Das qualvolle Sterben der Petra M.

Der tiefe Fall des Advokaten: Vom Rechtsanwalt zum Angeklagten in einem der grausigsten Mordfälle

Von Dieter A. Graber

HANAU. Irgendwann zwischen dem 20. März dieses Jahres, etwa 17.30 Uhr, nachdem Frau M. angetrunken von der Badischen Weinstube nach Hause ge­kommen war, und dem Abend des Fol­getages, also dem 21., geschah eine grauenhafte Tat in der Wohnung Fried­richstraße 17, erster Stock. Jemand überschüttete sie mit Spiritus und zün­dete sie an. Das Sterben der Petra M. dauerte dann noch neun Tage. Es war, als habe das Martyrium ihres Lebens sein entsetzliches Finale hin­auszögern wollen, ehe der Tod sie gnädig in die Arme schloss. Vor der 1. Großen Straf­kammer muss sich jetzt Dirk. M. (49) ihr Ehemann, dafür verant­worten. An­geklagt ist Mord.

Es gibt letzte Fotos von Petra M., auf­genommen im Offenbacher Sana Kli­ni­kum, wo die Ärzte vergeblich um das Leben der Frau kämpften. Rich­ter Peter Graßmück zeigt sie auf den gro­ßen Ge­richtsmonitoren. Es sind schau­rige Bil­der eines seiner Physiog­nomie beraub­ten, durch einen Tubus beatme­ten, im Koma liegenden, dem Ende ent­gegen dämmernden Men­schen.  Herz­zerrei­ßende, schwer er­trägliche Bilder sind das. So möchte niemand die Person se­hen, die er mal liebte, viel­leicht, ir­gendwann einmal. Dirk M. hat die Au­gen ge­schlossen. Aber er weint nicht. Wo­möglich ist Trauer im Ge­fühlsreper­toire dieses seltsamen Mannes nicht vorhanden.

Am Abend des 21. März gegen 20.30 Uhr ruft er die 112 an. Er nennt sei­nen Namen, die Adresse, sagt: „Gu­ten Abend. Meine Frau ist verbrannt. Sie reagiert nicht mehr. Ich brauche drin­gend einen Arzt!“ Wie das pas­siert sei, fragt der Mann vom Not­dienst? „Mit Brennspiritus“, antwor­tet er. „Atmet sie noch?“ – „Ja!“ – „Normal?“ – „So kann man das nicht nennen. Als ich kam, ver­suchte sie noch zu reden. Jetzt ist sie ganz weg.“ – „Hebt sich der Brust­korb?“ – „Ja. Ein Arm auch. Das Herz schlägt.“ – „Sehen Sie Brandblasen?“ – „Nein. Sieht eher aus wie Abschürfun­gen.“ – „Gab es eine Verpuffung?“ – „Ich war doch nicht dabei“, sagt er. Man könnte es „eine förmlich Mel­dung“ nennen. Herr M. ist Reserveoffi­zier der Bundeswehr. Er hat, so hört es sich jedenfalls an, einen Vorfall zur Kenntnis ge­bracht an jenem Abend.

Herr M. sagte in seiner Vernehmung, kurz, nachdem er festgenommen wor­den war unter dem Verdacht, seine Frau Petra (52) getötet zu ha­ben, er habe das Haus mor­gens gegen neun verlassen. Da sei sie noch gesund und munter ge­wesen. Nach seiner Rückkehr habe er sie, wim­mernd und fast nackt auf dem Fuß­boden kauernd, vorgefunden. Der Körper von Frau M. war übersät mit Hämatomen. Ein Fuß wies Schnitt­wun­den auf. Häusliche Gewalt weist Herr M. aber von sich. „Mal ein spieleri­scher Klaps, das schon“, sagt er. Aber Schläge? Niemals!

Zumindest das ist gelogen. Am 18. De­zember 2016 rief eine Nachbarin die Polizei. Sie hatte Schreie aus der Woh­nung des Ehepaars gehört. Petra M. öff­net den Beamten mit Bluter­güssen und Platzwunden im Gesicht. Auch das ist fotografisch dokumentiert. Irgendwo muss es ein Verfahren ge­ben gegen Dirk M. wegen dieser Sache. Verlief es im Sande? Frau M. hatte damals auf ei­nen Strafantrag ver­zichtet.

Die beiden sind zu diesem Zeitpunkt längst ein Paar am Ab­grund. Als sie sich das Ja-Wort ga­ben, zwanzig Jahre ist das her, war er Jura­student mit gro­ßen Plänen. Seine Referendarausbildung absolviert er in Hanau. Versuch als niedergelassener Rechtsanwalt. Er scheitert. Nach vier Jahren und diver­sen Verfahren wegen Betrugs und Verun­treuung gibt er seine Zulassung zurück. Anschließend geht er für ein Jahr als Reservist mit Offiziers­dienst­grad zum Einsatz in den Kosovo. Be­schäftigungs­therapie. Vielleicht auch eine Flucht vor der Realität daheim. Nach der Rückkehr kann er erst recht nicht mehr Fuß fassen im normalen Le­ben. Das Ehepaar ist ganz unten ange­kommen. Hartz IV. Es gibt ein paar Er­sparnisse. Seine Mutter buttert etwas zu. Mietschulden drücken. Der Alko­hol mag das letzte Band gewe­sen sein, das die beiden zusammen hielt. Sie wird wiederholt sturzbetrun­ken auf der Straße aufgelesen, er  zieht sich bei ei­nem Sturz mit drei Promille ein Schä­del-Hirn-Trauma zu und liegt tagelang im Koma.

War der Tod von Petra M. ein Unfall? Ein Suizidversuch? Die leere Spiritus­flasche fand sich in der Küche, fein säuberlich weggeräumt. Ihr angekokelter Pulli war ausgewaschen und über einen Wäschetrockner gehängt wor­den, sie selbst abgeduscht. Würde jemand das alles nach einer missglück­ten Selbsttö­tung, un­ter grässlichen Schmerzen lei­dend, noch tun? 

Dirk M. ist ein bulliger Mann. Blondes Haar, schwarzer Rolli unterm dunkel­blauen Blazer. Forschend blickt er ins Publikum, selbstbewusst, manchmal nachdenklich lächelnd, die Ellbogen aufgestützt, die Hände unterm Kinn ge­faltet. Der Zuschauerraum ist gut ge­füllt. Zu Sache macht er keine Angaben. Doch viele Indizien sprechen gegen ihn. Ober­staatsanwalt Dominik Mies ist über­zeugt, dass der Angeklagte seine Frau zunächst geschlagen und getreten und dann mit dem Ethanol in Brand ge­steckt hat. Doch wann geschah das? Thomas Pierson, Facharzt für Plastische Chirurgie und Gutachter in diesem Pro­zess, ist überzeugt, dass die Brandwun­den mindestens einen Tag alt waren, als Frau M. ge­funden wurde, vielleicht noch älter. Sie könnte mithin noch über vier­undzwanzig Stunden hilflos in der Wohnung gelegen haben. Rechtzeitig gefunden, wäre sie zu retten gewesen. Es ist ein grauenhafter Gedanke.