Constantin, der Schmieresteher

Von Dieter A. Graber

MAIN-KINZIG. Ein Rumäne namens Constantin hatte Schmiere gestan­den, draußen vor der Bäckerei in Bernbach, wo sie den Bruch machten. Ein Schmieresteher muss aufpassen und die anderen war­nen, wenn’s brenzlig wird. Aber die ganze Ge­schichte war, im Nachhinein betrachtet, eher ein schlechter Witz. Jetzt sitzt Constantin als ein Häufchen Elend auf der Anklagebank des Geln­häuser Amtsgerichts, wo er sich we­gen gemeinschaftlichen Diebstahls verantworten muss.

Constantin ist kein kriminelles Talent. Constantin ist 31 Jahre und überge­wichtig, mindes­tens 20 Kilo, er hat ein rundes, blei­ches, weiches Gesicht mit ängstlichen Augen, so durchsichtig wie ein Glas Wasser, und kräftige Hände an den Enden seiner massigen Arme. Er ist Maurer. Gemeinsam mit einem Kom­plizen hebelte er am Abend des 14. Dezember vergange­nen Jahres die Tür der Backwarenfiliale in Freigericht auf. Das ist fast rührend naiv. Der La­den befindet sich nämlich in einem Supermarkt. Die sind mit Alarmanla­gen und Videokameras nur so ge­spickt. Es war ein Sonntag. Da ist nie Geld in der Kasse, und die Bröt­chen sind schon alt und trocken. Das Ende vom Lied: Zwei Polizeistreifen sausten heran, Constantin gab Fer­sengeld, wurde aber erwischt, weil er zu dick ist, um schnell zu laufen. „Eine schwache Kondition“, stellt Richter Wolfgang Ott fest. Der Komplize war fitter und entkam. Der Sachschaden an der Tür belief sich auf 3000 Euro.

Der Angeklagte trägt billige Sport­schuhe, eine Trainingshose Marke „Passt!“ und eine blaue Kapuzenja­cke. Seit der Tat sitzt er in Untersu­chungshaft. Er spricht kein Wort Deutsch. Es gibt auch nichts zu leug­nen. Über seinen Dolmetscher teilt er kleinlaut mit: „Ich war angetrunken.“ Wahrscheinlich ein paar Mutmacher – er hatte 0,6 Promille. Und: „Ich habe den Laden nicht betreten!“ Das mag ja sein, spielt juristisch aber keine Rolle.

Die Geschichte des Schmierestehers Constantin beleuchtet ein Stück Rea­lität hinter der  vielgeprie­senen euro­päischen Freizügigkeit. Constantin kam wiederholt nach Deutschland, um sich ein bisschen was zu verdie­nen. Aber Leute wie er kriegen keine ordentlichen Jobs. Leute wie er krie­gen einen Tritt, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. Constantin lan­dete in Duisburg. Schätzungsweise 15000 Rumänen sind hier schon un­tergekommen, meist in Bruchbuden oder elenden Hochhäusern. Ganze Viertel verwandelten sich bereits in Notstandsgebiete.

„Von was haben Sie da gelebt?“ fragt Richter Ott. – „Ich habe als Maurer gearbeitet“, antwortet er. – „Bei wel­cher Firma?“ Constantin zuckt mit den breiten Schultern. An den Namen kann er sich nicht mehr erinnern. „Ich war ja nicht fest angestellt …“ Also eine Art Tagelöhner, den sie für klei­nes Geld anheuerten. Schwarz, ver­steht sich. Ohne Quittung. Ohne Sozi­alversicherung. Moderne Ausbeutung ist das. Der Richter: „Was verdienten Sie im Monat?“ „Etwa 400 Euro.“ – „Wie hieß Ihr Chef?“ – „Mus­tafa“, sagt er, „ein Türke.“ Mehr weiß er nicht. Will er auch gar nicht wissen. „Zu Hause gibt es keine Arbeit.“ Für seine bei­den Töchter, fünf und zwölf Jahre alt, habe er die Hälfte des Ver­dienstes nach Rumänien geschickt. Da mag man sich vorstellen, was das für ein Leben war mit dem Bisschen, das ihm noch blieb.

Richter Ott verurteilt Constantin zu sechs Monaten auf Bewährung, der Haftbefehl wird aufgehoben. Er nimmt die Strafe an. Der Richter sagt noch, mit eisiger Schärfe in der Stimme: „Beim nächsten Mal werden Sie länger sitzen. Verstanden?“ Er guckt erschrocken und nickt. Er habe verstanden. Die Sitzung ist geschlossen!

Die beiden Polizisten, die ihn aus der JVA Frankfurt nach Gelnhausen brachten, händigen ihm seine Habse­ligkeiten aus: Papiere, einen Block mit Stift, einen Brief. Und dann muss es da noch ein Päckchen Lucky Strike, eine Bankkarte und ein Samsung-Handy geben, vielleicht in der Asser­vatenkammer. Seine Anwältin telefo­niert. Constantins Leben passt in eine Plastiktüte. Wenigstens ist er nun wieder ein freier Mann. Er will heim. Sein Zuhause ist jetzt Duisburg. Er be­kommt einen Gutschein für eine Bahnfahrkarte dorthin, einfach, zwei­ter Klasse. Unschlüssig steht er noch eine Weile im Gerichtssaal herum. Ir­gendjemand wird ihm erklären, wie er zum Bahnhof kommt. Vielleicht bräuchte ja sein Leben mal eine neue Fahrtrichtung …