Fällen bewusst von der Wahrheit abgewichen ist. Hierzu fehlt von Dr. W. oder seinen Anwälten aber bis heute jegliche Erklärung.  Es ist schwer zu glauben,  dass er rein für Fortbildungszwecke Fotos und Videos vom Genitalbereich junger Frauen anfertigen wollte. Wenn es so war, warum hat er dann darüber nicht wahrheitsgemäß aufgeklärt? Vermutlich hätte er die Einwilligung der Frauen nicht einfach so erhalten. Warum wäre es ihm nicht möglich gewesen, wie bei anderen medizinischen Fotos, zum Beispiel im Bereich der plastischen Brustchirurgie, mit einem angemessenen, jedoch bei seinem Gehalt durchaus bezahlbaren Honorar entsprechende Darstellerinnen zu engagieren, ohne eklatant gegen ethische und rechtliche Grundsätze zu verstoßen?

Weitere Hinweise auf eine nicht medizinisch begründete, unmoralische  Handlungsmotivation ergeben sich aus den zuerst von einer Medizinstudentin gemachten Beobachtung, wonach sie nach der Injektion eines Ultraschallkontrastmittels, von dem man normalerweise nichts spüren würde, einen für sie unerklärlichen Gedächtnisverlust erlitten hatte, und aus der Tatsache, dass später in ihrem Blut das Kurzzeitnarkosemittel Midazolam nachgewiesen wurde. Ermittlungen ergaben, dass der Chefarzt bei weiteren elf Frauen, von denen fünf an den Vorgang keinerlei Erinnerung hatten, ähnliche Fotos und Videos angefertigt hatte; weitere sechs konnten sich nur vage erinnern. Die Vermutung liegt nahe, dass er auch diesen Midazolam gespritzt hatte. Dies umso mehr, als eine Assistenzärztin als Zeugin aussagte, Dr. W. selbst habe in der Klinik seine Ultraschallgeräte als nicht für Kontrastmittel geeignet befunden. Die Verabreichung eines intravenösen Kurznarkosemittels ohne Einwilligung anstelle des (eingewilligten) Ultraschallkontrastmittels und das vaginale und anale Einführen von Gegenständen bei den auf diese Weise durch eine Täuschung bewusstlos gemachten Frauen wäre aber zweifellos eine Körperverletzung, auch wenn es aus rein medizinischen Gründen geschehen wäre.

Noch weniger glaubwürdig wird die These von Genitalmanipulationen rein zu medizinischen Forschungszwecken, wenn man zur Kenntnis nehmen muss, dass der Angeklagte in seinem Privatleben ganz ähnliche Handlungen vornahm, nämlich an der gerade achtzehn Jahre alt gewordenen Patentochter seiner Ehefrau im gemeinsamen Hotelzimmer nach einem Musicalbesuch. Dabei soll der Angeklagte ohne Wissen der jungen Frau Vorbereitungen für Fotoaufnahmen getroffen, ihr „zum Geburtstag“ unter anderem Sexspielzeug geschenkt und sie schließlich, nur leicht bekleidet, in verschiedenen Stellungen im Bett gefilmt haben, als sie – angeblich allein durch Konsum von sogenanntem Klopferlikör in der Hotelbar – ähnlich benommen war wie zuvor die Patientinnen in der Klinik. 

Fazit

Ein Arzt, der Patientinnen oder Kolleginnen durch Vortäuschung falscher Tatsachen dazu bringt, sich Betäubungsmedikamente spritzen zu lassen, in diesem Zustand Gegenstände einführt und davon Fotos und Videos macht, muss damit rechnen, dass man von einer  kriminellen Ausnutzung seiner Vertrauensstellung und einem sexuellen Missbrauch ausgeht. Dies umso mehr, wenn er dafür Sexspielzeug im Erotik-Handel bestellt, wenn er die „Untersuchungen“ außerhalb der normalen Dienstzeiten allein durchführt, ohne dass eine weibliche Hilfskraft anwesend ist, und ohne sie in einem Untersuchungsbericht zu dokumentieren, und wenn er offensichtlich im Privatleben genau die gleichen Vorlieben hat.

Keinen Gefallen haben ihm seine Verteidiger mit der Strategie getan, immer wieder gebetsmühlenartig  seine hohe wissenschaftliche Qualifikation hervorzuheben, aus der allein heraus die Fotos und Filme entstanden seien. Diese Geschichte überzeugt bei genauer Prüfung nicht, wie dies auch die immer wieder von der Verteidigung attackierten medizinischen Gutachter festgestellt haben. Für welche wissenschaftlich bedeutsamen Zwecke wurden denn die innerhalb von 2008 bis 2014 hergestellten Aufnahmen verwendet? Und waren sie so dringlich, dass man sogar den betroffenen Frauen die Unwahrheit erzählen musste? In welchem Lehrbuch oder Vortrag hat der Angeklagte diese zur Demonstration präsentiert und welche wissenschaftliche Aussagekraft sollen überhaupt Fotos haben, die erweiterte Venen oder Krampfadern an den Schamlippen zeigen? Und wozu musste er dazu Plastikteile einführen?

Insbesondere der renommierte Juraprofessor Klaus Bernsmann aus Köln gab sich  gegenüber  Journalisten geradezu entrüstet und beleidigt, wenn ihm entsprechende Fragen gestellt wurden. Sein Mandant habe sich doch für den Verlust der „Autonomie“ entschuldigt, was mehr könne er denn noch tun? Einen ehemaligen Chefarzt, der seine Vertrauensstellung eklatant missbraucht haben soll, kann man eben nicht überzeugend mit Presseinterviews verteidigen, die eher an die schauspielerische Leistung eines Jean Pütz in der Hobbythek, als an eine sachbezogene schlüssige Erklärung erinnern. Zumindest in den Augen der meist von der Verhandlung ausgeschlossenen Öffentlichkeit hilft da auch nicht die Vielzahl der abgelehnten Befangenheitsanträge,  die zusätzlich den Eindruck einer systematischen Prozessverschleppung bzw. eines taktischen Manövers machten, um Gründe für das Revisionsverfahren beim Bundesgerichtshof zu sammeln.

Natürlich hätte Dr. W. mehr tun können, wenn denn die Anklage nicht in allen Punkten genauso stimmte, wie sie vorgetragen wurde. Der Angeklagte hätte sich öffentlich zu seiner Motivation für die Handlungen an der Patentochter seiner Frau im Hotel erklären können. Stattdessen räumte er diese Tat vollumfänglich ein, wodurch er eine detaillierte Vernehmung der Geschädigten vermied. Und er hätte erklären können, warum es nicht so sei, wie es aussieht, nämlich, dass er – sich in der Position eines renommierten Wissenschaftlers und anerkannten Experten in Sicherheit wähnend – die Genitalien junger Frauen anfassen und stimulieren wollte.

Da dies  nicht geschehen ist, blieb dem Gericht gar keine andere Möglichkeit, als nach einundsiebzig Verhandlungstagen und Hinzuziehung qualifizierter medizinischer Sachverständiger die eindeutige Schuld des Angeklagten festzustellen. Er war genauso zu beurteilen wie irgend ein anderer, der Frauen ohne ihr Wissen beispielsweise mit KO-Tropfen betäubt, die er in ihr Getränk  gemischt hat, um danach sexuelle Handlungen an ihnen auszuführen.

Möglicherweise unterschiedlicher Auffassung kann man als juristischer Laie sein, ob es sich bei sechs Taten um eine schwere Form der Vergewaltigung gehandelt hat, oder ob sie nicht vielmehr eine besonders schwerwiegende und unmoralische Grundüberzeugung eines Mannes ausdrücken, der für seine eigenen sexuellen Vorlieben bereit ist, sich über die Rechte anderer rücksichtslos und selbstherrlich hinwegzusetzen. Dafür hätten die betroffenen Frauen auch angesichts der öffentlichen Wellen, die jetzt der Prozess geschlagen hat, sicherlich hohe Entschädigungen verdient. Insgesamt ist eine mehrjährige Haftstrafe die notwendige und richtige Antwort auf das gezeigte kriminelle Fehlverhalten des Arztes, genauso wie der etwas lasch erscheinende, nur fünfjährige Entzug der ärztlichen Tätigkeitserlaubnis. Hier wird möglicherweise aber auch die Ärztekammer noch weiter tätig werden. Ob die Höhe der Haftstrafe letztlich Bestand hat, wird sich in der Revision beim Bundesgerichtshof in den nächsten Jahren zeigen.