Das Baumarkt-Duo

So sieht ein Gangster nach einem erfolgreichen Überfall aus. Aber Belmondo hatte es halt drauf, die Jungs aus der Dübelgasse eher nicht

Von Dieter A. Graber

HANAU. Das Band der Freund­schaft zwischen Marcel und Agostino war geknüpft aus dem Stoff, der bisweilen ver­rückte Ideen hervorbringt – hor­rende Schulden nämlich. Eines Tages kamen die beiden jungen Män­ner, als sie mal wieder über ihre Misere beratschlag­ten, auf den Plan mit dem Überfall. Vielleicht hätte er, un­ter anderen Umstän­den und mit anderem Personal, funkti­onieren können. Dass er es nicht tat, ist ein Triumph von Recht und Gerechtigkeit. Ein bisschen von einer Komödie hat die Geschichte aber auch.

Am 7. August 2017 tauchte Agostino, mit Wollmütze und Kapuze maskiert, vor einem Baumarkt im Gewerbegebiet hinterm Hauptbahnhof auf. Noch einsam war es auf dem Parkplatz zu dieser frühen Stunde. Nur Marcel, damals stellvertretender Filialleiter, und sein Kollege Oli­ver küm­merten sich  bereits um den Außenaufbau, also die Son­der­angebote am Eingang. Agos­tino bedrohte die beiden, von de­nen aber nur einer überrascht war, mit einer Handfeuerwaffe, Modell Walther P.23, eine Schreckschuss- und Gaspis­tole, die jedoch täuschend echt aussah und dem Marcel ge­hörte. Es war, wie gesagt, eine abgekartete Sa­che. Der Räuber dirigierte sie ins Büro. Dort stand der Safe. Mar­cel „musste“ ihn öffnen. Er ent­hielt 6.459,97 Euro, die Agos­tino – bis auf ein gnädig zu­rückgelas­senes 50-Cent-Stück – an sich nahm, ehe er das Weite suchte.

Agostino ist ein Schlacks mit ei­nem netten Jungengesicht, 25 Jahre, einer von der Sorte, die sich in jedes Abenteuer stürzt und erst hinterher ans Denken macht. Er schmeißt seine Lehre als Hotelfachmann in einem noblen Frankfurter Beherber­gungsbetrieb kurz vor der Ab­schlussprüfung, weil er mit dem Direktor nicht zurechtkommt. Er heuert bei einem Fi­nanzvertrieb an, wo er als freier Handelsver­treter bis zu 10.000 Euro Provi­sion im Mo­nat einstreicht, aber weil er den Unterschied zwischen Brutto und Netto nicht kennt, gibt‘s Ärger mit dem Finanz­amt. Schließlich landet er als Verkäu­fer bei eben jener Bau­marktkette, sogar „Erstver­käufer“, wie er jetzt stolz her­vorhebt, ein auf­strebendes Talent, das aber als­bald wieder gefeuert wird. Von „Unregel­mäßigkeiten“ geht die Rede. Er selbst spricht von „Meinungs­verschiedenheiten“. Wie auch immer.

Der Satz, am leichtesten könne man einem Verkäufer was ver­kaufen – Agostino ist der Be­weis. Ein Audi A3, mehrere Mo­biltelefone, teure Klamot­ten, Par­füm, Unterhaltungs­elektronik, das meiste im In­ternet erworben … sein Schul­denpegel steht bei gut 12.000 Euro. Er sagt: „Das viele Geld, das ich mal verdiente, ist an allem schuld. Ich habe die Bo­denhaftung verloren.“ Und dann die Drogen: Marihuana, Kokain und anderes teures Zeug.

Bei Marcel, 31, sieht’s noch düste­rer aus. Auf 64.000 Euro schätzt er seine Verbindlichkei­ten. Auch er hat Schuldige aus­gemacht: Die Banken, die ihm Dispos ein­räumten, und seine verhängnis­volle Liebe zu Dad­delautomaten. Dabei ist dieser Angeklagte mit dem gepflegten Henri IV-Bärt­chen ein, auch das muss man er­wähnen, guter Junge. Er pflegte seine an MS und Demenz lei­dende Mutter ganz allein, jeden­falls erzählt er das nun in Saal 215, und es gibt keinen Grund, ihm nicht zu glauben. Wer von ihnen auf den Gedan­ken mit dem Überfall kam, will Richterin Susanne Wetzel wis­sen. „Wir beide ge­meinsam“, sagt Marcel, und Agostino pflichtet ihm bei. Ja, eine echte Freundschaft hält auch un­ter schwierigen Bedingungen.

Drauf gekommen ist die Polizei ihnen übrigens schnell. Wäh­rend Oliver trotz Bedrohung mit der Pistole im Gang zwi­schen LED-Leuchten und Akku-Schraubern einen kleinen ver­zweifelten, wenngleich vergeb­lichen Flucht­versuch unter­nommen hatte, war Marcel brav an der Tür stehen geblie­ben. Er hatte auch den Alarm­knopf erst sehr spät ge­drückt. Und dann war Agostino, der sich anschließend hinter ei­nem Gebüsch neben dem Bau­markt seiner dunklen Räuberkluft entledigte, einer frühen Pas­santin über den Weg ge­laufen. Mit ihrer Beschreibung wurde ein Phantombild ange­fertigt, das er problemlos als Passfoto ver­wenden könnte. Aber der Gipfel dürfte wohl sein, dass Agostino die erbeu­teten Geldbündel zu­hause mit seinem Handy fotogra­fiert hatte. Das Bild wanderte gleich von der Speicherkarte in die Ermittlungsakten.

Nun also sitzen die beiden auf der Anklagebank. Zwischen drei und fünfzehn Jahren könnte es geben. Denn „Dummheit schützt vor Strafe nicht“, sagt die Richte­rin.

Ach ja, der arme Oliver. Er erlitt einen Schock, wurde arbeits­un­fähig und schließlich entlas­sen. Der Filialleiter besuchte ihn zu Hause am Krankenbett, wo er ihm das Kündigungs­schreiben in die Hand drückte.