Daheim im Paketshop

Ist der Schlüssel gut verwahrt, bewegt sich das Fahrzeug keinen Meter.

Von Dieter A. Graber

HANAU. Yazdan P. passt in diese Zeit  wie die Kirschblüte zum Frühling. Ein Vorzeigeflüchtling ist er, einer, der’s geschafft hat mit seiner Hände Ar­beit, fleißig, zielstrebig, unermüd­lich. Vor mehr als zwanzig Jahren kam er aus Kabul nach Deutschland. Das war, als in der afghanischen Haupt­stadt der Bürgerkrieg entbrannte, dem 50.000 Menschen auf den Stra­ßen zum Opfer fallen sollten. Kurz nach seiner Flucht gelang es den Tali­ban-Milizen, Kabul zu erobern und einen streng islamischen Staat auszu­rufen. Herr P. und seine Familie hat­ten also noch mal Glück gehabt.

Als ein für den hiesigen Arbeitsmarkt „qualifizierter“ Flüchtling galt er: Bauingenieur. Ernüchtert musste er aber feststellen, dass er mit seinem Studium nichts anfangen konnte. Sein Schicksal ist kein Ein­zelfall: Türkische Lehrerinnen jobben als Putzhilfen, in­dische Physiker fahren Taxi, russische Ingenieurinnen wer­den Tagesmütter, weil ihre Ab­schlüs­se hier keinen Pfif­ferling wert sind. Davon hat sich un­ser Herr P. freilich nicht entmutigen lassen …

Er ist ein schmaler Mann von 57 Jah­ren mit ein wenig Resthaar auf dem ansonsten kahlen Schädel. Er hat fünf Kin­der. Er betreibt einen Kiosk, mit­ten in Ha­nau, so ein Lädchen mit Postfiliale und DHL-Paketshop. Ei­gentlich kann man es „sein Zuhause“ nennen, hat er doch jeden Tag, und zwar wirklich alle sieben in der Wo­che, von früh um sechs bis 21.30 Uhr geöffnet. Wie ge­sagt, Herr P. ist ein pflichtbewusster, arbeitsamer Mensch.

Einer von den Fünfen ist der Tamim. Als er zu uns kam an der Hand seiner Eltern, war er ein kleiner, schüchter­ner Junge, heute ist er 25 und streckt, wie es so schön heißt, noch die Füße unter Vaters Tisch. Und deswegen sitzt Yazdan P. nun in Saal 22 des Ha­nauer Amtsgerichts auf der Anklage­bank. Er soll dem Tamim, der keine Fahrerlaubnis mehr besitzt, ge­stattet haben, sein Auto zu benutzen. Dafür gibt es Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr. So steht es in Para­graph 21 des Straßenverkehrsge­set­zes. Aber erst einmal muss Richterin Santi Bhanja viele Fra­gen stellen. Zum Beispiel: Wo bewahrte Herr P. den Zündschlüssel auf? Hat der Junior ihn einfach stibitzt? Handelte der Vater vielleicht fahrlässig?

Drei Mal soll der Tamim laut Anklage mit dem Mercedes in Erlensee un­terwegs gewesen sein. Herr P. sagt nachdrücklich: „Ich kenne das Gesetz. Und ich halte mich daran.“ Punktum. Ach ja: „Die Schlüssel befanden sich stets in unserem Schlafzimmer“, fügt er hinzu. Und da hatte der Junior ja schließlich nichts zu suchen …

Der Angeklagte wird von dem Ver­kehrsrechtler Wallied El Nashar aus Hanau vertreten. „Mein Mandant wusste ja gar nicht, dass seinem Sohn der Führerschein abgenommen wor­den war“, trägt er vor. Das sei pas­siert, als sich Herr P. in seinem Kiosk aufhielt. Die ganze Aufregung mit der Polizei im Hause ging damals schlicht an ihm vorbei. Hatte ihm hinterher auch keiner gesagt. Und selbst wenn: Hätte er den Fahrzeug­schlüssel dann verste­cken müssen, misstrauisch  ge­genüber dem eigenen Sohn?

Nein, sagt die Rechtsprechung: „Lässt der Halter eines Kraftfahrzeugs den Zündschlüssel stecken, während ein Beifahrer, dem die Fahrerlaubnis ent­zogen worden ist, im Fahrzeug war­tet, so liegt darin allein keine Sorg­faltspflichtverletzung. Erforderlich ist vielmehr die Feststellung konkreter Umstände, die einen Missbrauch be­fürchten lassen“, urteilte das Bayeri­sche Oberlandesgericht in einem an­deren, ähnlich gelagerten Fall (2 St RR 53/96; mehr dazu hier und hier).

Von dieser klugen Entscheidung hat Herr P. keine Ahnung. Aber dass 1000 Euro, wie sie im Strafbefehl gegen ihn ausgesprochen wurden, ein enormer Betrag sind, das weiß er wohl. Deshalb hat er Einspruch ein­gelegt.  Nun wäre Oberamtsanwältin Christa Breideband ja zufrieden, wenn Herr P. wenigstens 500 Euro … „Zu­viel, zu­viel!“, kontert er, aber 300 – das ginge. In Raten natürlich. Bitteschön!

Und jetzt gerät die rührende Erfolgs­ge­schichte vom qualifizierten Flücht­ling, der sein Glück gemacht hat, zu einem schalen Märchen, das von ei­ner tristen Wirklichkeit überlagert wird: Herr P. ist nach eigenen Angaben mit 268.000 Euro ver­schuldet*, lebt von dem bisschen Geld, das seine Frau an der Kasse im Su­permarkt verdient, weil der Kiosk nichts abwirft. „Läuft schlecht“, sagt er schulterzuckend. „Wir können nur knapp leben.“ Das Gericht zeigt Nach­sicht und nimmt sein Angebot an. Das Verfahren wird eingestellt.

Übrigens:  Die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit sucht für den Einsatz im kriegszer­störten Afghanistan dringend Fach­kräfte, unter ihnen Bauingenieure. Geboten werden ausreichend Urlaub, vier Heimflüge und Auslandszulagen.

*Wie Herr P. es schaffte, zu einem solchen Schuldenberg zu kommen – wir wissen es auch nicht. Da muss die Bank von seinem Businessplan aber sehr überzeugt gewesen sein. Vielleicht auch von seiner Qualifikation als afghanischer Bauingenieur …