Das große Verpfeifen

Singen gemeinsam, aber nicht dasselbe Lied: Albin T. (ganz links) und Kreshnik I. mit Anwälten Christian Kunath, Eckart Sauer (unten) sowie Peter Wolff, Marko Spänle (stehend). Foto: Dieter Graber

Von Dieter A. Graber

HANAU. Albin T. ist ein kräftiger Mann von 35 Jahren mit blauschwar­zem Haar, stahlgrauen Augen und zwei große Talenten. Er kann Geld­schränke öffnen, und zwar mit nichts weiter als einer Brechstange, einem Kreuzschlitzschraubendreher, einem Hammer und zwei Holzklötzchen. Und zu plaudern versteht er, durchaus witzig und mit Pathos, wo­bei sich bis­weilen ein spitzbübisches Grinsen auf sein Gesicht legt. Albin T. also erzählt heute aus dem Leben eines Pan­zer­kna­ckers.

Er stammt aus Bosnien-Herzegowina, ist aber schon lange in Deutschland. Er soll mit Kreshnik I. (34) und ein paar anderen den Geldautomaten ei­ner Bank in Frank­furt-Riederwald er­leichtert haben (hier). Profiarbeit. „Das Ganze dauerte nicht mal zwei Minu­ten“, erinnert sich Kreshnik I., der aber wiederum nur der Fahrer gewe­sen sein und Schmiere gestan­den ha­ben will.

Albin leugnet.  Nicht, dass er behaup­ten würde, ein Unschuldslamm zu sein. Zurzeit sitzt er eine Haftstrafe in Würzburg ab. Aber dieses Ding will er nicht gedreht haben. Nein, nicht dieses! „Ich kutschierte den da nur ein paarmal mit dem Auto herum“, beteuert er und deutet mit dem Daumen über die Schulter nach hinten, wo Kreshnik I. auf der Anklagebank sitzt und ein zorniges Gesicht macht.  In der Nacht zum 5. Au­gust 2014 habe er dann bei dem Kreshnik zuhause das viele Geld gese­hen. Eher zufällig. 43.890 Euro müssen es gewesen sein. Jedenfalls laut Anklage, die Staatsanwalt Mar­kus Jung vorträgt. Packen von Banknoten, dick wie das New Yorker Telefonbuch, auf dem Küchentisch. An­schließend gönnten sich die Jungs ei­nen Besuch in einem Maintaler Sau­naclub. Lustig ist das Panzer­knackerleben...

Albin hatte schon in der Haftanstalt ausgepackt, den Kreshnik, den Afrim und den Edmond mit reingerissen. Umgekehrt hatte der Kreshnik den Albin in die Pfanne gehauen – das große Verpfeifen also. „Wenn wir singen“, witzelt der Albin, „dann singen wir alle zusammen“, und so zwitscherte auch der Kreshnik munter drauf los.

Heute muss die 1. Große Strafkam­mer das Geflecht entwirren auf der Suche nach der Wahrheit. Richter Pe­ter Graß­mück hat eine „verfahrens­beendende Absprache“ angeleiert, aber dazu soll es nicht mehr kommen. Stattdessen: Plauderstunden im Saal 215.

„Ich bin kein Kind von Traurigkeit“, verkündet der Albin mit dem verschmitzten Blick eines Lausbuben, der schon oft mit den Fingern im Mustopf erwischt wurde. In einem Hanauer Cafe lernte er den Kreshnik kennen. „Er suchte eine Bleibe für zwei Illegale.“ Afrim und Edmond aus dem Kosovo, geflüchtet vor der Polizei in ihrer Heimat wegen mehrerer Raubstraftaten und vielleicht auch, so genau wird das nicht klar, vor einem Geldverleiher, der Schulden eintreiben wollte. „Die planten Überfälle auf Spielotheken“, sagt der Albin amüsiert. Er habe ihnen das ausgeredet. „Wo da doch kaum was zu holen ist …“

Die große Knete hingegen wartet in den Bankomaten, stets zum Monatsende, wenn die Leute ihren Lohn bekommen, und der Albin weiß auch, wie so ein Tresor funktioniert. Er jetzt führt sein Wissen ein bisschen spazieren in Saal 215, deutet mit ausholenden Gesten das Prinzip dieses ganz speziellen Modells an, das es nur in den Filialen einer einzigen Bank gab, und wie es zu knacken war: „Vordere Blende entfernen, die Tür lockern – dann ist die Sache schon halb gelaufen.“ Eine kleine Vorlesung in Schränkerkunde ist das, amüsant und lehrreich obendrein.

Kreshnik sagt, auf Albin deutend: „Es war sein Plan. Er besorgte sich dafür extra ein Spezialbrecheisen in Wien. Noch auf der Rückfahrt haben wir das Geld geteilt, die leeren Kassetten im Main entsorgt.“ Jeder habe ein Vier­tel bekommen. Nur Albin noch 2000 oben drauf. „Angeblich für den Wachmann, den er bestochen hätte.“ Der aber war gar nicht geschmiert, wie Oberkommissar  Maik K. im Zeugen­stand erklärt. „Wir haben das ermit­telt.“ Hat da ein Ganove seine Kom­plizen besch …– also über den Tisch gezogen?

Jedenfalls schickten Afrim und Ed­mond anderntags erst mal ordentlich Geld nach Hause in den Kosovo, abends machten sich alle ein paar schöne Stunden im Obertshausener Spaßbad „monte mare“, aber da ging der Streit schon los. Angeblich hatten die Jungs bereits das nächste große Ding im Auge und wollten den Kresh­nik ausbooten.

Schon im Gefängnis hatte Albin den Kreshnik und die anderen belastet. Er wollte von der JVA Würzburg nach Hessen verlegt werden. Näher zu seiner Frau und den Kindern. Kommissar K. und seine Kollegen hatten sich ja durchaus bemüht. Vergeblich. Bürokratische Hürden halt. Und so muss er weiter schmoren in dem bayrischen Knast.

Kreshnik soll übrigens dieselbe Bankfiliale später noch mal heimgesucht und 42.700 Euro erbeutet haben. Das leugnet er. Ebenso, Afrim und Ed­mond über die Balkanroute nach Deutschland eingeschleust zu haben. Er will sie an einem ungarischen Bahnhof aufgelesen haben. Ohne Papiere. Zwei versprengte Flüchtlinge auf dem Weg ins Paradies namens Deutschland. Die beiden sind inzwischen allerdings erneut auf und davon. Ihre Haftbefehle mussten wegen der gesetzlichen Frist aufgehoben worden.

Es scheint, als seien mit diesen Angeklagten nur die kleineren Fische im Netz hängen geblieben. Aber ihren Stolz lassen sie sich trotzdem nicht nehmen. Fragt keck der Albin den Kommissar: „Haben Sie DNA von mir gefunden, Fingerabdrücke oder Bilder auf einer Überwachungska­me­ra?“ Nein, hat er nicht. Die Täter trugen ja auch Masken. Albin strahlt triumphierend. Ein guter Schränker würde sich auch nie eine solche Blöße geben!

Und so ist das Urteil wenig überra­schend: Freispruch für Albin T., dem eine Beteiligung an dem Bruch nicht nachzuwei­sen ist, Kreshnik I. kommt mit einein­halb Jahren davon. Auf Bewährung, wohlgemerkt. Beide haben aber noch ein paar Jährchen abzureißen wegen anderer Geschichten. Tja, sooo lustig ist das Panzerknackerleben auch wieder nicht.