Das Leben nach Raijlovac

Feuer frei! „Wer glaubt, ein Füller sei mächtiger als ein Schwert, der hat noch nie ein Maschinengewehr erlebt“ (General MacArthur). Vielleicht die Ansicht eines Analphabeten ©Ruby Lane

Von Dieter A. Graber

HANAU. Die Geschichte beginnt am 23. Mai 1997 im bosnischen Raijlovac. Aus der Bordkanone eines Luchs-Spähpanzers lösen sich durch Fahrläs­sigkeit sechs Schüsse. Zwei Soldaten der deutschen SFOR-Truppen, ein Un­teroffizier und ein Hauptgefreiter, werden tödlich getroffen. In dem Konvoi dabei ist Tobias D., ein junger Zeitsoldat aus Gelnhausen. Siebzehn Jahre später: Im 4300-Seelen-Ort Hailer hat sich ein Waffensammler in seinem Haus verschanzt. Er hält sich eine Pistole an den Kopf und droht, sich zu erschießen. Ein Nervenkrieg beginnt. Er dauert Stunden. Die Ge­gend wird weiträumig abge­sperrt. 70 SEK-Polizisten sind im Ein­satz. Dem Beamten Frank M. gelingt es schließ­lich, den Mann zum Aufge­ben zu be­wegen. Es ist Tobias D., in­zwischen 39 Jahre alt. Irgendwie war sein Leben nach der Tragödie von Raijlovac aus der Spur geraten.

Tobias D. ist ein großer Mann, gut zwei Meter, und ziemlich breit, mit Armen wie die Treibstangen einer Dampflok, die blonden Haare licht geworden am Hinterkopf. Ein wenig Bartwuchs schmückt sein  gutmütiges Gesicht. Gepflegt sieht er aus: beige­farbene Cargohose, festes Schuh­werk, braunes Hemd. Alles sauber. Das war nicht immer so.  Als sie ihn im März vergangenen Jahres in die Psychiatrie nach Schlüchtern brach­ten, „sah er ziemlich herunterge­kommen aus“, wie sich Kommissar M. erinnert. „Übergewichtig, ungepflegt, abgerissen. Er hatte fast keine Zähne mehr.“ Auch die Wohnung. Alles vermüllt. Richter Peter Graßmück zeigt Fotos auf dem Gerichtsmonitor in Saal 215. Die Küche zugestellt mit Kisten und Tüten und allerlei Hausrat. Das Schlafzimmer vollgestopft mit Kleidung, darunter Uniformen. Und dazwischen: Ein Ma­schinengewehr auf Zweibein, schuss­bereit, ein Sturmgewehr, Patronen­gürtel, MG-Teile.

Tobias D. ist wegen Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz ange­klagt. Pumpguns, Pis­tolen, MG-Ver­schlüsse und -Wechselläufe, Nacht­zielgeräte und Infrarot-Ziel­schein­werfer sowie 2000 Schuss Mu­nition stellte die Polizei damals si­cher. „Die Wohnung war gespickt mit Waffen“, berichtet Kommissar M. im Zeugen­stand. Alles scharf. Und was demilita­risiert war, also funktionsun­tüchtig gemacht, hatte er in seiner Werkstatt einfach zurückgebaut. Er kennt sich mit so etwas aus. Er war schließlich Ausbilder beim Bund.

Es ist auch die Geschichte eines Kriegstraumas. Die Jungs sind nicht immer so hart, wie sie gern wären. „Wer damals zum Militärpfarrer ging, galt als Schwächling. Aber mich ließ das Erlebte nicht mehr los“, sagt der Angeklagte. „Ich bekam Depressio­nen, Schlafstörungen. Dann hatte meine Freundin auch noch eine Tot­geburt im dritten Monat, das Finanz­amt machte Druck.“ Suizidgedanken habe er gehabt. Tobias D. versuchte sich nach der Bundeswehrzeit in der Musikbranche. Er schei­terte mit ei­nem Schallplattenladen. Er rutschte ab in die Drogenszene. Er ließ sich gehen. Er begann, Waffen zu horten …

Oberstaatsanwalt Thomas Ge­schwinde sagt: „Es ist heutzutage einfach, so etwas im Internet zu kau­fen.“ Sogar Kriegsgerät. Tobias D. war auf diversen Foren unterwegs. Es gibt da sogar eine Art E-Bay für Waffen. Bezahlung im Voraus, die Ware kommt per Post. Der Angeklagte sagt, die Verschlüsse seien in einer Kiste mit harmlosem Material gewesen, das er bei einer Auktion von Bundes­wehrbeständen ersteigert habe. „Und das Maschinengewehr?“ fragt Richter Graßmück. Es handelte sich um ein serbisches Zastava M53 Kal. 7,92 × 57 mm. „Das ist so leicht zu kaufen wie eine Uhr“, antwortet der Angeklagte.

Schwerer ist es hingegen, seine Mo­tive zu verste­hen. Sammelleiden­schaft war es wohl kaum, hat er die Stücke doch eher lieblos in seiner Messi-Bude neben allerlei Trödel auf­bewahrt. So geht kein Liebhaber mit seinen Schätzen um. Der Angeklagte sagt, sie hätten ihm Sicherheit gege­ben. „Für mich und meine Familie. Ich dachte, da könnte ich uns wenigstens schützen, zum Beispiel gegen den Terror des Islamischen Staates.“ Er be­tont aber auch: „Heute blicke ich kopfschüttelnd darauf zurück.“ Er ist in psy­chiatrischer Behandlung. Der Facharzt Waldemar Lenhardt sagt als Sach­ver­ständiger aus: „Er litt unter einer de­pressiven Episode, die auch durch Kriegseinsätze geprägt wurde. Aber als gefährlich für die Allgemein­heit habe ich ihn nicht eingeschätzt.“ Kommissar M. sagt: „Als er mir ge­genüber saß, die Waffe an seinem Kopf, hatte ich nie die Befürchtung, dass er mir etwas tut.“ Frank M. war auch auf dem Balkan gewesen. Bei der Polizei. „Wir sprachen über un­sere Erlebnisse dort …“

In der Wohnung von Tobias M. waren auch noch Ecstasy-Tabletten und über 400 Gramm Marihuana gefun­den worden. „Zum Eigengebrauch“, beteuert er. Und: „Auch mit den Waffen wollte ich nicht handeln. Ich hätte nie zugelassen, dass sie in fal­sche Hände geraten.“

Die 1. Große Strafkammer verurteilt Tobias D. zu zwei Jahren auf Bewäh­rung. Er muss zudem seine Therapie fortsetzen und 200 Stunden gemein­nützige Arbeit leisten. Er nimmt das Urteil an. Waffen sind übrigens seine Passion nicht. Sondern Autos. Ein ganz bestimmtes Modell, nämlich der „Iltis“, das ist der VW Kübel Typ 183. Er kauft und restauriert die alten Ge­län­dekisten. Seine Firma expandiere, strahlt er. „Es gibt ,Iltis‘-Liebhaber in ganz Europa.“ Wenigstens ist das eine friedliche Fan-Gemeinde.

Info: 
Kultige Kiste „Iltis“: Gut 15.000 Euro muss man für ein generalüberholtes Exemplar hinlegen.
Raijlovac bei Sarajevo. Von 1996 bis 2007 befand sich hier ein Feldlager der SFOR-Schutztruppe. ©Hedwig Klawuttke