Das Grauen um drei Uhr früh

Angst, Panik, Grauen im Bild: Seelenmalerei. „Geschrei“ nannte Edvard Munch seine Lithografie (Gundersen Collection, Oslo)

Von Dieter A. Graber

HANAU. Als Frau W. vom Balkon ihrer Wohnung im zweiten Stock sprang, war es Dienstag, der 5. Mai 2015, ge­gen 3 Uhr früh. Sie hatte ent­setzliches Grauen durchlebt. Ihr Mann Georg war in ihr Zimmer ge­kommen. Er hatte sich auf sie ge­stürzt. Wortlos. „Diese riesigen Au­gen“, sagt sie, „in diesem entsetzli­chen Gesicht, ganz rot und groß. Seine Hände pack­ten meinen Hals …“ Und jetzt, während sie davon erzählt, ist die Angst wieder da, und Frau W. bricht in Tränen aus. Ihre Stimme versagt. Bis auf ihr Schluch­zen ist es ganz still in Saal 215 des Hanauer Landgerichts.

Georg W. leidet unter paranoider Schizophrenie. Er befand sich in dem Wahn, dass ihn seine Frau vergiften wolle. Vor sechzehn Jahren hatte er ihr die Kehle durch­geschnitten. Sie überlebte mit knapper Not. Er kam in die Klinik für forensische Psy­chiat­rie im nordhessischen Haina. Hier werden psychisch gestörte Täter be­handelt. Sie gaben ihm Olanzapin, ein Psychopharmakon, das in Deutsch­land unter dem Namen Zyprexa auf dem Markt ist. 70 Tablet­ten kosten 427 Euro. „Er tat mir leid“, sagt Frau W., „da habe ich es noch mal mit ihm versucht, als er wieder rauskam.“ Die Kinder, fügt sie hinzu, seien dagegen gewesen. „Sie hatten Angst vor ihm.“

Angst war in den Wo­chen vor der Tat auch ihr ständiger Begleiter. Sie spürte, dass etwas passieren würde: „Er ver­änderte sich, aß nichts mehr.“ Sie wandte sich an seine Ärzte in der Psychiatrie, hilfesuchend, aber die konn­ten gegen seinen Willen nichts unter­nehmen. Sie hatte eine Tasche ge­packt mit ih­ren Sachen – für eine Flucht.

Die Geschichte von Brigitte und Georg nahm vor fast 40 Jahren ihren Anfang in einer polnischen Disko. Zwei Teenager, die sich ineinander verliebten, die jung heirateten und dann ihr Glück in Deutschland ver­suchten. Mit Fleiß und Sparsamkeit brachten sie es zu was in ihrer neuen Heimat. Sie zogen zwei Kinder groß,  kauften eine Eigentumswohnung in Kesselstadt. Er arbeitete bei Dunlop, sie als Zustellerin bei der Post. Bri­gitte W. ist eine schmale, zierliche Frau. Sie hat eine leise, zerbrechliche Stimme. Sie sagt: „Nach dem Tod sei­ner Mutter begann er zu trinken. Er wurde aggressiv. Es gab häufiger Streit, meist um Geld.“

Dabei hortete Georg W. enorme Be­träge zu Hause. Als er festgenom­men wurde, hatte er 9243,17 Euro dabei. Es mag die Angst  des Aufstei­gers vor plötzlicher Armut gewesen sein, die ihn veranlasste, jeden Cent auf die Seite zu legen. Sie sagt: „Wir haben uns fast nichts geleistet.“ Er sagt: „Es war doch für meine Familie, wenn ich mal nicht mehr sein würde …“ Georg W. ist ein kranker Mann. Auch kör­perlich. Krebs hat er, Bron­chial­asthma, Arthrose in den Knien. Dazu Übergewicht: 147 Kilo brachte er auf die Waage damals. Heute sind es noch 127. Sieben verschiedene Medi­kamente musste er am Tag nehmen. Er ging in Frührente, führte fortan sein eigenes Leben, vorwie­gend in seinem Schrebergarten. Dort baute er Gemüse an und Obst. „Da­mit wir was zu essen hatten“, erklärt er. Und manchmal stellte er abends den Fernseher aus und drehte im Winter die Heizung ab, weil doch „ge­spart“ werden musste.

Die Krankenkasse, sagt sein Verteidi­ger Peter Oberländer, habe dann das teure Zyprexa nicht mehr bezahlt. Das billigere Alternativpräparat aber habe seinem Mandanten nicht ge­holfen. Er setzte es dann ab. Er nahm überhaupt keine Medikamente mehr. Frau W. sagt, sie habe das nicht ge­merkt.  Nur, dass er so anders war in den Tagen vor dem 5. Mai 2015, so unruhig, daran erinnert sie sich noch. Und dass er in jener Nacht die Woh­nungstür abschloss, was er sonst nie getan hatte.

Stockend schildert Brigitte W., was dann geschah: Wie sie um ihr Leben kämpfte, ihm mit Glück entwischte, erst zur verriegelten Tür, dann auf den Balkon rannte, bis ganz ans Ende, wo sie, sich umblickend, ihn näher kommen sah … Da ist sie ge­sprungen. Ein Nachbar fand sie schwerverletzt auf der Treppe. Sie war dorthin gekro­chen, stöhnend vor Schmerzen. Unter anderem hatte sie sich Frakturen an der Wirbelsäule, Rippenbrüche und einen Bruch des Handgelenks zugezogen. Als Zeuge berichtet der Nachbar: „Ihr Mann kam dann auch hinzu. Er schaute sie nur kurz unbeteiligt an, dann ging er weg.“ Georg W. wurde wenig später, vor der Laube in seinem Garten sit­zend, festgenommen.

Es geht in dieser Verhandlung nicht um Schuld und Sühne. Es ist ein Si­cherungsverfahren mit dem Ziel, Georg W. in einem psychiatrischen Krankenhaus unterzubringen, viel­leicht für immer. Er ist jetzt 55 Jahre alt.

Die Verhandlung wird fortgesetzt.