Das Ende einer Probefahrt

Von Dieter A. Graber

HANAU/SCHÖNECK. So einer wie der Chris hat es nicht leicht im Leben. Das fing schon in der Schule an. Lese- und Schreibschwäche hieß es, und mit dem Rechnen war’s auch nicht weit her. Er besuchte dann eine Behinder­tenwerkstatt, obwohl: So richtig be­hindert ist er ja nicht, der Chris, und schon gar nicht dumm. Sensorische Integrationsstörung lau­tet der Fach­begriff. Da werden, ein­fach gesagt, Eindrücke im Gehirn nicht einwandfrei ver­arbeitet.

Chris lebt so in den Tag hinein. Trinkt gern Bier. Und davon viel. Vor allem frei­tags, da sieht man ihn mit Kum­pels in Kilianstädten rumhängen. Der eine oder andere Kasten Gers­tensaft muss dann dran glauben. Er hat ja auch keinen Job, der Chris. „Ich war mal im Gartenbau beschäftigt“, sagt er und macht eine weg­werfende Handbewe­gung. „Aber ich kam mit den Leuten nicht klar.“ Einen liebenswürdigen Lebenskünstler könnte man ihn nen­nen, der keinem was zuleide tut, bestenfalls dem lie­ben Gott die Tage stiehlt, und doch hat er sich im Au­gust vergangenen Jahres ein tolles Ding geleistet.

Patrick M. (30) arbeitet als Kellner in einem Lokal am Kilianstädter Bahn­hof. Auf dem Parkplatz vor der Tür stand sein VW Golf. Chris kam vorbei und sprach ihn an: „Schöne Kiste. Ich würde sie gern für meine Freundin kaufen.“ Herr M. war nicht abgeneigt. Vielleicht witterte er ein gutes Geschäft. Jedenfalls überließ er dem Chris vertrauensselig die Autoschlüssel für eine Probefahrt. Er selbst konnte  seine Gäste ja nicht im Stich lassen.

An dieser Stelle nimmt der Fall leicht bizarre Züge an. Patrick, der Kellner, sagt: „Ich kannte ihn aber gar nicht. Erst später erfuhr ich, um wen es sich da han­delte.“ Irritiert fragt Amtsrich­terin Jeschke: „Einem völlig Fremden ge­ben Sie Ihr Auto?“ Der Zeuge nickt betreten. „Haben Sie sich wenigstens einen Ausweis zeigen lassen?“ Die Antwort: „Nö!“

Chris besitzt keinen Führerschein. Hat nie einen gehabt. Das Autofahren habe er sich selbst beigebracht, sagt er. Ein Autodidakt also im wahrsten Sinne des Wortes. Er heizte dann mit dem Golf durch die südliche Wetter­au. Auf der Kreisstraße 246 kam er von der Fahrbahn ab und prallte gegen eine Leitplanke. Den Unfall schildert er auf seine treu­herzige Weise so: „Mein Handy fiel runter und rutschte unter die Bremse. Da ist es passiert. Was für ein Pech.“

Der Chris hat ein sympathisches Ge­sicht, auf dem ein Lächeln festge­wachsen zu sein scheint. Er ist jetzt 29 Jahre alt. 1,35 Promille waren spä­ter bei ihm festgestellt worden. Er hatte es aber noch geschafft, mit dem schwer beschädigten Wagen zum Lokal zurück zu schuckeln und dem entsetzten Herrn M. vorgeschwindelt, eine Au­tofahre­rin sei ihm unterwegs reinge­rauscht. Dann schwang er sich auf sein Fahr­rad und gab Fersengeld. Bei seiner Freundin, die, wie er sagt, inzwischen seine Ex-Freundin sei, leerte er noch eine Dose Whiskey-Cola, ehe er sich der Polizei stellte, die schon nach ihm suchte.

Es ist die Geschichte eines Außensei­ters, der, wie sein Verteidiger Lars Kirch aus Hanau anmerkt, „eher an einen pubertierenden Jugendlichen als an einen reifen Menschen“ erin­nere. Die Leitplanke hat er be­zahlt. 200 Euro. Viel Geld für einen, der von 564,24 Euro Grundsicherung lebt. Das sind 689 Flaschen Karls­krone Premium Pilsener beim Dis­counter an der Uferstraße, wo er sei­nen Nachschub zu holen pflegt.

Richterin Jeschke verurteilt Chris zu 80 Tagessätzen von je zehn Euro. Das wären in Bier umgerechnet … – ach, lassen wir das. Nur noch so viel: Auch gegen Herrn M. war zunächst ermittelt wor­den, wegen Zulassens des Fahrens ohne Fahrerlaubnis. Die Sache wurde aber eingestellt. Der Golf ist längst verschrottet. War nichts mehr zu machen. Ärgerlich, aber Schwamm drüber. Herr M. sagt resignierend: „Ich kriege ja doch keinen Cent Schadenersatz dafür …“