Crash und weg

Das Restaurant Harput in Wiesbaden, benannt nach einer in der Antike bedeutenden türkischen Stadt: Wenn sie in der Tatnacht mit Cengiz G. hier war, kann Banu D. den Mord nicht begangen haben. So einfach ist das. ©tripadvisor

Von Dieter A. Graber

HANAU. Nachdem die 1. Große Straf­kammer mit ihrem „rechtlichen Hin­weis“, es könne bei Lutz H. auch Mit­täterschaft infrage kommen und die be­sondere Schwere der Schuld festgestellt werden, eine Richtung vorgegeben hat, dürfte der kommende Freitag entschei­dend sein für die Zukunft von Banu D.: Freiheit oder lebenslänglich?

Dann beginnt die vermutlich mehrere Tage dauernde Vernehmung des Zeu­gen Cengiz G., ein Bauunternehmer, mit dem die Angeklagte in der Tatnacht zusammen war. Unbestritten ist: Die beiden be­suchten die Zurna Bar, ein vornehmlich von Türken frequentiertes Etablisse­ment in Mainz-Kastel, wo damals ein in der Szene bekannter Sän­ger auftrat. Aber wo waren sie zu­vor? Die Ermittler haben sich da eine Hypothese zurecht gebastelt, die sich im Wesentlichen auf Handdaten stützt. Ihr zufolge fuhren die beiden zunächst nach Hanau, wo Banu D. den Mord an Jürgen Volke be­gehen wollte. Die tödlichen Schüsse fielen um 23.35 Uhr. Vierein­halb Mi­nuten zuvor hatte Cengiz G. seinem Freund Ilhan, der in der Zurna Bar wartete, eine Kurznachricht ge­schrie­ben: „Ich bin in 45 Minuten da. Komme mit Banu.“

Das muss man sich mal vorstellen: Der Chauffeur des Todes kündigt sein Er­scheinen auf einem Konzert an, wäh­rend nahebei ein Mensch heimtückisch umgebracht wird. Dem zu folgen erfor­dert viel Phantasie. Die Staatsanwalt­schaft hat dazu eine zwar wenig realisti­sche, aber der Anklage angepasste Ver­sion entwi­ckelt. Cengiz G. habe gar keine Ahnung gehabt, was da in unmit­telbarer Nähe ge­schah, während er, vermutlich in der Friedrichstraße, auf die Rückkehr von Banu D. wartete. Die trug Minirock und Stöckelschuhe in je­ner Nacht und eine winzige Handtasche, in der Platz war für Zigaretten, Lippen­stift, Puder­dös­chen, Feuerzeug, nicht aber für eine FN Browning. Die ist 17,8 Zentimeter lang und geladen gut ein Kilo schwer.

Zeitmarken: Nach dem Mord zwei Mi­nuten zu Fuß vom Tatort zum Flucht­fahrzeug. Zur Zurna Bar sind es 61 Ki­lometer. Über die B43a, die B45, die A3, vorbei am Flughafen, weiter über die A66 bis Mainz-Kastel. 42 Minuten benötigt der ortskundige Fahrer. An­kunftszeit: nicht vor 0.19 Uhr! Um 0.06.37 Uhr sendet Cengiz G. allerdings eine weitere Kurznachricht an Ilhan: „Wo bist du?“ Da er mit ihm verabredet war, impliziert diese Frage, dass er sich be­reits in unmittelbarer Nähe des Zie­lortes befunden haben muss und nun wissen wollte, wo genau sich der Freund in dem dunklen, unübersichtli­chen Kel­lerlokal aufhielt.

Etwa um diese Zeit soll es einen harm­losen, für die Rekonstruktion des Abends aber vielleicht wichtigen Vor­fall gegeben haben: Das Paar hatte an­geblich eine Begeg­nung mit einer Poli­zeistreife. Cengiz G. hatte auf dem Standstreifen der Auto­bahn gestoppt, um eben diese SMS zu schreiben. Es gab einen kurzen Disput mit den Be­amten, die ihn aufforderten, die Fahrt unverzüglich fortzusetzen. So jedenfalls Cengiz G. in seiner ersten Ver­nehmung. Die Hanauer Kripo hatte diesbezüglich jedoch keine Er­mittlun­gen durchgeführt. Ein Versäum­nis … Tat­sächlich lässt es sich heute, vier Jahre danach, die Angelegenheit nicht mehr klären.

Rücklende zum Abend des 7. Septem­ber 2013. Um 21.12 Uhr verlässt Banu D. ihr Haus in Nastätten (Rhein­land-Pfalz), um sich mit Cengiz G. zu tref­fen. Er will sie zum Essen ausführen. Lutz H. glaubt, sie sei mit einer Freun­din unterwegs. Um 21.33.39 Uhr ist ihr Mobiltelefon in Bad Schalbach, Martha-von-Opel-Weg, eingeloggt. Kurz darauf stellt sie ihr Fahrzeug, einen Renault Twingo, ir­gendwo in der Nähe der hes­sischen Kurstadt ab. Sie hat von zu­hause bis hierher 23 Kilometer zu­rück­gelegt. Sie wird dort von Cengiz G. „aufgelesen“. Die beiden fahren zum Harput, einem türkischen Restaurant in Wiesbaden. Für diese Strecke von 19 Kilometern dürften sie 27 Minuten be­nötigt haben. Wenn sie denn tatsächlich im Harput waren!  Auch das hat die Kripo zu ermitteln versäumt …

Der Twingo wird anderntags, es ist Sonntag, 8. September 2013, von Ilhan abgeholt . Das Wägelchen ist unfallbeschädigt. Im Zeugenstand gibt er an, sich nicht mehr an die Stelle zu erin­nern, wo er stand.  Er bringt ihn in eine Werkstatt. Beauftragt hierzu hatte ihn Cengiz G.,  dessen Freund Nasmi K. in Höhr-Grenzhausen einen Kfz.-Handel mit Werkstatt betreibt. „Das Auto war noch bedingt fahrtüchtig“, erinnert sich Herr K., „aber ich musste die Stoß­stange und einen Scheinwerfer aus­wechseln.“ Über die Höhe der Repara­turkosten gibt es unterschiedliche An­gaben: „Etwa 150 Euro“, sagt Herr K., sein Freund Cengiz habe das übernom­men. In einem mitge­schnittenen Telefo­nat zwischen Banu D. und Lutz H. ist später jedoch von 450 Euro die Rede.

Vermutung: Banu D. verursacht in der Tatnacht auf dem Weg zu ihrem Treffen mit Cengiz G. einen Unfall und türmt. Es wäre eine Erklärung für ihre zunächst wider­sprüchli­chen Angaben, mit denen sie etwas vertuschen zu wollen schien? Konse­quenz: Cengiz G. hätte als „Mittäter“ im Boot sein müssen, wenn Banu D. tat­sächlich eine knappe halbe Stunde vor Mitternacht die tödlichen Schüsse in der Gallienstraße abgegeben haben soll. Falls es sich her­ausstellen sollte, dass die beiden doch das Harput besuchten, wäre die Anklage hinfällig. Dann hätten sie nicht noch in Hanau gewesen sein können.