Das macht Spaß! Ich geb' Gas...

… sang Markus vor über 30 Jahren. Erinnern Sie sich? Das ist noch heute aktuell, denn der gut motorisierte Verkehrsteilnehmer lässt sich nicht aufhalten und umkurvt Hindernisse auch mal auf ungewöhnliche Weise. Szene aus „Transporter“

Von Dieter A. Graber

HANAU. Ein Mann wie Herr B. hat es immer eilig. Herr B. ist Außen­dienst­ler. „Verkäufer“ sagt er. Nun ja, Hunderte gibt es davon in dem großen süddeutschen Unternehmen. Aber das weiß ja niemand, wenn er in seinem schwar­zen Audi A4 auf der Autobahn vorbei rauscht, unterwegs zum nächsten Kunden.

Herr B. sitzt jetzt jedoch nicht im Cock­pit seines 150-PS-Dienstwagens, son­dern auf der Anklagebank des Ha­nauer Amtsgerichts. Ein tolles Stück soll er sich geleistet haben auf der A45. Zunächst bedrängte er einen Ford-Fahrer auf der Überholspur. Dann zog er rechts rüber, wobei er sich in eine Lücke zwischen zwei Lastwagen gequetscht haben muss, schoss auf dem Standstreifen rechts an der Kolonne vorbei, setzte sich wiederum links vor seinen „Kontrahen­ten“ und bremste ihn aus. Eine Art Strafmaßnahme mit 160 Sachen. So ähnlich jedenfalls steht es in der An­klageschrift, die Staatsanwältin Grumann verliest. Herr B. schüttelt den Kopf. „Ich kann mich an einen solchen Vorfall nicht erinnern“, sagt er und fügt sanft hinzu: „Es würde mir auch im Traum nicht einfallen, so etwas zu tun.“

48 Jahre ist er alt, also kein jugendli­cher Heißsporn mehr und obendrein Vater zweier heranwach­sender Kinder. Er trägt lässige Jeans, das blaue Hemd spannt schon ein wenig über der Körpermitte, Kinn- und Oberlippenbärtchen sind sauber gestutzt. „Der klassische Typ Drängler ist ein Mann in den besten Jahren, der Erfolg hat, ein großes Auto fährt und viel unterwegs ist. Deswegen glaubt er, besser zu sein als andere.“ Diese Erkenntnis stammt von dem Unfallforscher Siegfried Brockmann, der sich für die Versicherungswirt­schaft mit Aggression im Straßenver­kehr be­schäftigt hat. Ach ja, noch et­was: Ei­ner ADAC-Befragung zufolge fühlen sich 25 Prozent der Verkehrs­teilneh­mer von Audi-Fahrern beson­ders be­droht. Und 43,5 Prozent verbinden gerade mit Fahrern von schwarzen Wagen ein aggressives Verhal­ten. Stimmt alles. Herr B. passt da genau ins Bild. Aber natürlich ist sol­cherart Feldforschung mehr was für die bunte Seite im hinteren Teil von Zeitungen und entbehrt vor Gericht jeglichen Beweiswertes.

Herr B. hat den Strafverteidiger Ge­r­hard Ciesielski aus Dortmund mitge­bracht. Der ist mit seinem Mandan­ten die Strecke abgefahren. Zwischen Kilometer 223,3 und  223,9 soll sich der Vorfall ereignet haben. „Das ist exakt die Distanz von der Ab­fahrt Hammersbach zur Rast­stätte Lan­genbergheim“, sagt der Anwalt. Er findet das verwunderlich. Er sagt: „4000 Dienstwagen hat der Arbeitge­ber meines Mandanten.“ Könnte es nicht ein Kollege ..? Die Firma handelt mit Schrauben und Dübeln. „Mon­tage- und Befesti­gungsmaterial“ heißt es offiziell. Herr B. baut gerade sein Häuschen um und hatte es viel­leicht deshalb so eilig auf dem Heim­weg ins Ruhrgebiet an jenem 8. Mai des ver­gan­ge­nen Jahres. „Zwohundertfünf Spitze“ schaffe der Audi, sagt er.

Da kommt der Ford C-MAX von Herrn M. nicht ganz mit, obwohl der das Gaspedal bis in die Ölwanne durch­gedrückt hatte. Ist ja auch mehr ein Familienauto: „Im Rückspiegel sah ich ihn näherkommen, bis ganz dicht an mich ran“, erinnert er sich. „Ich hatte echt Angst …“ Herr M. machte hinterher extra einen dreizehn Kilome­ter langen Umweg zur Polizei nach Büdingen, um den Verkehrs­rowdy anzuzeigen. „Erkennen Sie den Fahrer heute wieder?“ fragt Richterin Kohlheim und weist auf den Ange­klagten. Als „männlich, mit dunklen Haaren“ hatte er ihn damals be­schrieben. Herr B. ist eher blond und der Zeuge un­entschlossen: „Also … nein“, sagt er, fügt dann rasch hinzu: „Aber ich habe mit meinem Handy ein Foto gemacht.“ Leider hat das Endgerät in­zwischen den Geist aufge­geben, je­doch auf der „Cloud“, also dem Da­tenspeicher seines Mobil­funkanbie­ters, könnte dieses Be­weismittel noch zu finden sein. Herr B. sieht jetzt et­was unglücklich aus. Zum einen, weil die Sache für ihn zu kippen scheint, aber auch, weil Rich­terin Kohlheim einen weiteren Ver­handlungstermin ansetzt.

Zehn Tage und 580 Kilometer später (Hanau-Dortmund und zurück) geht es in Saal 110 weiter. Stolz präsen­tiert Herr M. das ausgedruckte Foto. Der Audi des Angeklagten ist vor sei­ner Kühlerhaube auf der linken Spur deutlich zu erkennen. Ein schwarzes Geschoss mit knallroten Bremsleuch­ten. „Als er rechts neben mir auf­tauchte, spritz­ten Erde und Gras vom Randstreifen hoch“, erzählt der Zeuge. Der Ange­klagte verdreht ent­nervt die Augen. Sein Anwalt legt sich mächtig ins Zeug. Staatsanwältin Grumann sieht gar eine „Gefährdung des Straßen­verkehrs“, für die Para­graph 315 StGB Geld- oder Freiheits­strafe bis zu fünf Jahren vorsieht.

Es geht noch ein bisschen hin und her, schließlich aber wird das Verfah­ren doch eingestellt. Zu dünn die Be­weislage. Und nur, weil der Audi schwarz und Herr B. im besten Alter ist – nein, das reicht nicht. Er muss aber 1200 Euro an die Verkehrswacht zahlen. Verärgert macht er sich auf den Heim­weg. Wenig Verkehr jetzt auf der A45. Freie Fahrt also …