Chicken und die Junkies: Gericht war gnädig

Von Dieter A. Graber

HANAU. Am Ende war Ergriffenheit. So viel geballtes Verhängnis findet man nicht oft auf Anklagebänken. Und schwere Schicksale in vorpuber­tären Lebensphasen haben ja häufig strafmildernde Wirkung. Der Ange­klagte Waldemar E. zum Beispiel: Von der Mutter früh verlassen, der Vater früh gestorben, früh ins Heim ge­kommen, früh auf die schiefe Bahn, früh bei den Drogen gelandet … Jetzt ist er 47 und voll auf Rauschgift, nix gelernt außer zu stehlen, zu rauben, zu be­trügen.

Oder Luigi W.: Der Sohn heroinab­hängiger Eltern, dessen Vater in Sinti- und Romakreisen „als Dieb, Schieber, Erpresser und Geldeintreiber hochge­achtet war“, wie Gutachter Bernd Cichon, Facharzt für Psychiatrie aus Gelnhausen, in seinem vorzüglichen Gutachten vermerkt, hatte ebenfalls schon im Vorschulalter die Gewalt als probates Argument bei Meinungsver­schiedenheiten entdeckt. So rammte der Hosenmatz, noch nicht mal im schulfähigen Alter, dem Herrn Papa, um die Mama zu verteidigen, ein Messer in den Rücken, was dieser übrigens mit Wohlgefallen und Stolz hinnahm. Aus so einem wird mal was! Zunächst einmal wurde er Vollwaise, weil die Eltern kurz hintereinander an Leber­zirrhose starben. Mit 15 heiratete Luigi, nach „Zigeunerart“, wie es heißt, heute ist er 33 und hat eine 18-Jäh­rige zur Partnerin. Die ist auch auf Droge.

Die Lebenswege der beiden Ange­klagten im Prozess um den Überfall auf den Rauschgifthändler Michael L., genannt „Chicken“ (Berichte hier und hier), könnten mieser nicht sein. Waldemar E. drückt es in seinem letzten Wort so aus: „Junkies. Drogenmilieu. Unterste Schublade. Das Letzte vom Letzten.“ Es ist eine beklemmende Selbster­kenntnis. Hinten im Zuschauerraum von Saal 215 sitzen Angehörige der beiden. Sie sehen nicht aus wie Leute, denen man seine Elvis-Platten-Sammlung leihen würde. Vermutlich ist ihr Erscheinungsbild auch gesell­schaftlicher Ausgrenzung geschuldet, die bewusst herbeigeführt, zumindest aber in Kauf genommen wurde. Es ist eine Form der Integrati­onsverweige­rung. Die schlägt sich auch in den Strafregisterauszügen nieder mit Dutzenden von Einträgen.

Es ist die Welt von Cannabis und Co., von Koks, Smack und Speed. Auch das Opfer ist darin zu Hause. Unter den Junkies der Stadt galt Michael L. als gute Ad­resse. Zurzeit brummt er wegen BTM-Handel. Waldemar und Luigi wa­ren zu ihm in die Hanauer Innenstadt gefahren, um ein größeres Ge­schäft abzuwickeln. Es gab Streit. Sie nahmen ihm rund 2000 Euro ab, mehrere Mobiltelefone, ein paar Fläschchen Methadon. Im Laufe der Verhandlung hat diese Geschichte verschiedene Wendungen erfahren. Zunächst war von einer Schusswaffe die Rede gewesen, von einem viel höheren Geldbetrag. Aber „Chicken“ ist nicht eben ein glaubwürdiger Zeuge. Der ursprünglich angeklagte schwere Raub mutierte schließlich zur räuberischen Erpressung in einem minderschweren Fall, weil die Täter suchtkrank sind.

In seinem kurzen, aber prägnanten Plädoyer hatte Staatsanwalt Walter Jung betont, auch die Bösen im Lande genössen den Schutz des Gesetzes. Raub ist nun mal Raub, auch wenn wir wenig Mitleid mit dem Opfer, welches ein Dealer ist, empfinden können. Das gehört zum Fundament un­seres Rechtsstaats. Da darf es „rechtsfreien Raum“ nicht geben, nicht einmal in der „untersten Schublade“. Jung forderte für beide dreieinhalb Jahre.

Die Kammer unter Vorsitz von Richter Peter Graßmück bleibt darunter: zweieinhalb Jahre für Waldemar E., drei für Luigi W.; und da sind bereits andere, zurückliegende, jedoch noch nicht abgesessene Strafen „eingearbeitet“. Die Angeklagten werden au­ßerdem in einer Entziehungsanstalt untergebracht. „Maßregelvollzug“, wie Juristen das nennen. Oder: Thera­pie statt Strafe.

Sie nehmen das Urteil an. Sie verab­schieden sich herzlich von ihren An­gehörigen im Saal. Nun gut, ein biss­chen ergreifend ist das schon. Aber auch Missetäter brauchen schließlich Zuneigung.