Das Paar aus den Bergen

Von Dieter A. Graber

HANAU. Darf man Mitleid haben mit einer Frau, die eine Mörderin sein könnte?

Banu D. steht im Verdacht, den Ha­nauer Unternehmer Jürgen Volke er­schossen zu haben. Am dritten Tag ih­rer Zeugenaussage wurde sie im Ge­richtssaal verhaftet, noch ehe sie sich den Fragen der Kammer, der Vertei­digung, der Nebenkläger-Anwältinnen stellen konnte. Das Ganze hat etwas Trauriges, trotz ihrer möglichen Schuld, trotz der Monstrosität des Verbrechens: Banu D. ist in eine Falle gegangen. Man kann das Zuschnap­pen förmlich hören im Saal 215, wo ihr der Haftbefehl verkündet wird. Natürlich gilt für sie die Unschulds­vermutung, gleichwohl sagte Richter Peter Graßmück, es bestehe eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie als Täte­rin infrage komme. „Dringender Tat­verdacht“ ist eine der Voraussetzun­gen für den Erlass eines Untersu­chungshaftbefehls (Paragraph 112 StPO).

Diese Wendung kam allerdings nicht unerwartet. Aber zuerst ein Blick auf die Ausgangssituation: Nach den töd­lichen Schüssen vom 7. September 2013 gab es zwar zahlreiche Ermitt­lungsansätze, aber zunächst keine ein­zige „heiße Spur“. Infrage kamen als Täter: die nächste Umgebung des Opfers, also Ehefrau und Kinder (Mo­tiv Familienkonflikt), jemand aus der Firma von Jürgen Volke, einer Spedition (Rache), ein Besucher oder Konkurrent jenes Swinger-Clubs, der früher einmal im Haus ne­benan betrieben worden war (Ver­wechslung). Schnell allerdings kon­zentrierte sich der Verdacht auf Lutz H., den Schwager des Toten. Er hatte ein Motiv, nämlich den Erbschafts­streit, und er verfügte über Waffen. Nachzuweisen war ihm jedoch nichts.

Ortswechsel: Im beschaulichen Ört­chen Eisentratten leben Lutz H. (heute 52) und seine Geliebte Banu D. (30) sowie deren beide Kinder (7 und 9). Bis zum Millstätter See sind es dreiundzwanzig  Kilometer, bei schö­nem Wetter leuchtet das Gipfelkreuz des 2179 Meter hohen Stileck herüber. Idylle wie aus dem Heimatfilm. Die Familie H. gilt hier etwas. Dr. Willy H. und seine Frau verbrachten im Haus Innernöring 29 ihre letzten Lebens­jahre. Staatsanwaltschaft und Polizei entschließen sich, einen verdeckten Ermittler auf das Paar anzusetzen. Es gelingt ihm, ihre Freundschaft zu ge­winnen. Sie legen jegliches Miss­trauen ab, machen Andeutungen über die Tat, schließlich verkauft Lutz H. ihm sogar die FN Browning Kal. 7.65 mit dem Hinweis, die Pistole sei für den Mord in der Gallienstraße ver­wendet worden. Zweieinhalb Jahre nach den tödlichen Schüssen wird er verhaftet. Schon damals stand auch Banu D. unter Verdacht. Aber erst jetzt konnte durch neue technische Möglichkeiten anhand ihrer Mobil­funkdaten ermittelt werden, dass sie sich schon vor der Tat mindestens einmal in der Gallienstraße aufgehal­ten haben muss.

Gleichwohl wirft der Einsatz Ver­deckter Ermittler rechtsethische Fra­gen auf. Ist es unmoralisch, wenn sich der Staat in das Vertrauen von Bür­gern einschleicht, es missbraucht und das so erlangte Wissen schließlich ge­gen sie verwendet? Und wie weit darf er dabei gehen? Paragraph 110a StPO beschränkt deshalb den VE-Einsatz auf wenige, klar umrissene Kapital­verbrechen, etwa Drogen- und Waf­fenhandel, organisierte Kriminalität, Staatsschutzsachen. „Mord“ kommt dabei zwar nicht ausdrücklich vor, al­lerdings gibt es ein Hintertürchen: „… wenn die besondere Bedeutung der Tat den Einsatz gebietet und andere Maßnahmen aussichtslos wären.“ Wichtig: Verdeckte Ermittler sind Po­lizeibeamte, keine privaten Spitzel. Sie dürfen mit Scheinidentitäten auftre­ten, aber keine Straftaten provozieren.

Der Aussage des Verdeckten Ermitt­lers wird in dem neu beginnenden Verfahren die wichtigste Bedeutung zukommen. Aber was könnte die Verteidigungsstrategie der Angeklag­ten sein? Bisher machte Lutz H. keine Angaben. Wenn auch Banu D. schweigt, dürfte es schwierig werden für Staatsanwalt Mathias Pleuser, den Angeklagten die jeweilige Tatbeteili­gung nachzuweisen. In der Anklage ist „Rache“ und die Angst vor dem „Ver­lust der wirtschaftlichen Existenz“ als Motiv aufgeführt. Das gilt für Lutz H. – aber auch für seine Geliebte? 

Banu D. ist eine Frau, auf die das Ad­jektiv „geheimnisvoll“ zutrifft. Sie weiß charmant zu plaudern. Sie wirkt schüchtern und resolut gleicherma­ßen. Vielleicht reduziert sich ihre Mo­tivlage auf das, was man „bedin­gungslose Liebe“ nennt, jenes rational nicht erklärbare Phänomen der emo­tionalen und sexuellen Bindung zwi­schen einer attraktiven jungen Frau und einem älteren, lebenserfahrenen Mann. Das hat vielleicht zu tun mit Hörigkeit, mit Unterordnung. Dafür gibt es Indizien: Sie überwies ihm 23.000 Euro, ihren Anteil aus dem Verkauf ihres Hauses im Jahr 2013 nach ihrer Scheidung. Sie bezahlte seine Anwaltskosten. Sie trug über all die Jahre wesentlich zum Lebensun­terhalt bei. Doch erst während der Ge­richtsverhandlung erfährt sie, dass Lutz H. nicht sie als Erbin des Kärntner Hauses, sondern seine Noch-Ehefrau Silke  im Testament eingetragen hat. Da ist sie mehr als verblüfft, sprachlos für einen Mo­ment. Ungläubiges Staunen legt sich auf ihr Gesicht. Es gibt Frauen, die töten aus Liebe – oder für das, was sie dafür halten. Aber, wie gesagt, noch gilt die Unschuldsvermutung.

 „Das Gefangenendilemma“ heißt eine Spieltheorie, bei der es darum geht, wie sich zwei gefasste Verbrecher vor Gericht verhalten können. Obwohl es für beide, zusammen betrachtet, bes­ser wäre, nichts zu sagen, weil sie dann mit einer geringen Sanktion da­von kämen, hat jeder Anreize, von ei­nem Schweigeabkommen abzuwei­chen: Erstens könnte als Kronzeuge sofort frei kommen, wer seinen Kom­plizen ans Messer liefert, und zweitens blieb jedem bei einem Ge­ständnis die Höchststrafe erspart. Also haben beide gemeinsam ein an­deres Interesse als einzeln aus ihrer jeweiligen Froschperspektive. Es ist ein mathematisches Spiel mit For­meln und Zahlen. Gefühle kommen darin nicht vor. Wie wird sich Banu D. in diesem Dilemma entscheiden? Der am 26. Januar beginnende Prozess steckt voller spannender Momente.

Und vielleicht wird ja auch die ein­gangs gestellte Frage, die nach dem Mitleid, beantwortet. Auf die eine oder andere Weise.

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