Chicken und die Junkies: Kein Deal im Dealerprozess

Von Dieter A. Graber

HANAU. Hinten im Saal 215 sitzen zwei einsame Prozessbeobachter: eine Frau in den Vierzigern und ein blasses, schmales Bürschchen mit ei­ner Haarinsel auf dem geschorenen Schädel. Waldemar E. (47) blickt kurz zu ihnen hin und sagt: „Sie sind mein ganzer Halt. Früher war ich vogelfrei, aber jetzt habe ich eine Familie ...“ Er hat eine Menge Pathos in seine Stim­me gepackt. Die Frau heißt Lilli B. und ist seit achtzehn Jahren mit ihm verheiratet. „Auf Sinti-Art“, wie er sagt. Das Jungchen hört auf den Na­men Reinhold, ist 16 und sein Sohn.

Waldemar E. sitzt gemeinsam mit Luigi W. (33) auf der Anklagebank. Sie sollen einen Hanauer Drogenhändler, der von allen „Chicken“ genannt wurde in der Szene, ausgeraubt haben. Angeblich bedrohte Waldemar E. das Opfer mit einer Pistole. Sie erbeute­ten 4000 Euro, mehrere Fläschchen Methadon und Mobiltelefone. Luigi W. hat in einem Anfall von Geständ­niswut alles auf sich genommen, sei­nen Komplizen entlastet.

Vogelfrei also sei er gewesen! Das klingt wie ausgegrenzt, verurteilt, verachtet. Tatsächlich könnte man das Leben des Waldemar E. mit die­sen Adjektiven umschreiben. Dabei hatte es so gut angefangen: Behütete Kindheit in einem Kaff an der Nahe, passabler Schüler, viele Freunde. Ir­gendwann trennten sich die Eltern, „bei Nacht und Nebel“, erzählt er. Nach dem frühen Tod des geliebten Vaters geriet dann alles richtig aus der Spur. Er fand sich im Heim wieder und machte dort erste Drogenerfah­rungen. Mit sechzehn ist er süchtig. Eine Anstreicherlehre bricht er ab, bringt sich stattdessen mit Diebstäh­len und Betrügereien durch.

Richter Peter Graßmück verliest sein Strafregister. Waldemar E. hat viele Anklagebänke gedrückt, in Kassel, Fritzlar, Fulda, Frankfurt, Hanau. Es ging um Diebstahl, Erpressung, Kör­perverletzung, Nötigung, Betrug. Da­zwischen hoffnungslose Ansätze bür­gerlicher Arbeit, aber was soll so ei­ner machen außer Schrotthandel, dem angestammten Gewerbe des fahrenden Volkes? Als er einmal in ein stillgelegtes Kieswerk einbricht, um Kupferkabel zu klauen, ist auch der Junior dabei. Ja, früh krümmt sich das Häkchen … Der Vater kriegt sechs Monate ohne Bewährung. Das ist nun ein gutes Jahr her.

Er hat ein Buchhaltergesicht, ernst, schmal, eine hohe Stirn, ein ange­grautes Bärtchen. Er ist adrett geklei­det mit grauer Strickjacke und blau-weiß-gestreiftem Hemd. Man sieht ihm die Sucht nicht an. Er kann sich gut artikulieren. In einer Verhand­lungspause geht Lilli B. nach vorn zur Anklagebank, umarmt ihn, sagt: „Ich liebe dich.“ Sie hat lange, kastanien­braune Locken und ist aus Nordhes­sen angereist, um ihn zu sehen. Zu­letzt war sie mit ihm auf einem Cam­pingplatz am Edersee untergetaucht. Er hatte sich vorm Strafantritt drü­cken wollen, wurde dann jedoch ohne Fahrerlaubnis, aber zugedröhnt mit Drogen, am Steuer erwischt. Seit­her ist er im Gefängnis. An Rausch­mitteln hat Waldemar E. kaum etwas ausgelassen: Haschisch, Heroin, Schmerzmittel, Alkohol … So einer wird von Dealern als Kunde geschätzt, als Störenfried aber auch schon mal verdroschen: Einmal versuchte er, Drogenhändler aus einem Park, in dem sich auch sein Sohn aufzuhalten pflegte, zu vertreiben. Sie haben ihm das Gesicht kaputt geschlagen. Ein andermal fiel er vom Gerüst, als er sich mit Dachdeckerarbeiten auf ehr­liche Weise etwas verdienen wollte. Er brach sich beide Fersenbeine. Im Leben des Waldemar E. ist halt selten etwas glatt gegangen.

Nach Luigis impulsiven Geständnis hatte am ersten Verhandlungstag be­reits eine „verfahrensbeendende Ab­sprache“ im Raum gestanden: Drei Jahre für den jüngeren Angeklagten, zweieinhalb für den älteren sowie die Unterbringung in einer Entziehungs­anstalt. Nach der Therapie, die in der Regel mindestens zwei Jahre dauert, würde die Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt. Beide Angeklagte wären einverstanden. Sie wollen endlich weg von den Drogen. Waldemar E. fasst es in diese Worte: „Es beschämt einen, wenn die eigenen Kinder sa­gen, ,Du bist ein Süchtiger! Du bist kein Vorbild für mich! ‘“ Staatsanwalt Walter Jung indes lehnt einen solchen Deal ab. Er will ein höheres Strafmaß.

Und dann passiert auch noch die Ge­schichte mit der Gutachterin: Die Suchtexpertin einer osthessischen Entzugsklinik hatte sich zur Frage des Paragraphen 64 StGB vorbereitet, also „Therapie statt Strafe“, aber nicht mit einer eventuell verminderten Schuldfähigkeit der Angeklagten befasst. Da muss sie jetzt passen. Also kein schnelles Ende des Verfahrens. Es wird am 3. November fortgesetzt.

Lilli nimmt Abschied von Waldemar. Er sagt, seine Sucht sei ihr immer ein Dorn im Auge gewesen. Vielleicht kriegt er ja die Kurve. Vielleicht gibt es doch noch ein Happy End in diesem verpfuschten Leben.

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