Chicken und die Junkies

Wo sich Junkies die Klinke in die Hand gaben: Hinterhof mitten in Hanau

Von Dieter A. Graber

HANAU. Der Mann, den sie Chicken nennen, ist groß, breitschultrig, ath­letisch. Er hat dichtes, braunes Haar und einen elastischen Gang. Nur seine Stimme will nicht zu diesem Er­scheinungsbild passen. Die Zunge tut sich schwer mit dem Sprechen. Es klingt leiernd, schleppend. Es ist die Artikulation eines Mannes, der einen Schlaganfall hatte. Der zerebrale In­sult des Michael L., den alle nur Chicken nennen, wird Folge seines exzessiven Heroinkonsums gewesen sein. 35 Jahre alt war er damals, 47 ist er heute.

Die Welt des Michael L., wie übrigens auch aller anderen Personen in dieser Geschichte, ist die Drogenszene. Es ist das Milieu der abgemagerten Gestal­ten, die ein Leben für den Augenblick führen: ohne Gestern, ohne Morgen, deren Zeiteinheit die Dauer zwi­schen zwei „Schüssen“ ist, zwischen zwei „Linien“, zwei Joints. Die Tat, um die es heute vor dem Hanauer Land­gericht geht, geschah irgendwann vor drei Jahren im Herzen der Stadt, nur einen Steinwurf entfernt von der Wallonisch-Niederländischen Kirche. Es ist eine dunkle Ecke im Schatten der glänzenden Einkaufsstraßen. Chi­cken bewohnte eine winzige Woh­nung in einem unscheinbaren Haus, das fast schamhaft die Sicht auf einen schäbigen Hinterhof verstellt – Müll­tonnen, Graffiti, eine Tiefgaragenzu­fahrt. Aber Chickens Adresse kannte jeder Junkie weit und breit.

Er war Drogenhändler. Besser gesagt, so ein Ladenschwengel im Geschäft mit Opiaten und selbst schwer süchtig. An jenem Tag, der sich heute nicht mehr genau fest­stellen lässt wie so vieles in dieser Geschichte, kriegte er Besuch von Luigi W. (33) und Waldemar E. (47), die angeblich einen Deal mit ihm ab­wickeln wollten. Luigi sagt jetzt: „Ich hatte ihm schon 1500 Euro angezahlt und wollte meinen Stoff holen. 50 Gramm Heroin.“ Es soll dann Streit gegeben haben. In der Anklageschrift, die Staatsanwalt Walter Jung verliest, heißt es hingegen, Waldemar E. habe dem Michael L. plötzlich eine Schusswaffe auf die Brust gesetzt, 4000 Euro, mehrere Fläschchen der Ersatzdroge Methadon, zwei Mobil­telefone sowie eine Schreckschusspis­tole geraubt. Die beiden flüchteten. Luigi W. wiederum sagt, er habe sich nur genommen, was ihm zustand. Basta!

Es ist ein Fall ohne klare Konturen, ohne Fakten, wimmelnd von Wider­sprüchen. Die 1. Große Strafkammer unter Vorsitz von Richter Peter Graßmück ist redlich bemüht, sich ei­nen Weg durch das Dickicht der va­gen Aussagen, der getrübten Erinne­rungen zu bahnen, doch die Zeugen aus dem Milieu können kaum viel zur Wahrheitsfindung beitragen. Sie hat ihre eigenen Regeln, diese Welt, in der fast jeder jeden, vor allem aber jeder den Chicken kennt. Dass der damals, nach dem Tod der Mutter, ein paar Tausend Euro geerbt hatte aus ihrer Lebensversicherung wuss­ten sie auch. Schließlich hatte er sich teuer neu eingekleidet und Handys gekauft und einen Flachbildfernseher obendrein und zuhause plötzlich ei­nen Safe gehabt. Michael L., der „Kleindealer“, wie Hauptkommissar F. ihn nennt, „der ängstliche Mensch, der lieber im Verborgenen lebt“, verfügte plötzlich über Kohle.

Er hatte keine Anzeige erstattet nach der Tat. So etwas tut ein Drogen­händler nicht. Im Zeugenstand sagt er: „Ich habe kein Vertrauen zur Poli­zei.“ Man könnte es als Pointe eines gespielten Witzes nehmen. Es kam dann aber auf Umwegen ans Licht. Michael L. erzählt, in der JVA, wo er gerade 20 Monate wegen BTM verbüßt und der Luigi ebenfalls einsitzt, ein Stockwerk höher übrigens, sei er von dem Ange­klagten bedroht worden. „Ich soll heute bei meiner Aussage nichts von der Waffe sagen.“ Andernfalls? „Er würde in meine Zelle kommen und meinen Kopf gegen die Wand schla­gen.“ Auch von „Blutrache“ sei die Rede gewesen.

Nun hält es den Luigi, auch Gino ge­nannt, nicht mehr auf der Bank: „Der kleine Hurensohn hat Schuld, dass meine Schwester auf Heroin ist“, ruft er in den Saal 215, „und jetzt lügt er wie gedruckt!“ Es ist ein Aufschrei der Empörung, gespielt oder echt, wie auch immer, dann sprudelt es aus ihm heraus, wie er Michael L. mit Diebesgut versorgt habe, immer wieder im Tausch gegen Drogen, wie der ihn „abgezogen“ habe. Es ist die Abrechnung eines Süchtigen mit seinem Lieferanten. Vielleicht verabscheuen ja alle Junkies insgeheim ihre Dealer, für das, was Sie ih­nen antun …

Luigi hat eine massive Goldkette um den Hals, schwarzes, pomadiges Haar und einen Schnurrbart, was ihm das Aussehen eines billigen Gigolos der 20er Jahre verleiht. Er soll noch mehr auf dem Kerbholz haben, zum Bei­spiel einen Raub, bei dem Diana, eine andere Süchtige, ihr Handy und ein bisschen Bargeld einbüßte. In diesem Umfeld gibt es keine Mitleid, keine Liebe, nicht einmal Freundschaft. Es existiert in den Hinterzimmern der Stadt. Bisweilen kommen uns seine Opfer wie fahle Geister auf den Straßen entgegen.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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